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Frauenrechte im Macho-Land

Die Abgeordnete Elsa Castro über Veränderungen unter Präsident Hugo Chávez

Die Rechtsanwältin Dr. Elsa Castro ist Abgeordnete der venezolanischen Nationalversammlung (Fraktion »Bewegung Fünfte Republik«) und Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung der Frauen (CENDIMUJER).

ND: Wie hat sich die Situation der Frauen in Venezuela seit dem Amtsantritt der Regierung von Präsident Hugo Chávez verändert ?
Castro: Wir Frauen sind in Feierstimmung!

Warum das?
Diese Regierung hat die Sache von Anfang an anders gemacht. Schon bei der Verfassungsdiskussion wurden für alle Bereiche spezielle Frauenkommissionen gebildet, so dass wir Frauen zum ersten Mal in der Geschichte sichtbar wurden. Venezuela ist wie jedes lateinamerikanische Land ein Macho-Land, so dass das für uns Frauen eine wichtige Veränderung bedeutete, vor allem für Frauen aus den unteren Schichten.
Früher unterstanden alle »Frauenangelegenheiten« und die Frauenorganisationen praktisch den Ehefrauen der Minister. Sie reisten angeblich für die Frauenrechte durch die ganze Welt, während sich in Wirklichkeit nichts Wesentliches änderte.
Als Chávez an die Macht kam, forderten wir Frauen, dass Maria León, eine Gewerkschaftsführerin, Leiterin des Nationalen Fraueninstituts wird. Chávez machte daraus ein autonomes Institut mit eigenem Haushalt. Nun gibt es ständig Aufrufe und Einladungen an die Frauen aus den armen Stadtteilen, sich mit der Leiterin des Fraueninstituts zu treffen. Das hatte man vorher nie erlebt. Die Frauen lernen jetzt erst ihre Rechte kennen.

Welche Aufgaben erfüllt die parlamentarische Kommission Familie, Frauen und Jugend, der Sie angehören?
Die Kommission erarbeitet gerade ein Gleichstellungsgesetz. Wir behandeln Themen wie innerfamiliäre Gewalt, Recht auf Ausbildung und Chancengleichheit, Recht auf Arbeit und auf politische Teilhabe, Recht auf Arbeit ohne Altersdiskriminierung... Letzteres ist vor allem wichtig, denn man sieht immer wieder Stellenanzeigen, in denen steht, dass die Bewerber nicht älter als 30 Jahre alt sein dürfen und am besten Männer. Aber da haben wir schon eine Schlacht gewonnen, denn das Gesetz ist durch und jedes Mal, wenn solche Anforderungen gestellt werden, legen wir eine Beschwerde ein.
In Venezuela ist in einem Großteil der Haushalte die Frau Haushaltsvorstand und sie steht oft völlig alleine dar. Bisher war nicht einmal die »verantwortungslose Vaterschaft« strafbar. Dazu machen wir gerade ein Gesetz.

Lateinamerikanische Frauen haben oft einen dreifachen Arbeitstag, aber keine soziale Sicherheit.
Das ist bei uns jetzt anders geworden. Die Hausfrauen wurden in das System der sozialen Sicherheit einbezogen. Auch sie - selbst wenn es lange Zeit nicht so gesehen wurde - produzieren Mehrwert. Durch die Erziehung der Kinder sorgen sie beispielsweise dafür, dass produktive Menschen heranwachsen. Daher sehen wir die Hausarbeit eben auch als Arbeit an, die vom System der sozialen Sicherheit erfasst werden muss. Das hat unter den Hausfrauen für viel Aufheben gesorgt, viele betätigen sich jetzt politisch und gesellschaftlich, nehmen an Versammlungen und Demonstrationen teil, bringen ihre Ideen ein.
Auch eine »Frauenentwicklungsbank« wurde geschaffen. Sie sorgt für Ausbildung und Kredite für Frauen aus den ärmsten Schichten, um ihnen den Aufbau kleiner Unternehmen zu ermöglichen.

Das ist nicht unumstritten. In vielen Ländern hat das die Situation der Frauen nicht gerade verbessert...
Die Frauen müssen richtig ausgebildet werden, damit sie nachher nicht schlechter dastehen als vorher. Bevor sie den Kredit bekommt und ihr Geschäft in die Wege leitet, muss die Frau erst Buchhaltung lernen, damit sie sich selbst ein Einkommen festsetzen kann und ihre Investition sich lohnt. Es soll ja ein produktives Unternehmen werden. Daher verläuft dieser Prozess sehr langsam. Die Frauen werden zu verantwortungsvollem Umgang mit dem Geld ausgebildet und sie müssen den Kredit zurückzahlen, da es Geld vom Staat ist. Das ist wichtig, denn einer der Gründe für die Krise in Venezuela - neben den Auslandschulden, die wir schon dreimal zurückgezahlt haben und die trotzdem gestiegen sind - war der verantwortungslose Umgang der herrschenden Parteien mit dem Geld des Staates. Die verteilten alles an ihre Gefolgsleute. Wenn jemand eine Wohnung bekam, dann hat er sie nicht bezahlt, denn sie kam ja von der Partei. Ich habe selbst in der Wohnungsbehörde gearbeitet, und da kamen ständig Briefe von der Regierungspartei, in denen stand: »Bitte Person X eine Wohnung zuteilen.« Und die Person musste nie zahlen.
Aber es ist nicht leicht, dieses Verantwortungsbewusstsein zu schaffen. Wir bilden Gruppen von fünf Frauen, die einander zur Einhaltung der Zahlungsverpflichtungen anhalten. Den Frauen wird sehr intensiv erklärt, warum sie ihre Kredite zurückzahlen müssen: Weil sie dann einen weiteren, größeren Kredit bekommen können und weil das Geld dann wieder anderen Frauen zur Verfügung steht.

Fragen: Dario Azzellini

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