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Wo aus Deutschen Israelis wurden

Auf 13 Landgütern rund um Berlin bereiteten sich Juden bis 1941 auf Palästina vor. Inmitten der Bedrängnis übten sie Ackerbau und lasen heilige Schriften. Diese »Hachschara-Zentren« sind noch kaum erforscht

  • Von Bea Dorn und Velten Schäfer, Skaby
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Rechts der unbefestigten Piste, die von Spreenhagen im Landkreis Oder-Spree durch den märkischen Wald zu dem seit der Wende verlassenen Gut Skaby führt, warnen Schilder vor explosiven Hinterlassenschaften der Roten Armee. Hier übten zu DDR-Zeiten in Karlshorst stationierte Panzer. An vergangene Zeiten erinnert auch das Gutshaus selbst: Obwohl vergleichsweise gut erhalten, ist nicht viel von dem zweistöckigen Gebäude zu sehen. Denn ringsherum steht sie noch, die Mauer. Etwa vier Meter ist sie hoch, errichtet in Plattenbauweise und versehen mit der typisch runden Mauerkrone. Sie umschließt das Gutshaus in einem mehrere hundert Meter umfassenden Rechteck. Und im Hof weht noch die Fahne mit Hammer und Zirkel. Diese müssen Jugendliche aus der Region hinterlassen haben, die im vergangenen Sommer unter dem Motto »Die Mauer« eine Open-Air-Party in der seltsamen »Location« veranstalteten. Busse brachten Gäste vom Berliner Alexanderplatz zum Tanzen in das obskure Mauergeviert. Mit dem Gut Skaby kann der Spreenhagener Amtsdirektor Hans-Joachim Schröder nicht viel anfangen. In der Gemeinde gibt es dringendere Probleme. Abgelegen und auf seine Art geheimnisvoll ist das Gelände schon immer gewesen. Die Mauer haben DDR-Grenztruppen in den 50er Jahren errichtet, erzählt Schröder. Später hätten sich Offiziere hier erholt. Im Nationalsozislismus sei die Anlage von der für Baumaßnahmen im Krieg zuständigen »Organisation Todt« genutzt worden. Genaueres ist nicht bekannt. Noch weniger weiß man über eine andere Nutzung: Bis 1942 wurden auf Gut Skaby deutsche Juden - oft aus Berlin oder Brandenburg - auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Das Landgut war eines der 13 »Hachschara-Zentren«, die zionistische Organisationen in der Nähe der Hauptstadt unterhielten. In diesen Zentren wurden Jugendliche in handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen ausgebildet. Eine solche Ausbildung war Voraussetzung für eines der von der britischen Mandatsmacht ausgestellten Einreisevisa. Eigentlich war Skaby als Ausbildungsort für etwa 40 jüdische Ehepaare gedacht. Je stärker aber der Terror gegen Juden wurde, desto mehr Auswanderungswillige kamen auch nach Skaby. Unter ihnen war im Sommer 1940 auch der Schriftsteller Gad Beck, der sich in seinen Memoiren an »weit über 100« junge Menschen auf dem im Wald versteckten Gut erinnert. Es muss eine merkwürdige Stimmung geherrscht haben auf diesen Landgütern. In Berlin mussten Juden in den Fabriken arbeiten, die von den deutschen Soldaten verlassen worden waren. Im Osten tobte bereits der Krieg, und im eroberten Galizien sollten schon bald Massenmorde an Juden verübt werden. Doch hier auf dem Land war alles ruhig. Hausarbeit für die Mädchen, Feldarbeit für die Jungs. Kleine Ausflüge, Lagerfeuer, Gitarrenmusik und religiöse Meditation. »Wir fühlten uns optimistisch«, schreibt Beck, der auf den Weiden von Skaby im Sommer 1940 seine erste große Liebe erlebte. Als »freundliche Insel« beschreiben auch Hachschara-Teilnehmer aus dem »Landwerk Ahrensdorf« in der Gemeinde Nuthe-Urstromtal ihre damalige Aufenthaltsstätte. Auch wenn 