Unter die Räder gekommen

Thomas Langhoff inszenierte Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder« in München

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.
Der Jeep ist bekannt. Aus Cottbus, wo Alejandro Quintana eine farbig-schwingende, metaphorisch aufgeladene und zugleich, ja: besten Sinns federnde, in klagende Schwermut und Schmerzwut umschlagende »Mutter Courage und ihre Kinder« inszeniert hat, mit Sigrun Fischer in der Titelrolle. Ein Zirkusspiel, tragisch ernst. Bezwingend unausweichlich. Thomas Langhoff geht im Münchener Residenztheater einen anderen Weg. Er versucht, an Brecht vorbei zu inszenieren. Es muss doch funktionieren, trotz Brecht. Aber der ist nicht Hauptmann, freilich bleibt er trotzdem Chef: Sein Stück ist zu stark Lehre, um sich ins »normale« Leben abschieben zu lassen. Denn das genau interessiert Langhoff: nicht der große Krieg und die Durchschaubarmachung seiner Führbarkeit, sondern der kleine, erbärmliche, ebenso gefährliche Überlebenskrieg in jedwedem System. Die Verurteilung des Menschen zur Anpassung. Seine Gefangenschaft im Geschäft. Seine armselige Pause bei Grillwurst und Volksmusik. Seine ewige Flucht vor der Wahrheit, deren Konsequenz das ganz andere Handeln, das ganz andere Leben wäre. Als Courage: Cornelia Froboess. Sie hat in wichtigen, hervorragenden Inszenierungen Langhoffs hervorragend gespielt (jüngst »Der Vater« von Strindberg und »Das Friedensfest« von Hauptmann), und sie ist nun eine Courage, deren Verdrängungskraft besticht. Und doch bleibt ein Eindruck, der mir vergleichbar scheint mit dem Faust von Bruno Ganz in Peter Steins Viel-Stunden-Fassung des Goethe-Werkes. Hier wie da schauspielerische, gut begründete und insofern unbedingte Treue zu einem Regisseur. Spiel auf einem hohen Niveau, das ja nie etwas Erwartbares, etwas Verlässliches ist, sondern immer nur Resultat neuer, ungesicherter Anläufe sein kann. Und doch, freilich mehr ahnbar als zu beweisen: ein Hauch von Gedämpftheit, als sei da tief drinnen ein Zweifel an der Unternehmung nicht überwunden worden zu sein. Als übernähme, wenn sich der Vorhang hebt, die Loyalität das Banner, das ungleich starke Handwerk - nicht aber die Leidenschaft, jener Furor, der Repertoire zum Abenteuer erhebt. Als sei inmitten des Versuchs eine Zutrauensstörung aufgetreten zwischen Schauspieler(in) und Aufgabe. Langhoff hat die Froboess von der Courage überzeugt, er ist ganz ihr Regisseur - Brecht hat sie offenbar weniger überzeugt, es ist wohl nicht ganz ihr Stück. Es mag nun wahrlich ungerecht sein, dieses Problem just an der Froboess zu benennen. Die, wie angedeutet, mit immer wuselnder Geschäftigkeit sehens- und bedenkenswerte Wahrheits-Abtötungsübungen betreibt. Altklugheit, die sich auf Gartenstühlen räkelt, wo halt kein Stammtisch in der Nähe ist. Immer dieser ausgestreckte Zeigefinger, der mit Bescheidwissen droht. Immer diese Unterdrückung von Gefühl. Die Zigarette im Mundwinkel als Rauchfähnchen der Souveränität. Die nur hochsteigende Panik überdeckt. Wenn das Unglück gegen die Familie zuschlägt, hat diese kleine zähe, lederne Frau plötzlich kurz ein unkontrolliertes Stieren im Gesicht; der Mund klappt auf, damit nicht verräterisch der gesamte Körper zusammenklappt. Und wenn sie vor den Vorhang tritt und davon singt, dass der Mensch denkt, aber Gott lenkt - gottvoll böse Ironie -, dann ist diese Frau mit einem Mal auch sanft, zart, schön. Als sei sie jetzt ganz bei sich und nicht in etwas (nur) fleißig und genau, liebe- und mühevoll