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Eine Schwejkiade aus der Schweiz

Gerold Späths »Unschlecht« und »Sindbadland«

Der mittlerweile 63 Jahre junge Schweizer Erzähler, der die längste Zeit im Jahr nach Irland oder in die Toskana retiriert, hat seit seinem Start als Romancier bereits eine Verlags-Odyssee hinter sich. Debütiert hat Späth bei Arche Zürich; mit wachsendem Erfolg wechselte er aus der Schweiz nach Deutschland zu S.Fischer. Als auch dieses Traditionshaus vom Holtzbrinck-Konzern geschluckt wurde, ließ Späth sich mit dem Versprechen zu Suhrkamp ködern, gegen jedes neue Manuskript ein früheres Werk wiederaufzulegen. Die Regelung hielt nicht lange vor. Erst der Steidl Verlag war bereit, die Vertragsklausel zu erfüllen: Obwohl Späth mit seinem fantastischen Abenteuerroman »Die gloriose White Queen« erst ein neues Manuskript lieferte, liegen inzwischen meisterliche Späth-Titel der 70er und 80er Jahren wieder vor: »Commedia«, »Unschlecht« und jüngst auch »Sindbadland« - Werke, die sowohl den fulminanten Einstieg in die deutschschweizer Literatur als auch eine scharfe Wende im späteren uvre Späths bezeugen. Von den frühen Arbeiten ist »Unschlecht« Späth selber am meisten ans Herz gewachsen. Seine Vorliebe ist auch der Mühe abzulesen, die er der Erstfassung für die Neuauflage angedeihen ließ: Das Ganze erscheint nun kräftig gestrafft. Der Fabulierer Gerold Späth hat Lehren aus der Arbeit an »Commedia« und »Sindbadland« gezogen. Die in diesen Werken durchgezogene Atomisierung der Erzählung zu kurzen Texten, die als Schnappschüsse, Kurzporträts, satirische, schrullige Gedächtnissplitter chaotisch aneinander gereiht scheinen und doch einer subtilen Dramaturgie gehorchen, fügen sich erst im aufmerksamen Leser zum gesamtgesellschaftlichen Panorama. »Unschlecht« dagegen ist eine noch »traditionell« konstruierte, wenn auch, wie stets bei Späth, ausufernde Fabel. Anno 2002 erscheint der Roman wieder zur rechten Zeit: Das Bild, das sich die Schweiz und die Schweizer von sich selbst gemacht haben und unter allen Umständen dem Ausland aufschwatzen wollten, ist jüngst nach innen und nach außen arg angekratzt worden. Es sind aber nicht zuletzt Schweizer Schriftsteller gewesen, die lange vor den Politikern, Bankern und Touristikmanagern nicht müde wurden, die eidgenössische Imagewerbung Lügen zu strafen. Und so liest sich die Geschichte des Rapperswiler Seefischers Johann Ferdinand Unschlecht oberflächlich als ein köstlicher Schelmenroman, doch auch als Psychogramm eines Menschen, der lange als provinzieller Dorftrottel durchs Leben zu stolpern scheint und sich zu einem durchtriebenen Schlaumeier mausert. Unschlecht erbt von seinem Vater, wie er Berufsfischer, ein ansehnliches Vermögen und wird erst einmal von so parasitären Mitmenschen wie Stadtpfarrer Ochs, Freund Pankraz Buchser und nicht zuletzt von seinem Vormund, dem insgeheim schwulen Richter Xaver Rickenmann, regelrecht ausgenommen. Dem bösen Schabernack entgeht er nur, weil er zuerst nach Zürich, dann nach Paris, London, Hamburg ausbricht und noch quer durch ein paar andere europäische Länder und Städte streicht. Im letzten Drittel des Romans taucht Johann Ferdinand Unschlecht, äußerlich verwandelt und innerlich gewendet, als gewitzter Maximilian Guttmann wieder auf; er hat sich, juristisch und geschäftlich hervorragend beraten, mittlerweile in schwäbischer Provinz mit einer stinkreichen Erbin verheiraten lassen. Nun plant er, nach Rapperswil zurückzukehren und es seinen ehemaligen Freunden und Peinigern heimzuzahlen: Was bis dahin auf eine einzige lange Burleske und Groteske hinauszulaufen schien, jetzt schlägt es in um in eine schweizerische Schwejkiade. Es ist auf engem Zeitungsraum unmöglich, die zahllosen Purzelbäume nachzuschlagen, die der Sprachvirtuose Späth in den Jahren 1965 bis 69, die er auf »Unschlecht« verwandt hat, auf den 545 Seiten dieses Romans vollführt. Die Neuauflage zeigt jedoch unwiderleglich: Dieses Werk weist weit über die Karikatur von Späths Heimatstädtchen Rapperswil und hoch über die Lebensgeschichte eines provinziellen Kauzes hinaus. Der quasi verkehrt herum verlaufende »Bildungsroman« ist eine grandiose Travestie der in sich selber verliebten Eidgenossenschaft, eine gnadenlose Enttarnung ewigen Spießertums, nicht zuletzt aber auch das Hohelied auf einen Menschen, der es fertig bringt, sich über den Provinzmief zu erheben und lustig zu machen. Gerold Späth: Unschlecht. Roman. 545 Seiten, 25 Euro. Commedia Sindbadland. 248 Seiten, 20 Euro. Beide Leinen, Steidl Verlag Göttingen.

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