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Menschen-Jagd

»Revision« von Philip Scheffner

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist der Filmemacher, der den Hinterbliebenen die Nachricht bringt, dass es einen Prozess gab zum Tod ihrer Familienväter. Das rumänische Hinterland und Mecklenburg-Vorpommern liegen in den Neunzigern politisch weit auseinander. Die beiden Männer, die im Juni 1992 in einem Feld an der damaligen EU-Ostgrenze sterben, weil ein paar Jäger die kauernde Gruppe in der Dämmerung für Wildschweine hielt, hießen Grigore Velcu und Eudache Calderar. Vom Prozess, der ab 1996 zu ihrem Tod geführt wurde (und mit dem Freispruch der Jäger endete, weil sich nicht erweisen ließ, wer von ihnen der Todesschütze war), hatten die Hinterbliebenen nie erfahren. Vielleicht weil sie Roma sind und auch im eigenen Land nicht an Respekt vor ihren Menschenrechten gewöhnt, hatten sie sich mit der bloßen Mitteilung vom gewaltsamen Tod der Männer zufrieden gegeben. Von etwaigen Ansprüchen an die Haftpflichtversicherung der Jäger wussten sie nichts.

Filmemacher Philip Scheffner ist ein eingefleischter Zweifler an amtlichen Versionen, weiß, dass es Auslassungen, Verkürzungen und zweckgerichteten Wahrheitsbeugungen gibt, sei es im Zusammenhang mit der auf Schellackplatten dokumentierten Sprachforschung an muslimischen Kolonialsoldaten in einem deutschen Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs (»The Halfmoon Files«) oder mit dem von der deutschen Öffentlichkeit viel zu lange passiv hingenommenen Schliddern in eine Kriegssituation unter deutscher Beteiligung in Afghanistan (»Der Tag des Spatzen«). Mit »Revision« rollt Scheffner den Fall der beiden Toten von Nadrense nochmal auf und schafft den Beteiligten und Betroffenen eine filmische zweite Instanz, die Chance, über die Schüsse von damals zu einem anderen Urteil zu kommen. Und diesmal kommen auch die Zeugen und Angehörigen zu Wort, die damals nicht herangezogen wurden.

Wie immer in Scheffners Filmen geschieht die Aufklärung zu guten Teilen über den Ton. Während seiner Gespräche konfrontiert er Zeugen, Hinterbliebene und die am behördlichen Wahrheitsfindungsprozess Beteiligten mit der Tonaufnahme ihrer (heutigen) Aussagen und filmt dann ihre Reaktion auf die eigenen Worte, ein bestätigendes Kopfnicken, einen Zusatz, eine Selbstkritik. Die Jäger, Touristen aus dem Hessischen, die für ihren Sport an der Waffe an die deutsch-polnische Grenze gereist waren, und der örtliche Jagdpächter traten nicht vor die Kamera, und auch die Anwohner wollten lieber nicht noch einmal von dem reden müssen, was sie auf dem (zu allem Überfluss auch noch in Brand gesteckten Feld) zu sehen bekamen. Feuerwehrleute, Kriminale, der Staatsanwalt, der Pathologe und der Vertreter des Jagdpächters stellten sich der Konfrontation.

Am Ende bleibt weiterhin viel ungeklärt. Vor allem aber steht die Frage im Raum, wieso die öffentliche Meinung in Deutschland mit ein paar kargen Fakten über die Todesfälle zufrieden war - und dem verunglimpfenden Hinweis, diese Opfer der Festung Europa (denn es war vor Ort bekannt, dass dort nachts häufig »unerlaubt Eingereiste« festgenommen wurden) seien polnische Schlepper und Menschenhändler gewesen und mithin selbst Kriminelle. Velcu lebte da längst mit Familie im Asylbewerberheim in Gelbensande bei Rostock, er wurde auf der Rückkehr von einer (unerlaubten) Rumänienreise zur Vorbereitung der Überführung seiner Mutter erschossen, deren Grabstätte in Gelbensande verwüstet worden war - es ist die Zeit von Lichtenhagen. Calderar arbeitete in Wüstenrot, zahlte Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag. Wären es zwei Deutsche gewesen, die von ein paar rumänischen Hobbyschützen erlegt wurden, wie hätte die Debatte dann wohl ausgesehen? Das fragte sich damals nur einer.

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