undidaktisch Inszeniertem. Thomas Langhoff war nie ein Brecht-Regisseur. Denn er ist ein starker Regisseur von Autoren wie Ibsen oder Tschechow oder Hauptmann - bei denen es keine Deckungsgleichheit zwischen der Gestimmtheit der Figuren und dem gesprochenen Wort gibt. Vereinfacht gesagt: Brecht mied er, weil bei dem das gesprochene Wort zu sehr einer strikten Beweisführung folgt. Als sei da ideologisch motivierte Verallgemeinerung ständig ins Recht gesetzt gegen den konkreten Menschen. Langhoff jedoch interessiert, was man tatsächlich beim Augsburger schwer findet: jene Grauzone, in der Gestalten auch mal in Selbstvergessenheit oder einfach absichtslos verharren; bei Brecht unterliegen sie in der Helle der Aufklärung und der Dialektik selten dem Zugriff des Unverhofften. Wo Brecht Bewusstsein interessiert, bewegt Langhoff Schicksal. Wo Brecht Gedanken gibt, sucht Langhoff nach dem Herzen. Mit dem »Kaukasischen Kreidekreis« hatte er sich vor Jahren dann doch erfolgreich (mit Klaus Löwitsch/ Christian Grashof als Azdak und Petra Hartung als Grusche) Brecht genähert, nun also »Mutter Courage«, das Moralstück von der Marketenderin, die ihre Kinder an den Krieg verliert. Eine Inszenierung, die sicher auch inspiriert wurde durch den Irak-Krieg. Vor Monaten eine akute thematische Bedrängung. Peter Schuberts Bühne: eine neutrale Landschaft mit ausgedünnten Bäumchen und weiß und weit ausgeschlagenem Rundhorizont. Rotglühend manchmal. Unterm Kriegsdonner. Oder aber es schneit. Der Feldwebel, der die Untauglichkeit der Leute für den Krieg beklagt, ballt die Faust in Richtung Publikum. Paul Dessaus Musik: heruntergedimmt in ihrem Unterbrechungs- und Beweisführungsauftrag. Langhoff-Schauspielerinnen. Hier ist es neben der Froboess einmal mehr Ulrike Krumbiegel. Eine, die stets trotzig-frech Exzentrik probt, hervorstechende Künstlichkeit aufbaut und damit Theater ohne Rücksicht auf umliegende Spielweisen als poetische Anderswelt und also Gegenwelt zum Realismus behauptet. Ihr Mut zum Clownesken, zum Hässlichen führt hier zu einer sehenswerten Hure Yvette: grelle wie todtraurige Lebensgier, ein junges Wrack auf Lustkreuzfahrt, ein Menschentier der kreatürlichen Sehnsucht nach Genuss. Nikolaus Paryla - sein Vater Karl und Thomas Langhoffs Vater Wolfgang waren Freunde, antifaschistische Kameraden - spielt den Feldprediger, ein angedürrter elegischer Komiker, der sich im Wienerischen wiegt und aufgebracht zitternd Holz hackt, dass sich alle Augen im Publikum schreckvoll schließen. Die Führenden in einem Reigen behutsam gearbeiteter, vorsichtig gegen den Bilderbogen-Duktus modellierter Seelen. Am Schluss hat die stumme Kattrin (Sigrun Wagner) die Bewohner der nahen Stadt vor den einfallenden Soldaten gewarnt, ist auf ihrem Metallturm abgeschossen worden und klatscht als (von jungen Leuten im Publikum belachte) Puppe auf den Boden. Gleich wird die Courage über dem eingehüllten Leichnam hocken, den Bauern Geld für die Beerdigung geben und sich selber wieder ins Joch spannen. Zigarette im Mundwinkel. Wagenschieben. Er steht. Sie versuchts mit Ziehen. Rutscht unter Anspannung aller Kräfte unter den Kühler. Liegt unter dem Gefährt. Unter die Räder kam sie schon früher. Unter die Räder kommen alle, die, statt leben zu dürfen, überleben müssen. Thomas Langhoff ist ein gnädiger Regisseur. Er ist auch gnädig zu dieser kleinen, hurtigen oberflächlichen, sich glänzend verleugnenden Frau. Aber es scheint, dass ihm ...

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