Von Lucía Tirado

Auch Heulen will gelernt sein

»Das Kapital der Tränen« wird in den Sophiensaelen offensichtlich

»Hier spricht deine Mutter. Du bleibst jetzt hier drin«, spricht Stephanie Petrowitz zu ihrem Kind im Bauch. Es möge sich bitte noch ein paar Tage für die kommenden Vorstellungen gedulden. Heulend verdiene die Schauspielerin hier Geld, das komme dann auch ihm zugute. Durchhalten, Künstlerinnenkind!

Im »Beipackzettel« zum Stück wird gewarnt. Wenn die Fruchtblase platze, dann platze sie. Dann müssten die Zuschauer noch mal wiederkommen. Ambitioniert auf Fruchtwasser herum zu schlittern, sei zu gefährlich. Es seien auch hochhackige Spielerinnen dabei. Frauenhumor. Davon gibt’s reichlich bei Vanessa Sterns Inszenierung »Das Kapital der Tränen« in den Sophiensaelen.

Fürs Heulen als Ware stehen hier mit ihr Elisabeth Baulitz, Stefanie Frauwallner, Eva Löbau, Valerie Oberhof und Stephanie Petrowitz. Weinen zu können, wenn es gebraucht wird, gehört zum Kapital des Schauspielkunsthandwerks. Von Männern werde das nicht verlangt. Die seien woanders empfindlich, wird bildnerisch gestaltet. Das Ding bleibt auch so an der Wand stehen, wenn kurze Videoeinspielungen zeigen, wie bekannte und berühmte Berufsschwestern bis hin zu Meryl Streep Tränenvergießen beherrschen. Eine Ware-Geld-Ware-Beziehung sei das. Anstrengend. Auch mit dem Unterton gesagt, was am Beruf mitunter zum Heulen ist.

Als Kinder hätten sie gelernt, was mit Tränen zu erreichen ist, was nicht, erläutern die Frauen an Beispielen mit Angabe der Jahreszahl. Die Stern erklärt, als kleines Mädchen sei sie mal fürchterlich geärgert worden. Ziemlich dämlich stand sie damals da. Geflennt hätte sie nicht, nö, aber schon mal für später ein Projekt über Komik und Tränen beschlossen. Jetzt ist es soweit im Hochzeitssaal der Sophiensaele. Das ordnete sie ein in ihren großzügig angelegten Zyklus »Weibliche Komik in der Krise« (www.heulenkannjede.de).

Die Damen trainieren nun für Heulattacken im öffentlichen Raum. Bei dem Projekt könnte man die Modegeschäfte in der Friedrichstraße beweinen. Wie geht man das am besten an? Reinschluchzen oder gleich Sirene? Vielleicht ist eine Aktion im Selbstbedienungsbereich einer Bank besser. Momentan kein »Verfügungsrahmen«? Bekannt. Da kommen am Geldautomaten die Tränen spontan.

Zwischen den Übungseinheiten erzählen die Schauspielerinnen aus ihrem Berufsleben. Allesamt sind sie in der Realität gut und erfolgreich, brachten schon Shakespeare, Tschechow und andere mit heraus. Gestandene Frauen? Mal nebenbei - die deutsche Sprache hält dafür überhaupt kein passendes Wort bereit. Zum Heulen ist das. Erfahrungen und Ereignisse finden mit Selbstironie Erwähnung. Manche an sich schon ulkig. Andere zugespitzt und dadurch in ihrer tragikomischen Art verstärkt.

Es ist durchaus möglich, sich für die Rolle der Ophelia schon mal zu Hause in den Wahnsinn zu steigern und zu üben, ihn schluchzend zu ertragen. Reicht aber nicht. Also mal in die Inserate der Zeitung nach Beerdigungen gesucht. Ab zum Friedhof. Ran an den Sarg und mitgeweint. Entschuldigung! Soll nicht wieder vorkommen.

Von peinlichen Dingen ist auch die Rede. Also sich mit Schwangerschaftsreststreifen auf der Brust vor Jürgen Vogel beim Dreh ausziehen und so. Na ja, die Szene wurde dann bildlich etwas beschnitten.

All das ist wie versprochen ambitioniert gespielt. Kürzer als fast zwei Stunden wäre es auch gut. Aber das haben Erzählen und Heulen eben gemeinsam. Man kann nicht aufhören.

Beim Rausgehen roch es nach Zwiebelfleisch für die Premierenfeier. Wahrscheinlich weinend geschaffen. Perfekt.

30.9., 1.-3.10., 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Tel.: (030) 283 52 66, Infos unter www.sophiensaele.com

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