Goldene Öle für wunde Nasen

Asiatischer Tigerbalm hilft den Erkälteten in aller Welt

  • Von Michael Lenz, Singapur
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.

In kleinen bunten Döschen bekommt man in zig Ländern der Welt eine scharfe Salbe verkauft, die vor allem gegen Husten und Schnupfen, aber auch gegen einige andere Beschwerden hilfreich sein kann: Tigerbalm.

Ein bizarrer Park ist eine der größten historischen Attraktionen Singapurs. Auf dem Gelände der Haw Par Villa erzählen knallbunte Figurengruppen mit dicken Buddhas oder garstigen Drachen Geschichten aus der chinesischen Mythologie. Das buddhistische Disneyland hatte in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der exzentrische Philanthrop und Millionär Aw Boon Haw rund um seine Villa anlegen lassen. Zusammen mit seinem Bruder Aw Boon Par war Haw reich geworden mit der Produktion und Vermarktung eines Mittels, das heute weltweit in über einhundert Ländern bei Erkältung, Juckreiz oder Muskelschmerzen Erleichterung bringt: dem Tiger Balm. Der Ursprung des Tiger Balm reicht weit in chinesische Legenden zurück. Der Leibarzt eines chinesischen Kaisers soll das schmerzlindernde pflanzliche Mittel erstmalig zusammengerührt haben, um seinen Herrscher von einem Hexenschuss zu kurieren. Das Rezept wurde dann von Generation zu Generation weitergereicht, bis es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei dem chinesischen Pflanzengelehrten Aw Chu Kin im burmesischen Rangun landete. Kin verfeinerte die Rezeptur als Grundlage für ein Mittel, das unter dem Namen »Zehntausend Goldene Öle« oder auf Chinesisch »Ban Kim Ewe« bei seinen Patienten wegen seiner vielseitigen Wirkung größten Anklang fand. Es waren jedoch Par und Haw, die beiden Söhne Kins, die sich nach dem Tod des Vaters zielstrebig daran machten, aus der väterlichen Salbenküche ein expandierendes Unternehmen zu formen. Die beiden geschäftstüchtigen Chinesen wagten Neues für die damalige Zeit: sie schufen eine »Marke«. Aus den »Zehntausend Goldenen Ölen« wurde »Tiger Balm«. Tiger, so ihre Überlegung, stehen für Kraft und Stärke. »Tiger« weist aber auch auf die beiden Jungunternehmer hin, die nach Raubkatzen benannt waren. Boon Haw heißt nämlich übersetzt »Sanfter Tiger« und Boon Par »Sanfter Leopard«. Die Marke »Tiger Balm« also in der markanten rot-gelben, eckigen Verpackung wurde schnell ein Knaller in ganz Südostasien und die Brüder verlegten ihre Firmenzentrale von Rangun nach Singapur, von wo aus sie den weltweiten Siegszug ihres Naturmittels in Bewegung setzten. Heute wird Tiger Balm von Haw Par Healthcare in Singapur hergestellt, einem Unternehmen der Hawpar Group, einem bunten Mischkonzern, der sein Geld mit Bowlingbahnen, Freizeitparks, Immobilien und eben mit Pharmaka verdient. Die zahlreiche Nachkommenschaft der beiden Brüder - der lebenslustige Par hatte immerhin acht Frauen - sind jedoch nicht mehr an dem Unternehmen beteiligt. In Deutschland wird das von der Bundesanstalt für Arzneimittel zugelassene Mittel seit Jahrzehnten von Klosterfrau vertrieben. »Wir passen gut zusammen. Tiger Balm ist wie Melissengeist ein sehr traditionelles Produkt«, findet Ak Han, General Manager von Haw Par Healthcare in Singapur. Der Herr Han ist ein lustiger Mann, der gerne Witze reißt und es sich bei seinen regelmäßigen Deutschlandbesuchen mit Schweinshaxe und Bier gut gehen lässt. Han liebt Anekdoten wie: »Tiger Balm hat angeblich auch eine ejakulationsverzögernde Wirkung. Aber das ist sicher sehr schmerzhaft«, oder: »Die Araber sollen Tiger Balm auch für ihre Kamele benutzen.« Selbst zum Tiger wird er aber, wenn Konkurrenzprodukte mit ähnlichen Namen und Logos auftauchen: »Gegen die klagen wir rigoros.« So ist er froh und glücklich, dass der in der DDR beliebte Vietnam-Balm sang- und klanglos von dem ostdeutschen Markt verschwunden ist. Tiger Balm besteht im Wesentlichen aus Kampfer, Menthol, Nelkenöl und Cajeputöl. »Die Inhaltsstoffe des Tiger Balm sind auf der Verpackung angegeben«, sagt Han »aber wie Coca Cola halten wir die genaue Rezeptur geheim.« Neue Tiger-Balm-Produkte wie ein Antimoskitospray oder »TB Soft« für junge Leute werden erst in einigen Jahren in Deutschland auf den Markt kommen. »Die Zulassungsregeln in Deutschland sind so streng und das Verfahren ist so langwierig«, faucht Han. Die Bundesanstalt für Arzneimittel komme gar alle paar Jahre zur Kontrolle der Produktionsstätten nach Singapur. Deutschland solle sich ein Beispiel an den USA nehm...

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