Nicht mal »Zwi-Zwi« auf dem Grabstein

Mit »Stattreisen« drei Stunden auf den Spuren von Rosa Luxemburg

  • Von Andreas Heinz
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Ebenso gegensätzlich wie ihre Ansichten waren, sind auch die Ansichten über sie. Das wird in der Stadt deutlich, in der sie viele Jahre lebte und arbeitete und dann umgebracht wurde. Im Ostteil Berlins ist ihr Name öfter zu finden als im Westen. Da gibt es den Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, die gleichnamige Straße in der Nähe, die in die Karl-Liebknecht-Straße mündet. An der Stelle des ehemaligen Frauengefängnisses Barnimstraße in Friedrichshain sind eine Gedenktafel und ein Denkmal zu finden. Eine schräg ins Wasser stürzende, gusseiserne Platte erinnert im Westteil der Stadt, am Landwehrkanal in Tiergarten, an den Ort, wo Rosa Luxemburgs Leiche ins Wasser geworfen wurde.
Wer mehr über das Leben Rosa Luxemburgs erfahren möchte, kann sich mit »Stattreisen« auf »Rosa Luxemburgs politische und private Wege« begeben. Rund drei Stunden Zeit und ein bisschen Kondition sollte man für den Stadt-Spaziergang mitbringen. Treffpunkt ist die Portalruine des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg. Hier begann Rosa Luxemburg am 10.November 1918 als Chefredakteurin bei der Zeitung des Spartakusbundes, der »Roten Fahne«. Das Blatt hatte gleich gegenüber, in der heutigen Möckernstraße, seinen Sitz.
Vor der Gründung des Spartakus-Bundes und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) am 31.Dezember 1918 im Preußischen Landtag, dem heutigen Abgeordnetenhaus, engagierte sich die Kriegsgegnerin für die Sozialdemokraten, war 1907 Lehrerin an der SPD-Parteischule. Als am 9.November 1918 Gustav Scheidemann vom Balkon des Reichstagsgebäudes die Demokratie ausrief, arbeitete die Sozialistin Luxemburg außerparlamentarisch. Sie und ihre Sekretärin und Weggefährtin Mathilde Jacob gehörten mit Liebknecht zu den Gründungsmitgliedern der KPD. Auch der spätere Regierende Bürgermeister Ernst Reuter war Gründungsmitglied, erfährt man von »Stattreisen«. Reuter kam gerade aus Moskau und hatte ein Empfehlungsschreiben Lenins in der Tasche, das auswies, Reuter sei ein »aufrechter Kommunist«.
Nun müssen die Luxemburg-Interessierten in den Untergrund, mit der U2 geht es bis zum Rosa-Luxemburg-Platz. Als die Sozialistin im KPD-Gebäude arbeitete, musste sie noch den Bülowplatz überqueren. 1910 war der damalige Babelsberger Platz nach dem früheren Reichskanzler von Bülow umbenannt worden. Noch mehrmals musste der 1907 angelegte Platz andere Namen tragen: Horst-Wessel-Platz (1933 - 1945), Liebknechtplatz (1945 - 1947), Luxemburgplatz (1947 - 1969) und schließlich Rosa-Luxemburg-Platz.
Heute heißt die ehemalige zweite Parteizentrale der KPD (1926 bis 1933) Karl-Liebknecht-Haus und ist Sitz der PDS. Am 25.Januar 1919, nach der Ermordung Rosa Luxemburgs, wurde ein leerer Sarg symbolisch über den Bülowplatz zum Friedhof Friedrichsfelde getragen. Der Leichenzug endete mit einer Massendemonstration.
Der nächste Ort der Erinnerung, in Friedrichshain, existiert nur noch in Form eines Denkmals und einer Gedenktafel: »An dieser Stelle stand bis 1974 das Frauengefängnis Barnimstraße.« Zwei Mal war Rosa Luxemburg hier eingesperrt. Mathilde Jacob kochte für die magenkranke Rosa, brachte ihr Essen und Lektüre ins Gefängnis, schmuggelte in Schokoladetafeln versteckte Nachrichten in die Haftanstalt und wieder hinaus. Auch um Katze »Mimi« in Luxemburgs Wohnung in der Gartenstadt Südende in Steglitz kümmerte sie sich.
Nächster Denk-Ort: das Hansaviertel. Mathilde Jacob hatte dort ein Schreibbüro, direkt am S-Bahnhof Bellevue. Zeitweilig wohnte auch Rosa Luxemburg in diesem gutbürgerlichen jüdischen Viertel, wie auch ihre anderen Wohnorte immer diesen gutbürgerlichen Hintergrund hatten. Ihre letzten Wohnquartiere lagen in Neukölln und Wilmersdorf.
Am 15.Januar 1919 wurde sie zusammen mit Liebknecht verhaftet. Soldaten der Kavallerie-Schützen-Division verschleppten sie in das Hauptquartier des Freikorps im Hotel »Eden« an der Budapester Straße in Charlottenburg. Nach dem Verhör wurde Luxemburg auf dem Weg zum Abtransport zusammengeschlagen, dann im Auto erschossen. Rosa Luxemburgs Leiche warfen Soldaten in den Landwehrkanal. Erst am 31.Mai entdeckte man ihren Körper. Mathilde Jacob identifizierte ihre Freundin. Den letzten Wunsch konnte sie ihr nicht mehr erfüllen. Nur den Ruf der Blaumeise wollte Rosa Luxemburg auf ihrem Grabstein haben: »Zwi - Zwi«.

Stattreisen, Tel. 4553028, www.stattreisen-berlin-de; nächste Führungen: Sonntag, 14.12., 4.1., jeweils 14...

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.