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Punk ist nicht mehr gefährlich

Musiklabel-Gründer Armin Siebert über »Pussy Riot«, Protestsongs und Subkulturen in Putins Russland

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Armin Siebert, 39, war Promotion-Manager und Osteuropa-Koordinator bei EMI Music Germany, bevor er 2004 gemeinsam mit Alexander Kasparow in Berlin das Independent-Label »Eastblok Music« gründete. Osteuropäische Musik im Westen bekannt zu machen ist Sieberts Mission – auch als Club-DJ, Übersetzer und Journalist. Im RBB-Radio »Fritz« und auf YouFM Frankfurt (Main) gestaltet und moderiert er entsprechende Sendungen. Das Gespräch mit Armin Siebert führte Martin Hatzius.
nd: Sie kennen sich in den russischen Musikszenen bestens aus. Wann haben Sie zum ersten Mal von »Pussy Riot« gehört – erst nach deren »Punkgebet« in der Moskauer Erlöserkirche?
Armin Siebert: Nein, wir sind schon durch die erste Aktionen, die sie auf YouTube dokumentiert haben, auf »Pussy Riot« aufmerksam geworden. Das erste, was ich gesehen hatte, war, wie sie auf einem Lkw-Dach gegenüber von einem Gefängnis spielten. Das war, glaube ich, im November letzten Jahres. Solche Aktionen gab es immer mal wieder, das sprach sich rum.

Was war das: Aktionen – oder Musik?
Das war schon Musik, aber immer verbunden mit einem Videoclip. Das Problem war nur, dass man die Musik für das Radio oder auch für das Label gar nicht auftreiben konnte. Es ist nichts Professionelles aufgenommen worden.

Woran liegt das?
Daran, dass »Pussy Riot« die Musik als reine Punk-Attitüde benutzen. Sie schrammeln drei Akkorde und brüllen dazu die Slogans, die sie rüberbringen wollen. Im Prinzip sind das keine Musikerinnen. Sie kommen nicht aus der Musikszene, sie kommen aus einer Avantgarde, aus einer feministisch-politisch aktiven Szene.

Ist diese Form der Aktionskunst ein Einzelfall oder gibt es in Russland ähnliche Gruppen?
Ich würde »Pussy Riot« eher mit den Femen-Aktivistinnen in der Ukraine vergleichen. In Russland gibt es aber sehr, sehr viele Bands, die sich gegen den Staat geäußert haben. Das fing im letzten Dezember mit den Wahlfälschungsvorwürfen an. Kurz danach kündigte Putin an, erneut als Präsident zu kandidieren. Daraufhin gab es so große Demonstrationen wie seit 20 Jahren nicht mehr, vor allem in Moskau und Sankt Petersburg. Und im Zuge dieser Proteste sind viele Songs entstanden.

Von wem?
Von diversen Bands und in unterschiedlichen Stilen. Das waren nicht nur unbekannte Punkbands, sondern auch richtig große Gruppen. »DDT« etwa – die sind in Russland so bekannt wie bei uns »U2« – hat sich sehr klar, sehr kritisch und ohne Angst gegen Putin positioniert. Kritische Musik gibt es genug. Im Zusammenhang mit »Pussy Riot« wurde das noch mal stärker: Bands haben Songs geschrieben, um sich zu solidarisieren.

Haben solche kritischen Bands Sanktionen zu befürchten?
Ich denke, wenn sie nicht auf so einem Level Aktionen machen, wie »Pussy Riot« es sich getraut haben, dann passiert eigentlich nichts. Solange du nicht jemanden mit dessen Interessen in die Quere kommst, seien es finanzielle oder politische, kannst du in Russland inzwischen mehr oder weniger machen, was du willst ...

... und findest damit auch Beachtung in den Medien?
Nein, die Medien haben sich immer mehr verschlossen. Da gab es eine Umkehrtendenz. Das war vor zehn Jahren liberaler als heute. Viele Medien sind vom Staat aufgekauft worden, das betrifft vor allem das Fernsehen. Es ist sehr schwer, da reinzukommen. Aber in dieser Situation ist das Internet die Waffe schlechthin. Der Staat hat andere Sorgen, als sich darum zu kümmern, welche Meinung irgendwelche Bands im Netz artikulieren. Aber klar, je größer eine Band ist, desto einflussreicher ist sie auch – und unter Umständen eben auch vorsichtiger, sich politisch zu positionieren. Tatsächlich äußern sich die meisten nicht. Aber es gibt, wie gesagt, ruhmreiche Ausnahmen.

