»Entsorgung« einer Generation

Angehörige von Dementen bemängeln Pflege

  • Von Günter Queißer
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.

Harte Worte fielen jüngst auf dem 4. Symposium der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. (AAI) im Berliner Roten Rathaus über den Umgang mit der alten Generation. Es ging um das Thema »Alzheimer - Die Würde bewahren«.

In diesem reichen Land werde in Altenheimen eine ganze Generation regelrecht »entsorgt« - aus Kostengründen oder besser: aus Gewinnsucht. Diese Kritik am Pflegealltag in Altenheimen kam von Claus Fussek, Diplom-Sozialpädagoge und Sozialarbeiter in München, dem man den Beinamen »Engel der Alten« gibt. Fussek erlebt seit 20 Jahren täglich hautnah das beschämende Elend in deutschen Altenheimen und kämpft um ein menschenwürdiges Leben der Betroffenen. Er berichtete über Beispiele des »alltäglichen Wahnsinns« - Pflege werde im Laufschritt erledigt, es gebe keine Zeit mehr für den Toilettengang, der schließlich durch die Windel ersetzt wird oder durch ein Dauerkatheter. Magensonden würden gelegt, um nicht Füttern zu müssen, um Personal zu sparen. Das bringe dem Betreiber Gewinn, den Betroffenen aber unendliche Qualen; sie könnten nicht mehr essen, trinken, schlucken. Bei Dekubitus (Wundliegen) müssten Pflegebedürftige »bei lebendigem Leibe verfaulen«, weil keine Zeit sei, sie regelmässig umzulagern. Sie würden mit Pharmaka »ruhig gestellt« oder fixiert, das heißt gefesselt - eine Folter für die alten Menschen. Beispiele für diesen Pflegenotstand füllen inzwischen 80 Aktenordner »Was ich bisher erlebt habe, lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens,« gesteht Fussek. »Wenn man dem Menschen die Würde nimmt, hört er auf zu leben. Und das geschieht in Deutschland täglich tausendfach - in einem der reichsten Länder der Welt. Es ist pervers.« Jeder wisse es, aber alle schauten weg. Für die Zehntausenden von Toten gebe es nicht die geringste Reaktion. Eine nationale Katastrophe - aber im ganzen Wahlrummel wurde Pflege von keinem Politiker erwähnt. Fussek verweist auf Mindestanforderungen für eine menschenwürdige Grundversorgung, die jedes Pflegeheim in Deutschland garantieren muss: Jeder pflegebedürftige Mensch müsse täglich seine Mahlzeiten und ausreichend Getränke in dem Tempo erhalten, in dem er kauen und schlucken kann. Magensonden und Infusionen dürfen wirklich nur nach ausdrücklicher und regelmäßig kontrollierter medizinischer Indikation verordnet werden. Eine Magensonde als pflegeerleichternde und damit auch pflegevermeidende Maßnahme sei menschenunwürdig und eine Körperverletzung. Jeder pflegebedürftige Mensch müsse täglich so oft zur Toilette geführt werden, wie er es wünscht. Windeln und Dauerkatheter als pflegeerleichternde Maßnahmen seien nicht zu akzeptieren. Der kranke Mensch müsse täglich gewaschen werden und sein Bett verlassen können sowie an die frische Luft kommen, seinen Zimmerpartner wählen können. Zuwendung wie freundliche Worte, Trösten und Zuhören dürfe nicht als »Kaviarleistung«, als »nicht finanzierbar« gelten. Schließlich sollte jeder pflegebedürftige Mensch die Sicherheit haben, dass ihm in der Todesstunde wenigstens jemand die Hand hält, damit er nicht allein und einsam sterben muss. Grundvoraussetzung dafür ist ausreichendes, motiviertes, kompetentes und auch menschlich qualifiziertes Personal. Als Ursachen von Missständen wurden in der Debatte meist absolute Überforderung, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit der Pflegekräfte festgemacht. Zum Thema »Auch Demenzkranke haben ein Recht auf Therapie« sprach Professor Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, fachärztliche Direktorin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin. Es sei eine Schande, sagte sie, wenn Patienten die Medikamente, die die schlimme Krankheit hinauszögern könnten, verweigert würden, weil das Budget der Ärzte begrenzt sei. Gerade jener Generation, die den Wohlstand in unserem Lande aufgebaut habe, verweigere man das Recht auf Diagnostik und Therapie. Das erlebe sie jeden Tag. Über eine Möglichkeit, Würde, Selbstwertgefühl und Identität alter, desorientierter Menschen zu bewahren, sprach Jörg Ignatius, Heimleiter in Görlitz und Lehrer für Validation. Das ist eine Methode, mit der desorientierten Menschen Vertrauen und Respekt entgegengebracht wird. Sie ist weder zeit- noch geldaufwendig, verlangt nur mehr Zuwendung. Praktiziert wird Validation durch die Alzheimer Angehörigen-Initiative Berlin, über die deren Vorsitzende Rosemarie Drenhaus-Wagner und Susanne Drenhaus, Krankenschwester und Leiterin einer Sozialstation der Volkssolidarität, berichteten. Dazu gehören das Alzheimer-Tanzcafe in Berlin-Zehlendorf, die Entlastung der Angehörigen durch Urlaub und Betreuungsgruppen. All diese Angebote sind von dem Bestreben getragen, mit Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl einen würdevollen Umgang mit den Alzheimer-Kranken und ihren Angehörigen zu pflegen. Leider keine Selbstverständlichkeit, wie das Symposium zeigte. »In einer profitorientierten und egozentrischen Gesellschaft wie der unseren«, meinte Ignatius, »benötigen desorientierte Alte eine starke L...

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