Abschied vom Öl-Abschied

Norwegen setzt auf neue Vorkommen in der Arktis

  • Von Andreas Knudsen
  • Lesedauer: 3 Min.
Die aktuellen Streiks in der norwegischen Ölindustrie zeigen, wie einseitig die Wirtschaft des Landes noch immer auf das schwarze Gold ausgerichtet ist.
Norwegen ist nach Saudi-Arabien und Russland der drittgrößte Erdöl- und -gasförderer der Welt. Entsprechend profitiert es vom jetzigen Preisboom, auch wenn sich der norwegische Verbraucher über die gestiegenen Spritpreise ärgert. Und auch in Norwegen sind Mineralölsteuern eine wichtige Einnahmequelle für den Staat. Durch ihre hohe Abhängigkeit von Öl und Gas hat die norwegische Volkswirtschaft einen der industrialisierten Welt gegenläufigen Konjunkturzyklus und trägt 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die Rohstoffförderung deckt die staatlichen Einnahmen zu einem Viertel. Die aktuellen Streiks auf einigen Bohrplattformen in der Nordsee treffen deshalb den Nerv des Landes. Obwohl gegenwärtig nur etwa jeder zehnte der 2200 Mitglieder der Ölarbeitergewerkschaft OFS im Ausstand ist, fällt die Ausfuhrmengen um 450000 Barrel pro Tag niedriger aus als sonst. Die Ölgesellschaften beziffern ihren täglichen Verlust auf rund 12 Millionen Euro. Ein Ende des Streiks ist nicht absehbar, da die Fronten zwischen den Verhandlungspartnern verhärtet sind. Die Gewerkschaften fordern die Aufnahme von Pensionszulagen in die Rahmentarifverträge sowie mehr Transparenz bei den Gehaltszahlungen an Zeitarbeitskräfte. Selbst nach einer Einigung würde es Tage dauern, bis die bestreikten Bohrplattformen die Produktion wieder aufnehmen können. Der Streik macht das Problem der Einseitigkeit des Wirtschaftsmodells deutlich, das aber auch der Regierung seit langem bekannt ist. Vor zehn Jahren wurde ein staatlicher Fonds aufgelegt, in dem der größte Teil der Gewinne aus dem Öl-Sektor gesammelt und in Wertpapieren angelegt wird, um ein finanzielles Polster für die Generationen nach dem Öl-Boom anzusparen. Der Fonds umfasst gegenwärtig etwa 100 Milliarden Euro. Eine Umkehr ist vor allem nötig, weil nach 30 Jahren Öl- und Gasförderung in der Nordsee die Reserven zu Ende gehen. Die Produktion hat mit den zur Verfügung stehenden Technologien ihren Höhepunkt erreicht und wird in den nächsten Jahren stetig fallen, bis sie in wahrscheinlich zehn bis zwanzig Jahren ganz eingestellt wird. Allerdings traf die bürgerliche Regierung Ende letzten Jahres die Entscheidung, die in der Barentssee vermuteten Reserven erschließen zu lassen, was das Öl-Zeitalter um 50 bis 100 Jahre verlängern könnte. Inzwischen wurde das arktische »Schneewittchen«-Ölfeld für den Förderbeginn im Jahr 2006 vorbereitet. Schon dieses Projekt ist äußerst umstritten - wegen der hohen Kosten sowie möglicher Auswirkungen auf Vogelwelt und Fischbestand. Ähnliche Vorhaben nahe der Inselgruppe der Lofoten, wo die ergiebigsten Öl- und Gasvorkommen vermutet werden, ließ Energieminister Einar Steensnæs mittlerweile einstellen. Die befürchteten Einbußen bei Fischerei und Tourismus gaben den Ausschlag. Zudem wäre eine Ölpest in dem einzigartigen Lebensraum von Seevögeln, Robben und Walen politisch untragbar. Der Katzenjammer in der Öl-Industrie war nach der Entscheidung groß, deshalb will die Regierung deren Interessen in die Barentssee kanalisieren. Eine Wirtschaftlichkeitsstudie der mächtigen Öl- und Gasindustrie, die direkt und indirekt rund 250000 Menschen beschäftigt, beziffert die dort möglichen Einnahmen auf bis zu 1000 Milliarden norwegische Kronen. Angesichts dieser Aussichten ist die Stimmung in der Bevölkerung überwiegend positiv. Lediglich einige Umweltorganisationen protestierten und kündigten energischen Widerstand an. Die breite Mehrheit der Norweger sorgt sich weit mehr über den wachsenden Strom russischer Öl- und Gastanker entlang der norwegischen Küste als über eigene Öl-Aktivitäten im fernen Eismeer.

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