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»Das Ganze war wie ein Albtraum«

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano über das Vorgehen der Hamburger Polizei am Samstag

Die 79-jährige Esther Bejarano überlebte das KZ Auschwitz und das Frauenstraflager Ravensbrück. Sie ist Mitbegründerin und Vorsitzende des 1986 gegründeten Auschwitz-Komitees in der BRD e.V..
ND: Sie haben am vergangenen Wochenende auf der Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch in Hamburg gesprochen. Wie haben Sie den Samstag erlebt?
Bejarano: Das Ganze war wie ein Albtraum, von dem ich mich immer noch nicht erholt habe. Ich hatte noch nie in meinem Leben Wasserwerfer gesehen. Am Anfang habe ich gedacht: Was sind das bloß für monströse Gefährte, die die Polizei da aufgefahren hat? Dieses Rätsel sollte sich ziemlich schnell lösen, denn noch bevor die Kundgebung begann, traten sie in Aktion. Ich habe dann über Mikro die Polizei aufgefordert, den Einsatz sofort zu stoppen.
Die Reaktion seitens der Polizeileitung war, dass das Stromaggregat für die Lautsprecheranlage beschlagnahmt wurde und ein Wasserwerfer minutenlang seinen Strahl direkt auf den Wagen hielt, in dem ich saß. Und sie wussten genau, wer da drin sitzt, denn ich hatte vorher über die Lautsprecheranlage gesagt, dass ich Auschwitz-Überlebende bin. Ich konnte aus dem Auto auch nicht raus, denn auf der einen Seite waren die Wasserwerfer, auf der anderen Seite eine Polizeikette. Ich hatte große Angst, dass die Windschutzscheibe bricht und ich dem Strahl direkt ausgesetzt bin.

Hat sich jemand von der Polizeiführung bei ihnen dafür entschuldigt?
Im Gegenteil: Ich ging dann später zu einem Beamten der Einsatzleitung, um mich zu beschweren. Der Mann sagte dann zu mir, er könne nichts dafür, er führe nur die Befehle aus, die ihm gegeben werden. Ich antwortete ihm, dass ich diese Worte schon einmal gehört hätte und dass diese Haltung Zig-Millionen Menschen das Leben gekostet habe.

Anlass für die Demonstration war der Nazi-Aufmarsch gegen die Wehrmachtsausstellung. Da haben sich knapp 1000 Nazis versammelt, die größte rechtsextreme Demo in Hamburg seit 30 Jahren.
Diese Masse ist beängstigend. Ich habe den Eindruck, seitdem das NPD-Verbot gescheitert ist, haben die faschistischen Organisationen Zulauf bekommen. Vermutlich denken viele, die können uns ja doch nichts. Dass Faschisten unbehelligt demonstrieren können, liegt aber wohl auch daran, dass die Geschichte in diesem Land nie aufgearbeitet und die Akteure nie belangt wurden. Im Gegenteil, ihnen wurde zur Flucht verholfen, so dass sie die faschistische Ideologie weiterspinnen und weltweit verbreiten konnten. Heute sind Antisemitismus und Rassismus wieder - oder noch immer - gesellschaftsfähig. Faschisten demonstrieren mit denselben Parolen und Emblemen wie damals. Auch am vergangenen Wochenende: Die Nazis waren ausgezogen, die Wehrmacht hochleben zu lassen.

Macht Ihnen das Angst?
Natürlich macht mir das Angst. Ich frage mich, wie so etwas wie letzten Samstag nach den Aber-Millionen Toten, die dem deutschen Faschismus zum Opfer gefallen sind, wie das nach Auschwitz überhaupt möglich ist. Dann denke ich: Wie wird sich das wohl weiterentwickeln? Werden meine Kinder und Enkelkinder irgendwann ähnliches durchmachen müssen wie ich? Viele Menschen in diesem Land sind scheinbar unbelehrbar.
Am Sonntagabend rief mich ein Journalist der Bildzeitung an, um mit mir über die Ereignisse während der Demonstration am Samstag zu reden. Er hätte gehört, ich sei im KZ gewesen, deshalb hätte er einige Fragen an mich, begann er das Gespräch. Nachdem ich ihn fragte, was er denn wissen wolle, sagte er: »Was haben Sie denn verbrochen, dass Sie in Auschwitz waren?« Das hat mir dann den Rest gegeben, ich war völlig schockiert.

Fragen: Birgit Gärtner

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