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Sehnsucht nach der perfekten Zeit fürs Ich

Aktuelle Aspekte touristischen Fernwehs diskutierte eine Fachtagung im mecklenburgischen Fleesensee

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.
Panta rhei - Urlaub wird für viele immer mehr zu einer Zeit, in der sie mit sich und der Natur allein sein wollen.
Panta rhei - Urlaub wird für viele immer mehr zu einer Zeit, in der sie mit sich und der Natur allein sein wollen.

Der Sommer hat sich gerade verabschiedet, da ist für die Tourismuswirtschaft schon die Wintersaison so gut wie gelaufen. Logistisch sowieso. Zu einem beträchtlichen Teil auch wirtschaftlich, denn bezahlt haben viele Gästekunden ihren Urlaub der nächsten Monate ja schon. In Kürze stellen die großen Veranstalter deshalb bereits die Sommerprogramme 2013 vor. Bei denen sie ganz sicher wieder davon ausgehen werden, dass der grundsätzliche Trend zur Urlaubsreise anhält. Warum ist das so? Oder steckt dahinter vielleicht nur das Pfeifen im Wald einer von den vielen allgemeinen Krisensignalen ebenfalls verunsicherten wie verängstigten Branche? Antwort auch auf diese Fragen suchten jüngst Touristiker, Soziologen und Psychologen, Theologen und Zukunftsforscher bei einer dreitägigen Konferenz im mecklenburgischen Fleesensee.

Um eines gleich vorwegzunehmen: Das Thema »Die Sehnsüchte der Reisenden« fokussierte - gewollt oder ungewollt - stark auf die sinnlichen, ja transzendenten Aspekte von Tourismus. Und dies wiederum ganz speziell bei Urlaubsreisenden, die, wie eben beispielsweise Deutsche, im westeuropäischen Hochkapitalismus sozialisiert worden sind und werden. Stillschweigend vorausgesetzt waren von den rund 60 Experten aus sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen und der Praxis die existenziellen Bedingungen für Massentourismus. Dass es also überhaupt einen gesetzlichen Urlaub, somit mögliche Reisezeit, gibt und das nötige Reisegeld vorhanden ist. Hinzu speziell für Europa auch ein Überangebot an Hotels rund ums Mittelmeer sowie an Flugkapazitäten. All diese materiellen Voraussetzungen sind indes für 90 Prozent der Weltbevölkerung alles andere als selbstverständlich.

Urlaub - letzte Sinnreserve des Lebens

Dass die »Reisekarawane auch unter den gegenwärtigen bedrohlichen Krisenzeichen weiterzieht«, ist für Michael Hochschild, Soziologieprofessor an der Pariser Grande École de Sciences Politiques, ein Indiz, dass »Urlaub eigentlich nicht im Wirtschaftssystem angesiedelt ist«, sondern einen »biotopischen Abschied aus der modernen Gesellschaft« markiert. Er glaubt eine allgemeine Urlaubssehnsucht nach bewusster Abkehr vom »postulierten Dauertempo auf der Überholspur der Leistungsgesellschaft« zu erkennen. Für mehr und mehr Menschen ist Urlaub »letzte Sinnreserve ihres Lebens«, und sie würden »in der Familie eher Weihnachten verschieben als eine Urlaubsreise ausfallen lassen«.

Diese Annahme ist im gesellschaftspolitischen Kern nicht ganz neu. Beispielsweise hatte schon der junge Hans Magnus Enzensberger im modernen Reisen »eine vergebliche Flucht aus den selbstgeschaffenen Zwängen der industriekapitalistischen Gesellschaft« gesehen (»Vergebliche Brandung der Ferne«, Essay in: Merkur 12, 1958, S. 701-720). Enzensberger charakterisierte solcherart Reisen damals allerdings als »Flucht in ein vermeintliches Glück der Freiheit« und deshalb als »immerwährenden Selbstbetrug«. Prof. Hochschild macht daraus nun ein halbes Jahrhundert später ein »postmodernes Programm der Seinsverbesserung«.

Doch wie auch immer: Fest dürfte jedenfalls stehen, dass sich Zielrichtung und Priorität innerhalb deutscher Reisesehnsüchte im vergangenen halben Jahrhundert geändert haben. Was prozesshaft für die jetzige Bundesrepublik ebenso zutrifft wie für die Zeit der ehemaligen BRD sowie für die der DDR. Zu DDR-Zeiten ging es zwar meistens zum »Weltbeschnarschen« nur »bis nunder nach Bulgarschen«, wie der Leipziger Academixer Jürgen Hart damals trällerte, dies aber wahrlich massenhaft. 1988 waren mit FDGB-Feriendienst, über Jugendtourist, Reisebüros und per Camping rund zwölf Millionen Menschen in den Urlaub gefahren, also fast Dreiviertel der Einwohner. Mehr ging wohl kaum noch. Und so musste sich 1989 einfach auch die Urlaubssehnsucht »Visafrei bis Hawai!« ihre Bahn brechen ...

»Jede Epoche hat ihre Sehsüchte«, betont der Wirtschaftspsychologe Christoph B. Melchers, Professor am ZweiEinheit-Institut für Markt- und Kulturforschung Berlin/Potsdam. Meist stehe etwas verloren Gegangenes, aber wieder Anzustrebendes im Zentrum. Nunmehr im Tourismus also - anders als einst gutes Essen und Trinken, körperliche Ruhe, Geborgenheit und Entzücken über Strandburgen oder Gebirgspanoramen - das verloren gegangene eigene Ich?

