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Weisheit eines Geplagten

Wolfgang Hilbig wird sechzig

Er schreibt, direkter als andere, fast ausschließlich über sich. Auch diesem seinem Geburtstag hat er ein Gedicht gewidmet: »Der Zufall«. Es spricht von den Zufällen, die ihn sechs Lebensjahrzehnte überstehen ließen, ihn vor Tod und Wahnsinn bewahrten. Viele andere hätten dahingehen müssen - er blieb zurück. Kein Verdienst, keine Gunst, dieses Überleben. »und nun müßt Ihrmich überstehn«, heißt es, gerichtet an seine Leser wohl vor allem. Welche Radikalität kritischer Wertung der eigenen Existenz und Lebensleistung, wenn ihm nur die Bitte um Erbarmen bleibt - das Wort kommt gleich zweimal vor in dem kurzen Text: »erbarmt euch meiner!« Das könnte aber auch die Quintessenz seines letzten Romans (»Das Provisorium«, 2000) sein, in dem er sich quälende Stationen seiner jüngeren Biografie von der Seele geschrieben hat. Gedichte - so äußerte er einmal - seien das Konzentrat seiner Prosa. Das ist hier nicht zu übersehen.
Der neue Gedichtband betont diesen Zusammenhang schon im Titel. »Bilder vom Erzählen« sind da angekündigt, wie es wiederum die zwingende poetische Bildkraft und die Rhythmik seiner Erzählsprache ist, die ihn zu einem der suggestivsten Prosaisten der Gegenwart macht. Im Vergleich mit der aussichtslosen Rastlosigkeit in jenem Roman kommen diese Gedichte allerdings in einer ruhigen, getragenen Tonlage daher, ist ihre enorme innere Spannung in fantasiereiche, doch beherrschte Bilder gebannt. Auch der Wohlklang unaufdringlicher Reime deckt keineswegs zu, was schon den Roman dominierte: die schwindende Fähigkeit, den Horror des Zeitalters zu ertragen, menschliche Nähe auszuhalten, jemals einen heimatlichen Ort zu finden. Eine scheiternde Heimkehr bestimmt das Odysseus-Motiv. Hölderlins flehentlicher Anruf der Schicksalsgöttinnen, ihm eine letzte Chance zu gönnen, kommt diesem Dichter nicht mehr über die Lippen. Die Träume und Visionen der künstlerischen Moderne werden in makellosen Versen nostalgisch erinnert. Allein das ewig Weibliche lässt Hoffnung aufflammen, vergeblich. Der Tenor: »Ach meine Zeit ist um«. Alter und Tod bestimmen die Reflexion, der Verlust aller Gewissheit. Ängste und Einsichten eines Dichters an der Schwelle zu einem neuen, späten Lebensabschnitt. Dagegen jedoch stehen, knapp, die letzten Strophen des Bandes, in denen in expressionistischer Manier Wandlung und Anderswerden gefordert sind. Weisheit eines Geplagten, der sich nicht unterkriegen lässt.
In einem der Gedichte wird »ein andres Land« aufgerufen, dort schien ihm noch »ein jugendlicher Mond«. Es ist seine schwierige Existenz in der DDR, die darin anklingt und die im Komplex seiner Stoffe und Themen bis auf den heutigen Tag vorherrschend ist. Diese DDR-Identität hat er oft genug als unerträgliche Belastung qualifiziert, aber sie macht auch seine Unverwechselbarkeit als Autor aus. Die Verfügung über krass unterschiedliche Lebenswelten, gewonnen aus dem Gang seiner Biografie, sie gibt ihm einen schwerlich einholbaren Vorsprung, wenn es um die gedankliche, die sprachliche, die künstlerische Erhellung unserer Zeit geht. Dass Hilbig sich dieser Zwiespältigkeit stellt und sie als Herausforderung begreift (sein »Stasi«-Roman mit dem bezeichnenden Titel »Ich«, 1993) unterscheidet ihn durchaus von den meisten anderen Schriftstellern, die gleich ihm seinerzeit die DDR verlassen haben. Zumal das Besondere seiner Leistung darin besteht und als solches auch weithin Anerkennung gefunden hat, nicht nur das untergegangene Land in seiner Stagnations- und Verfallsphase äußerst detailliert beschrieben, sondern es zugleich durch die Spezifik seiner Darstellungsweise zum Symbol eines prekären Weltzustandes erhoben zu haben.
