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  • Vor 140 Jahren erschien „Uncle Toms Cabin“ - Ein Buch, das den amerikanischen Bürgerkrieg mitvorbereitete

Die sentimentale Story rührte Tausende zu Tränen

Es gibt wohl kaum ein anderes literarisches Werk, das die politische Landschaft so nachhaltig verändert hat, wie das im März 1852, vor 140 Jahren, erschienene Buch von Herriet Beecher-Stowe „Uncle Tom's Cabin“. Die damals 38jährige Autorin, die schon durch Schriften über die Emanzipation der Frau auf sich aufmerksam gemacht hatte, war als Tochter eines puritanischen Pastors aufgewachsen, der die Sklaverei aus christlich-humanistischen Erwägungen tief verabscheute und Sklaven, die nach Norden flüchten konnten, Unterschlupf gewährte. Die Berichte

über die Mißhandlung der Sklaven im Süden, über die brutale Trennung der Familien bei Sklaven-Auktionen, die Qualen geschändeter Negermädchen, die .Jagd auf Entlaufene erschütterten'die junge Frau. Und schließlich bewog sie ihr Mann Calvin Stowe, Anhänger der Abolitionisten, die die Abschaffung der Sklaverei forderten, ihre Überzeugung in einem Roman zu verarbeiten.

Obwohl die großen Zeitungen nur wenige Rezensionen veröffentlichten, verbreitete sich das Buch wie eine Sturmflut. Schon im Jahre des Erscheinens erreichte es 300 000 Exemplare. Jedes Jahr

folgten neue Auflagen. Die Geschichte vom braven, ehrlichen, gottesfürchtigen Negersklaven Tom, der (von Frau und Kindern gewaltsam getrennt) die Launen seiner mehrfach wechselnden Herren geduldig über sich ergehen läßt und selbst noch jenen, die ihn zu Tode prügeln, sterbend verzeiht, hat Millionen zu Tränen gerührt. Gerade weil die Autorin Schwarz-Weiß-Malerei vermeidet, keine kollektiven Verurteilungen vornimmt fühlen sich so viele Menschen bis heute von der Geschichte berührt. Die Anhänger der Sklavenbefreiung erhielten durch das Buch einen ungeheuren Auftrieb. Gewiß ver-

mochte es die Autorin nicht, die ökonomisch-politischen Hintergründe der Auseinandersetzung um die Sklaverei zu erkennen, und niemals hätte sie sich vorzustellen vermocht, daß ihr Buch wesentlich dazu beitrug, den amerikanischen Bürgerkrieg vorzubereiten. Bald war der Roman in 37 Sprachen übersetzt. Tolstoi stellte die Autorin in eine Reihe mit Dostojewski. Als Herriet Beecher-Stowe 1896 starb, waren die Folgen des Krieges noch nicht überwunden, sie sind es bis heute nicht. Noch immer zeigen sich Unterschiede in der Mentalität der Menschen, in der ökonomischen Struktur und den politischen

Praktiken zwischen dem Norden und dem Süden.

Obwohl das Buch wesentlich zur Überwindung der Sklaverei beigetragen hat, lieben es die „Schwarzen“ Amerikas nicht sonderlich. Sie sehen in Tom einen Neger, wie ihn die „Weißen“ gern haben möchten: unterwürfig, geduldig, demütig. Sie lassen sich nicht gern mit Tom vergleichen, und in den 60er Jahren wurde der Begriff „Uncle Tom“ zum Schimpfwort. Ein Zeichen dafür, daß der Kampf für die wahre Befreiung der Schwarzen in den USA noch nicht beendet ist. DAVID FISCHER

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