Von der DDR ausgenutzt?

Tamara Hentschel vom Verein Reistrommel über die kontrovers diskutierte Ausstellung »Bruderland ist abgebrannt«, die sich den 94 000 Vertragsarbeiter in der DDR widmet.

nd: Frau Hentschel, »Bruderland ist abgebrannt« heißt die kontrovers diskutierte Ausstellung über die 94 000 Vertragsarbeiter in der DDR. Sie haben in den 80er Jahren Vertragsarbeiter aus Vietnam betreut und hielten bei der Ausstellungseröffnung in Berlin eine Einführungsrede. Welche Motive hatten die Arbeiter aus den Vertragsstaaten, in die DDR zu kommen?
Hentschel: Bei den vietnamesischen Vertragsarbeitern, die ich kennengelernt hatte, war es vor allem die Armut, die sie dazu bewog, für einige Jahre in die DDR zu gehen. Viele sahen darin die Möglichkeit, ihre Familien zu Hause zu unterstützen.

Konnten Vertragsarbeiter eine Ausbildung machen, um qualifiziert zurückzukehren?
Zu Beginn der Anwerbung von vietnamesischen Vertragsarbeitern vor 1986 war die Ausbildung der Vertragsarbeiter ein zentrales Thema. Doch nach 1986 wurden die Verträge geändert. Von diesem Zeitpunkt an gab es eine Massenanwerbung, und es kamen auch viele Frauen.

Waren Vertragsarbeiter schlechter gestellt?
Es gab durchaus Brigaden oder Betriebe, die mit Vertragsarbeitern sehr fair umgegangen sind. Aber es gab eben auch die andere Seite. In einem Betriebsteil in Berlin, in dem ich als Wohnheimbetreuerin gearbeitet habe, war das Lohnniveau sehr niedrig. Wir hatten Waisenkinder aus Vietnam, die trotz Schichtdienst und Trennungsgeld nicht einmal den Sozialhilfesatz der DDR bekommen haben.

Wie war die offizielle Haltung der DDR dazu?
Es gab ja gar keine offizielle Haltung, sondern die Betriebsleitungen kümmerten sich um die Vertragsarbeiter. Organisiert wurde ihr Einsatz in einem Arbeitsstab, der mit deutschen und ausländischen Funktionären besetzt war. Die vietnamesischen Funktionäre erschienen mir ziemlich korrupt, und von den deutschen Mitgliedern des Arbeitsstabs habe ich auch rassistische Sprüche gehört.

Wurde denn nicht die Solidarität mit den Vertragsstaaten hochgehalten?
Mit der Einstellung habe ich meine Arbeit begonnen. Ich bin ja auch ein DDR-Kind und bin während des Vietnamkriegs mit der Solidarität zu Vietnam groß geworden. Aber eine solidarische Haltung habe ich mehr und mehr vermisst. Der gute Vorsatz war zwar vorhanden, aber er wurde immer weniger umgesetzt.

In einem Ankündigungstext zu der Ausstellung heißt es, dass es der DDR weniger um die Förderung der jungen Arbeiter gegangen sei, sondern vielmehr um die Sanierung der eigenen maroden Wirtschaft. Das hört sich sehr pauschal an.
Die DDR befand sich ja in der Zwickmühle. Es konnte entweder in neue Maschinen investiert werden oder die alten Maschinen konnten im Dreischichtsystem ausgenutzt werden. Dafür brauchte man Arbeitskräfte, und die wurden auch aus dem Ausland angeworben.

Sollten beim Einsatz von Vertragsarbeitern nicht eigentlich beide Seiten profitieren?
In den Staatsverträgen ist das so formuliert worden. Aber die Verträge kannten wir als Betreuer nicht, die haben wir erst nach der Wende lesen können.

Tamara Hentschel ist Geschäftsführerin des Vereins Reistrommel.


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