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  • Kultur
  • „Triumph-Marsch“ der Deutschen Staatsoper mit Giuseppe Verdis populärer „Aida“ auf der Waldbühne

Ein Fest der schönen Stimmen

Der Wettergott hatte ein Einsehen. Das leise Donnergrollen im letzten Akt hätte von Erhard Fischer auch mitinszeniert sein können. Schließlich wird ein Liebespaar eingemauert und die weinende Dritte hockt, mit allen traurigen Wünschen im Herzen, vor der Gruft.

Dies ist bekanntlich der schaurig-ergreifende Schluß von Giuseppe Verdis „Aida“. Dieses melodienselige Werk ging am Sonnabend vor 20 000 Zuschauern über die Berliner Waldbühne. Alle waren begeistert. „Da brauchen wajanich nach Verona“ beschloß die Sippe in meiner Nachbarschaft, tat einen letzten Griff in den Picknickkorb und widmete ihre Aufmerksamkeit fürderhin ungeteilt der Bühne.

Wo allerdings nicht übermäßig viel passierte. Man stand, schritt allenfalls ein paar Schritte und sang - phantastisch. Radames hat alle Chancen, zum oberen Heerführer ernannt zu werden, denn es ist gerade malwieder Gelegenheit zur beruflichen Bewährung. Ägypten liegt im Krieg mit Äthiopien. Dieser scheint schon eine Weile anzudauern, denn es gibt bereits äthiopische Sklavinnen bei Hofe. Eine davon ist Aida. In sie ist Radames unpassenderweise verliebt. Der wiederum weckte das Begehren der ägyptischen Prinzessin Amneris. Als er endlich losgezogen ist, gen Äthiopien, erzählt Amneris der Aida alsbald, er sei gefallen, was dieselbe zur Preisgabe ihres süßen Geheimnisses mit Radames verführt. Danach kommt der berühm-

te Triumphmarsch und Radames heil und siegreich vom Feldzug mit Aidas königlichem Vater Amonasro als Gefangenem zurück. Mit seiner aus Verliebtheit anfänglich widerstrebenden Tochter wird ein Komplott gegen Ägypten ausgeheckt, an dem der verliebte Radames teilnimmt. Der Landesverrat wird entdeckt. Radames zum Eingemauertwerden verurteilt und das Urteil vollstreckt. Aida hat sich heimlich mit in der Grube versteckt, man nimmt in einem seligen Duett vom Leben Abschied und Amneris, wie gesagt, weint vor der Tür.

Die von den allermeisten Plätzen aus streichholzgroßen Akteure hätten Ungeheueres an Körperübungen leisten müssen, um sich gestisch bis in die obersten Ränge verständlich machen zu können. Also beschränkte man sich lieber gleich aufs Singen und ließ ein Viertelhundert Komparsen fackeltragend treppauf und treppab eilen, so wenigstens etwas Bewegung ins Spiel zu bringen. Auch die Tänzer, die ein wenig altägyptisches Flair in den Berliner Talkessel am Morellenberg zu tragen hatten, taten aus Leibeskräften ihr Bestes.

Dennoch, es war im wesentlichen ein musikalischer Genuß. Der Gesang und das Orchesterspiel strömten dezent. Der Orchesterklang kam fein und durchsichtig auch bei weiter entfernten Zuhörern an. Jedes grobe Forcieren konnte der Dirigent Wolfgang Rennert vermeiden und tat es auch. Als säße man

im Orchestergraben in der Oper, wurde mit kammermusikalischer Durchsichtigkeit gearbeitet. Rennert feierte überhaupt einen großen Tag. Das Staatsopernorchester war bestens aufgelegt, die Zuschauermassen jubelten ihm zu und es hatte Sänger allererster Garnitur zu begleiten.

Sharon Sweet in der Titelpartie brachte es fertig, ihre wunderbaren traurig-stillen Kantilenen tatsächlich im zartesten Piano in den Abend zu singen. Niemals wurde gebrüllt. Ein italienischer Tenor, der ohne zu forcieren, eitel Wohllaut verströmt und trotzdem alle Welt in Spannung hält, ist eine seltene Erscheinung. Der gebürtige Isländer Kristjan Jöhannsson gehört dazu. Er studierte in Italien und sammelte unter .anderem in der gewaltigen Arena von Verona Erfahrungen mit einem Freiluft-Radames. Seine „Holde-Aida“-Arie habe ich selten so intim und gleichzeitig jung und kraftvoll gehört. Dennoch gebührt die Krone im Wettbewerb um die höchste Pracht der Stimmbandleistung Stefania Toczyska als Amneris. Sie sang nicht nur perfekt schön, es gelang ihr zudem, noch die böse Herrschsucht der Mächtigen und die gleichzeitige Tragik der verschmähten Liebenden in diesen riesigen Raum hineinzuspielen. Intendant Georg Quander hat diesen Werbe-Feldzug für die Berliner Staatsoper mindestens so erfolgreich beendet, wie Radames seinen gegen die Äthiopier.

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