Mehr Orientierung an Kundenwünschen

Die Möglichkeit, Reisesehnsüchte durch möglichst gänzliche Abkehr vom Alltag zu stillen, gab es indes auch schon früher. Spätestens Mitte der 90er Jahre hat man in Deutschland bei einigen kleinen Anbietern bereits esoterischen Pauschalurlaub buchen können. Mit meditativem Wandern, Atemübungen, Trommel- oder Tantrakursen. Damit waren allerdings nur kleine touristische Nischen besetzt. Folgt man den Vorträgen und der Diskussion in Fleesensee, soll es sich inzwischen um einen signifikanten Breitentrend handeln.

Auch Stephan Gaisreiter, der bei der TUI Deutschland, dem hiesigen Branchenersten, Marktforschung betreibt, bestätigt das gern. Sein Unternehmen, so Gaisreiter, wandelt sich deshalb von der »Urlaubsfabrik, die lediglich Hotels und Flüge auf attraktive Weise verfügbar macht, zum Urlaubsdesigner«. Was erfordert, sich nicht mehr auf die Reisewünsche der Kunden zu orientieren, sondern »direkt an ihrer immer stärker ausdifferenzierten Lebenswelt«. Demgemäß sei Urlaubssehnsucht heute ganz eindeutig und in wachsendem Maße Sehnsucht nach der perfekten, im Alltag abhanden gekommenen Zeit fürs Ich.

Die Konzepte, die man in diesem Sinne für unterschiedliche, aber genau definierte Kundengruppen bei der TUI maßschneidert, heißen etwa Puravida (»Zeit für Raum und Stille«) oder Viverde (»Natur schmecken und spüren«). Gemeinsam ist solchen Hotels und Ressorts, die bereits zu Dutzenden über die Welt verstreut sind, dass sie nicht mehr eine extrovertiert-exotische Spaßwelt bedienen wollen, sondern - allerdings ebenfalls massentouristisch ambitioniert - eine »introvertierte, intime Sinnwelt«. Meint Klaus Gengenbach, der für Marketing und Vertrieb der Robinson Clubs zuständig zeichnet. Verena Bock, die das Tourismusamt der Verbandsgemeinde Ulmen in der Eifel leitet, illustriert es für ihre kommunale Ebene so: »Bei unserem Konzept der therapeutischen Landschaften, das wir immer weiter ausbauen, geht es nicht um Inszenierung der Natur, sondern um die tätige Wahrnehmung. Ums Erlaufen, Erschauen, Erriechen, Erfassen, Erschmecken, Erhören.« Die touristischen Akteure können sich so mit hohem Selbstgewinn selbst inszenieren. Marktforscher Stephan Gaisreiter sieht in solchen Ansätzen die Zukunft der Branche. Längst seien hier die Wachstumsraten am stärksten und auch die Renditen am höchsten.

Ein Jahrhundert der Spiritualität?

Angesichts der, zumindest bei der Tagung in Fleesensee so übereinstimmend konstatierten neuen Reisesehnsucht liegt die Frage nach einer Renaissance der Spiritualität natürlich nahe. Christian Antz, Professor für Tourismusmanagement an der Fachhochschule Westküste im schleswig-holsteinischen Heide, greift für ein Autoritätszitat zu Ernst Jünger, der nämlich genau das für das 21. Jahrhundert vorhersagte. Antz bestärkte übrigens die Kirchen darin, sich ohne Berührungsängste noch stärker dem spirituellen Tourismus anzunehmen. Schließlich seien sie ja gewissermaßen »Hort des Originals«. Und Urlaub in Klöstern und Wanderungen auf Pilgerwegen erfreuten sich bekanntlich in ganz Europa bereits wachsender Beliebtheit.

Wobei die Kirche, wie Dr. Paul Schäfersküpper, in der Erzdiözese München-Freising für Tourismus und Sport zuständig, »Menschen, die unterwegs sind, nie als Kunden, sondern stets als Gäste behandeln« soll. Wie die Kirche aus solchen sinnsuchenden Urlauberzielgruppen letztendlich auch Bezugsgruppen machen könne, wollte jemand in der Diskussion wissen. Schmunzelt der Dominikanerpater und sagt, dass man da im touristischen Tun wohl nur Samen aussäen könne. Alles andere bliebe dem Heiligen Geist überlassen.

Was aber, wenn der sich schwer tut und zudem die neue westeuropäische Reisesehnsucht doch nur eine flüchtige Modeerscheinung bleibt, ja die Reiselust in unseren Breiten überhaupt nachlässt? Peter Long, Chef von TUI Travel Europa, sieht das gelassen - und die Quellmärkte Russland, China, auch Indien und Brasilien voll im Kommen. Millionenfach gebe es da, wie er jüngst im Interview meinte, »inzwischen Menschen, die deutlich mehr als das Existenzminimum verdienen und über dieses Einkommen frei verfügen können, es also ausgeben«. Zunehmend auch für Reisen. Chinesen aber wollen beispielsweise in Europa ohnehin nicht an den Strand oder in die Berge, um etwa nach ihrem Ich zu suchen. Vielmehr wollen sie vor allem einkaufen, Orte besichtigen, die sie aus Filmen oder aus dem Fernsehen kennen. Möglicherweise ist das aber einfach ihre Variante »postmoderner Sinnverbesserung«. Fernweh hat eben weltweit gesehen viele Facetten.

  • Die Sehnsüchte der Reisenden - Fachkonferenz der Thomas-Morus-Akademie und der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Freizeit und Tourismus, 9.-11. September 2012 in Fleesensee, www.tma-bensberg.
  • Reisen als Leitbild von Christine Keitz, Deutscher Taschenbuchverlag, München, 1997.
  • Wer loslässt hat zwei Hände frei von Master Han Shan, Bastei Lübbe, Köln, 2009.
  • Trends und Entwicklungen in der Touristik, GfK-Studie 2012.

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