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Kriegsstimmung durch »Harry Truman«

Protest in Frankreich gegen Besuch eines US-Flugzeugträgers / Gerangel mit Matrosen

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Zwei Flugzeugträger - ein amerikanischer und ein französischer - haben in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester in Frankreich für Unmut unter Kriegsgegnern gesorgt.
Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender »France 2« brachte zu Weihnachten ein buntes Varieté-Programm von Bord des Flugzeugträgers »Charles de Gaulle«, der in Brest festgemacht hatte. Das reichlich drei Milliarden Euro teure atomgetriebene Flaggschiff der französischen Kriegsmarine war bisher eher durch technische Mängel - von einer zu kurz geratenen Landebahn über vergessene Ausrüstungen bis zu einer gebrochenen Antriebsschraube - in die Medien geraten. So nutzte Marinestabschef Admiral Jean-Louis Battet den Fernsehauftritt zu beteuern, dass »dieses Schiff sein Geld wert ist und es sich um keine Verschwendung von Steuergeldern handelt«. Dass Schiff und Besatzung in den zurückliegenden Monaten schon ihre Probe vor der Küste von Afghanistan und bei Manövern in der Golf-Region zusammen mit der US-Marine und anderen potenziellen Alliierten eines Irak-Kriegs bestanden hat, betonte er nicht ausdrücklich. Stattdessen wurde bereitwillig vor der Kamera die hochmoderne Technik einschließlich einiger Rafale-Jäger gezeigt und in Gesprächen mit ausgewählten Offizieren und Matrosen beste Stimmung an Bord vorgeführt. Dazwischen traten zur Auflockerung prominente Sänger auf - gemäß dem Sprichwort, wonach in Frankreich »alles mit einem Chanson beginnt oder endet«, wie die Zeitung »lHumanité« kommentierte, »nicht zuletzt ein Krieg«. Zur selben Zeit erinnerte in Marseille ein Flugzeugträger an die auf vollen Touren laufenden Vorbereitungen auf einen Irak-Krieg. Hier hatte am Kai 163 für fünf Tage die »USS Harry Truman« festgemacht, die mit ihren 300 Metern reichlich 60 Meter länger und entsprechend gewichtiger ist als die »Charles de Gaulle«. Die 5000 Besatzungsmitglieder bekamen Landgang, während an Bord die Vorräte ergänzt wurden, bevor das Schiff in den nächsten Tagen im östlichen Mittelmeer den dort bisher kreuzenden Flugzeugträger »USS George Washington« ablöst. Die schwimmende Festung dürfte eine der »Speerspitzen« beim Angriff auf Irak sein, vermutet »lHumanité« ein. Begleitet und geschützt wird die »USS Truman« durch sechs Zerstörer, einen Kreuzer und zwei Versorgungstanker. Der demonstrative Auftritt des kriegsbereiten Flottenverbandes hat in Marseille indes Kriegsgegner auf den Plan gerufen. Einem Aufruf der FKP sowie verschiedener Friedens- und Antiglobalisierungsorganisationen folgend, nahmen rund 2000 Bürger an einem Schweigemarsch am Alten Hafen von Marseille teil. »Die Männer an Bord dieser Schiffe... warten nur noch auf den Befehl aus Washington, um auf den Knopf zu drücken und aus sicherem Abstand Tod zu verbreiten«, heißt es im Demonstrationsaufruf. »Auf der anderen Seite erwarten irakische Familien ihre letzte Stunde, so wie die zum Tode Verurteilten in den Gefängnissen der USA. Die einen wie die anderen sind auf Gedeih und Verderb der Willkür von George W. Bush ausgeliefert.« Dass der amerikanische Flugzeugträger ausgerechnet den Namen des früheren US-Präsidenten Harry Truman trägt, der den Befehl für den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki gab und der mit seiner »Truman-Doktrin« die Grundlagen für den »Kalten Krieg« legte, erhöht den Symbolcharakter des Protests der Pazifisten. »Kein Blut für Erdöl« und »Mit den Kindern Iraks und Palästinas ermordet man die Menschlichkeit« war auf Transparenten der Teilnehmer des Schweigemarsches zu lesen. Charles Hoareau von der Gewerkschaft CGT erklärte am Rande der Demonstration: »Die Anwesenheit der amerikanischen Schiffe und Militärs nur wenige Tage vor den geplanten Bombenangriffen gegen Irak empfinden wir als Beleidigung unserer Hafenstadt. Marseille hat eine reiche Tradition des Kampfes gegen Kolonialkriege.« Ärger gab es übrigens mit einigen betrunkenen Matrosen der »Harry Truman«, die auf der Prachtstraße Canebière nur durch handgreiflichen Einsatz der Polizei daran gehindert werden konnten, sich mit Demonstranten zu prügeln. »Durch die massive Präsenz der amerikanischen Soldaten auf Landgang konnten in diesen Tagen die Einwohner von Marseille die nahende Kriegsgefahr förmlich mit Händen greifen«, meinte Bernard Genet, Sprecher des örtlichen Antikriegskomitees »Comprendre et Agir« (Verstehen und Handeln). »Für diese rosig-satten Halbwüchsigen scheint der Krieg aus sicherer Entfernung nicht viel mehr als ein Videospiel zu sein.« Darum verteilten Demonstranten unter den Matrosen Flugblätter, in denen auf Englisch erklärt wird, dass die Soldaten »sich anschicken, Unschuldige zu töten«.

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