Wolfgang Hilbig gilt weithin als Arbeiterschriftsteller, eine Kennzeichnung, die er selbst sehr kritisch hinterfragt und abgelehnt hat. Gewiss weisen seine Herkunft und langjährige Tätigkeit in diese Richtung, haben Erfahrungen proletarischen Lebens in seinen Werken ihren Niederschlag gefunden, ist das Bild des Heizers, der während der Nachtschicht in der Einsamkeit des Kesselhauses wie im Rausch seine Texte verfasst, ein bestimmender Topos seines Schreibens. Auch gibt es wohl nur wenige Autoren, die so gründlich mit der Mentalität von Arbeitern vertraut sind. Aber das Denken und Empfinden dieses Schriftstellers reicht darüber hinaus, seine literarische Arbeit steht diesem Lebensbereich eher fremd gegenüber. Hilbig war als Arbeiter unter Arbeitern ein Außenseiter. Tatsächlich ist er in dem Maße »Arbeiterschriftsteller« wie Kafka - von dem er nicht wenig gelernt hat - als Autor aus dem Milieu der Arbeiter- Unfall-Versicherung definiert werden kann.
Dennoch hätte schon dieser Kontext seines Schreibens hinreichend sein müssen, dass Wolfgang Hilbig in der DDR gewürdigt und gefördert worden wäre. Das Gegenteil war der Fall, und er hat sich dem auch bewusst entzogen. Seine kritische Sicht auf die Basis-Realitäten war höchst unerwünscht, die besondere Qualität des Geschriebenen wurde ignoriert; als Autor in der DDR stand Hilbig zu den ideologischen und kulturpolitischen Prioritäten konträr. So sind Jahre eines fruchtbaren Schriftstellerlebens verloren gegangen. Hilbig hat aus seinem Hass auf die Verursacher dieser Misere keinen Hehl gemacht. Im »Provisorium« ist das wiederum überdeutlich nachzulesen.
Der Roman lässt jedoch auch erkennen, dass es diesem Autor unter heutigen Bedingungen keineswegs besser ergeht. Die Gesellschaft des Konsumrauschs, des Autowahns und der »Umwandlung des Schriftsystems in ein Medium des Analphabetismus« ist für ihn als Schriftsteller, lässt er wissen, nicht sehr geeignet. Das Fremdsein, die Ängste und Panikattacken, das Maskenhafte als Existenzbedingung sind geblieben. Immerhin erscheinen seine Bücher - wenngleich der Zensur des Marktes ausgesetzt und bei der herrschenden Beliebigkeit mehr oder minder wirkungslos. 1995 hat sich Wolfgang Hilbig mit dem Standort der Literatur in der Mediengesellschaft auseinandergesetzt (»Abriss der Kritik«). Das Bekenntnis zur kritischen Funktion der Künste, die Unverzichtbarkeit entschiedenen Engagements, sie vereinen sich da mit einer Sicht auf die aktuelle Kunstszene, die eben eine solche Haltung weitgehend vermissen lässt und hauptsächlich Spaß und Unterhaltung bedient. Und wenn er dabei die Literaturkritik auf das Niveau schlechter Schauspielerei herabgesunken beschreibt, wird auch verständlich, warum der Hauptakteur dieser Schmierenkomödie in seinem jüngst publizierten Vorschlag eines Kanons maßstabsetzender Werke deutscher Sprache den Autor Wolfgang Hilbig schlichtweg ausspart, obwohl der angesichts anderer hier genannter Namen wahrhaftig einen Platz darin zu beanspruchen hätte.
Allerdings, Bestseller sind Hilbigs Bücher nicht. Fast ausschließlich als Ich-Erzählung organisiert, ohne weitläufige Personage, spontane, sprunghafte Abläufe vorführend, entbehren sie äußerer Spannung, zerflattern in Variationen bestimmter Themata. Es ist ihre eindringliche Sprache und die ungewöhnliche Bildhaftigkeit sowie eine aus selbstzerstörerischen Offenbarungen resultierende Dramatik des oft geheimnisvoll daherkommenden Geschehens, die den Leser in den Bann ziehen. Scharf beobachtete Lebensrealität ist darin ins Abgründige, Ungewisse, Katastrophale transponiert, einer fatalen Wirklichkeit adäquat, die dieser Autor als die große epochale Fortschrittslüge auffasst, mit Auschwitz und dem Gulag als ihren grausamen Höhepunkten. Danach, so seine Überzeugung, ist herkömmliches Erzählen nicht mehr möglich.
Vom unsicheren Ufer spricht eines seiner neuen Gedichte, und ein anderes von Grenzen, nach deren Überwindung immer wieder neue Grenzen sichtbar werden. Das ist die Position und der Weg eines Schriftstellers, bei dem man vergeblich nach Sicherheiten und festem Halt sucht. Und schon gar nicht nach spielerischem Umgang mit diesen Realitäten. Hilbigs Werk ist von einem tiefen Ernst geprägt, über weite Strecken nahezu humorlos. Schon damit fällt er durch das Raster einer postmodernen Ästhetik. Über seinen Rang sagt das freilich gar nichts. Oder eben gerade doch. Er ist eine Hoffnung für alle, die von der Literatur noch etwas erwarten.


Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen, Gedichte. Mit Radierungen von Horst Hussel. 63 Seiten, gebunden, 97,79DM.
Das Provisorium. Roman. 319S., Leinen, 39,80DM). Beide S. Fischer Verlag.

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