Wie offen oder wie zurückhaltend sind die Plattenlabels, wenn es um die Veröffentlichung solcher Songs geht?
Die wenigsten protestgeladenen Songs sind direkt bei den Labels auf Alben erschienen. Es gibt allerdings zwei Menschen, die die meisten dieser Songs zusammengefasst und veröffentlicht haben: Artemy Troitsky, der wichtigste Musikkritiker des Landes, und Wassili Schumow, Sänger der dort berühmten Band »Zentr«. Die beiden haben »Free Pussy Riot«-Aktionen organisiert und gut 200 Protestsongs gesammelt, die sie auf vier CDs, dem »Weißen Album«, herausgebracht haben.

Auf Ihrem Label »Eastblok« ist seinerzeit der Sampler »Ukraina Orange« mit Songs der dortigen Revolution erschienen. Wird es einen ähnlichen Sampler auch mit russischen Protestsongs geben?
Ganz so direkt wie damals mit den Ukrainern machen wir es dieses Mal nicht. Es ist nämlich so, dass wir in diesem Jahr ohnehin an einem Sampler gearbeitet haben, der die aktuelle Alternative-Rock- und -Pop-Musik Russlands darstellt. So etwas gibt es hierzulande bislang nicht. Es gibt »Russendisko«, das ist, na ja, Party-Polka. Viel weniger bekannt ist, dass es einfach coole Hits in Russlands gibt, Songs, die auch hier im Radio laufen könnten. Sie sind halt nur auf Russisch. Das wollten wir mal bündeln, um überblicksartig zu zeigen, wie coole Musik in Russland gemacht wird – ohne Ethno-Elemente oder dergleichen.

Klingt nicht nach einem Protestlied-Sampler.
Wir haben ein paar Künstler dabei, die sich radikal in dieser Protestbewegung geäußert haben. Das ist zum Beispiel »Noise MC«, einer der bekanntesten russischen Rapper zur Zeit. Oder die Band »Barto« aus Sankt Petersburg, die ziemlich radikal ist und deren Musiker auch zum Teil verhaftet wurden, weil sie aufgetreten sind auf Demonstrationen. So gesehen spielt dieses Thema schon mit rein. Ein paar der besten Bands, die auf unserem Sampler »Luna Park – The Sound of Russia Today« vertreten sein werden, sind politisch aktiv gegen den Staat.

Sind auf dem Sampler auch Punkbands vertreten?
Nein.

Aber es gibt – abgesehen von »Pussy Riot« – eine Punkrock-Szene in Russland?
Ja, die gibt es. Sie ist nur nicht mehr so gefährlich für den Staat wie früher. Sie ist nach der Wende untergegangen im – oder zumindest eingegangen in den allgemeinen Kanon der Unterhaltungsindustrie. Musikalisch gibt es eine dicke Punk-Bewegung. Aber eine subversiv-gefährliche Rolle wie zu Sowjetzeiten spielt sie nicht mehr. Da gab es Bands wie »Grashdanskaja Oborona«, die extrem wichtig waren im Underground. Das war wirklich Punk, der gefährlich war und etwas verändert hat ...

Punk als Musik- und Lebensstil – aber nicht mehr als anarchistischer Affront gegen den Staat?
Ja, aber man darf auch nicht vergessen, dass Russland nicht Nordkorea ist. Die Punkbands können machen, was sie wollen, sie dürfen ohne Probleme auftreten. Es gibt bestimmte Underground-Clubs, wo man sich trifft, natürlich dünner gesät als bei uns. Allerdings haben russische Punks wiederum ein Problem, dass wir hier vor allem aus den 90er Jahren kennen, aber auch noch bis heute: Faschisten, Neo-Faschisten. Mit denen kloppen sie sich. Von denen geht für sie eine viel größere Gefahr aus als vom Staat.

Um den Bogen zurück zu schlagen zu »Pussy Riot«: Was halten Sie vom Urteil gegen die drei Frauen, zwei Jahre Straflager?
Ich habe es so erwartet. Das ist genau dieser Kompromiss: nicht zu viel, nicht zu wenig. Hätten sie weniger gegeben, hätte der Staat sein Gesicht verloren. Hätten sie mehr gegeben, wäre es zu grausam gewesen, weil es ja doch junge Mütter und junge Frauen sind. Das ist schon recht clever gemacht. Dass das Ding von vornherein abgekartet war, ist doch, glaube ich, jedem klar.

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