Der Visionär in jungen Jahren

»Steve Jobs - The Lost Interview« von Paul Sen

  • Von Alexandra Exter
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Steve Jobs starb, wurde eigentlich alles über Steve Jobs gesagt, was es zu sagen geben konnte. In Sondersendungen, bei Straußniederlegungen, in Feierstunden, Zeitungsbeilagen, Trauerreden. Ein knappes Jahr nach seinem Tod kommt mit diesem kurzen Interviewfilm ein Gespräch mit Jobs ins Kino, das 1995 als Grundlage für eine Fernsehsendung gedreht wurde und nie in auch nur annähernd voller Länge irgendwo zu sehen war. Es zeigt einen pausbäckigen, noch relativ langhaarigen Jobs, der auf die Fragen von Interviewer Bob Cringely voller Enthusiasmus und mit gelegentlichem Schmunzeln von seinen Anfängen erzählt - nur die Lennon-Brille und der schwarze Pullover verweisen bereits auf den späteren Guru einer zunehmend Design-bewussten Computerszene.

Der Verlauf des Interviews ist chronologisch, von prägenden Eindrücken eines kaum pubertären Jobs während eines Sommerjobs beim Hardware-Konzern Hewlett-Packard über das erste Treffen mit dem späteren Apple-Mitgründer Steve Woszniak und dem Bau ihrer Blue Box, eines kleinen, hausgetüftelten Gerätes (allerdings hatten sie dazu die Bibliothek der Stanford-Universität zur Verfügung), mit dem sie die millionenschwere Telekommunikations-Infrastruktur des US-Telefonie-Marktführers AT&T überlisten und frei um die ganze Welt kommunizieren konnten. Wenn er reminiszierend auf die Ära der Schrankcomputer zu sprechen kommt, nennt Jobs sich hier (1995!) bereits selbst ein Fossil der IT-Bewegung, zu einer Zeit, als sein Wiedereinstieg nach dem zehn Jahre zuvor erfolgten Rauswurf bei Apple, als iMac, iPod, iPhone und iPad noch in relativer Ferne lagen.

Nach dem ersten selbstgebauten Computer für den Eigengebrauch befragt, den Apple I, erzählt Jobs von im Verhältnis zum heutigen Umsatz seiner Firmengründung rührend hausbackenen Erträgen mit einem Gerät, das Woszniak und er erst nur für sich selbst bauten (für Fertiggekauftes hatten sie kein Geld), dann für ein paar Freunde zum Selbstkostenpreis in Serie (für den Kaufpreis der Einzelteile musste Jobs seinen VW-Bus versetzen) und schließlich in einer kleinen Auflage an den ersten Computerladen im heimischen Palo Alto verkauften. Der nahm fünfzig, sie kauften (auf Kredit) die Teile für einhundert, zahlten mit dem Gewinn aus den ersten fünfzig die Teile für alle hundert ab - und schlidderten »in die klassische Marx'sche Profitrealisierungskrise« (Zitat Jobs): ihr ganzer Gewinn lag jetzt in fünfzig Computern fest, für die sie erst mal einen Markt finden mussten. Der ließ sich, die Geschichte lehrt es, finden.

Für ihren zweiten selbstgebauten Computer, den Apple II, brauchten sie dann schon einen Investor. Mit 21 stand Jobs an seinem ersten eigenen Stand auf einer Computermesse, mit 23 Jahren hatte er seine erste Million verdient, mit 24 die ersten zehn, mit 25 die ersten hundert Millionen. Trotzdem glaubt man ihm, wenn er von den Mitstreitern spricht, den Mitdenkern, Mitpionieren, die ihm wichtiger waren, von der innovativen Leistung, die in den Geräten lag, vom Schreiben von Programmen als klärendem Spiegel der eigenen Gedankenstruktur: »die Kunst, Computer zu programmieren, zählt für mich zu den schönen Künsten, jeder Mensch sollte ein Jahr damit verbringen, eine Computersprache zu lernen«. Manches in diesem Interview ist schlichte Firmengeschichte, ein Streifen der Fehler anderer, das Abrechnen mit Wettbewerbern und dem Mann, der Jobs für eine ziemlich lange Zeit aus seiner eigenen Firma drängte.

Oft aber hört man einen begeisterten Neuerer, einen genialen Visionär, den Mann, der unseren Alltag wahrscheinlich mehr veränderte als irgendjemand sonst in den letzten Jahren. Außer vielleicht Bill Gates. Aber dessen Firmengründung Microsoft sei eine Schildkröte gewesen im Vergleich zu Apple und habe Apple an Bedeutung nur deshalb (zeitweise) einholen können, weil Apple ohne Jobs eben einfach nicht mehr Apple war. Sagt Jobs, so oder ähnlich. Bill Gates der banale Nachahmer, er der Mann mit Geschmack und Anspruch. Sagt Jobs. Und dass das Internet das Ding der Zukunft sein werde, und auch wie. Das ist es, was dieses alte Interview so interessant macht: zu sehen, wie einer die Zukunft schon entwarf, bevor andere ganz begriffen hatten, wie die Gegenwart funktionierte. Am Ende hat man tatsächlich den Eindruck, mit dem Tod dieses Mannes könnte die Welt mehr verloren haben als nur ein paar schöne neue Waren mehr.

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