1940 und 1941 die Hoffnung auf die »Alija«, die Einwanderung nach Israel, schwand, der Terror durch SA und Polizei zunahm und unter den Auswanderern die Angst Einzug hielt: Immerhin war man zusammen. Der NS-»Judenbeauftragte« Adolf Eichmann forcierte die Auswanderungsbestrebungen der zionistischen und jüdischen Verbände und duldete die Zentren bis Ende 1941. Bis zur Wannsee-Konferenz 1942 galt die Ausbürgerung jüdischer oder als »Juden« eingestufter Personen als adäquate »Lösung«. Lukrativ war dies auch, denn die Vermögen der Auswanderer wurden eingezogen. Erst 1943 wurden die letzten Hachschara-Güter geschlossen und die verbliebenen Teilnehmer in KZs deportiert. Über die Brandenburger Hachschara ist bis heute wenig bekannt. Einzig die Geschichte des »Landwerks Ahrensdorf« ist gut erforscht. Der Heimatverein Luckenwalde begann sich Anfang der Neunziger für dieses Kapitel Lokalgeschichte zu interessieren, und der pensionierte Geschichtslehrer Herbert Fiedler brachte den Stein ins Rollen. Inzwischen sind ein Verein »Landwerk Ahrensdorf e.V.« entstanden und eine umfassende Dokumentation erschienen. Und zur Einweihung des kleinen Gedenksteins in der gemeinde erschienen auch »Ehemalige« aus Israel. Für 200 Menschen wurde das Ahrensdorfer Landwerk eine Brücke zum Leben. Das weitere Schicksal der etwa 100 Hachschara-Teilnehmer von Skaby, zu denen Gad Beck 1940 gehörte, ist dagegen schwer nachzuvollziehen. Denn ab jenem Sommer wurde die »Alija« immer schwieriger. 1940 und 1941 kam es zu illegalen Einwanderungsversuchen. Deutschland ermöglichte größeren Gruppen die Ausreise über Donau, das Schwarze und das Mittelmeer. Doch selbst im Hafen von Haifa war für viele die Odyssee noch nicht zu Ende: Die Mandatsmacht ging dazu über, die »Illegalen« von Haifa aus nach Mauritius zu schicken. Einer Ahrensdorfer Gruppe ist es 1940 so gegangen. Um eine solche Verschiffung zu verhindern, verübte die Hagana - die 1920 gegründete Vorläuferin der israelischen Armee - im November 1940 einen Sprengstoffanschlag auf das Flüchtlingsschiff »Patria«. Dieses sollte fahruntüchtig gemacht werden. Doch der Sprengsatz erwies sich als stärker als geplant, und die »Patria« sank im Hafen von Haifa. Wenige Meter vor der Küste ertranken über 200 Flüchtlinge - unter ihnen auch einige, die ihre Fahrt Monate zuvor in Skaby angetreten hatten. Auch Gad Beck wäre unter den Opfern gewesen, wäre er nicht kurz vor der Abreise erkrankt. So schlug er sich bis 1945 illegal in Berlin durch, wurde 1945 verhaftet und schließlich von der Roten Armee aus einem Gestapo-Keller befreit. In den Hachschara-Zentren wurden aus verfolgten Deutschen selbstbewusste Israelis. Beck zum Beispiel befasste sich in der prekären Weltabgeschiedenheit von Skaby erstmals eingehend mit der jüdischen Religion. Wie viele andere hebräisierte er in dieser Zeit seinen Namen: Aus »Gerhard« wurde »Gad«. Unter dem Druck der Ausgrenzung schufen sich die Kinder der oft nach Assimilation strebenden jüdischen Familien des Kaiserreiches und der Weimarer Republik eine israelische Identität - bevor sie dieses Land je gesehen hatten, bevor dort ein israelischer Staat existierte. Es war eine Identität der Bedrohung und der Gemeinschaft, des Kampfes und der Hoffnung. Wer in Zeiten der Eskalation in Nahost die Konstitution des Zionismus studieren möchte, kann vor der Haustür damit beginnen. Dokumentation »Träume und Hoffnungen« über die Hachschara-Stätte Ahrensdorf gegen 20 Euro z...

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