Gymnastikbälle kullern auch im Plattenbau

»Coaching 50+« - ein Bewegungs- und Sportangebot für Junggebliebene

  • Von Matthias Nicko
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.
Gabriele Kasprowski steht im 1. Obergeschoss eines Marzahner Neubaus und malt mit ihren Armen Kreise in die Luft. »Das tut gut«, sagt sie. Kein Wunder, schließlich schmerzt die unterkühlte Schulter. Weniger entspannend empfindet sie danach das Beugen der Beine. »Aber das gibt im Sommer einen schicken Popo«, motiviert Übungsleiterin Monika Schmidt ihren Schützling und die elf anderen Teilnehmerinnen. Die Frauen sind zwischen 48 und 72 Jahre alt - ein Mix aus Rentnerinnen, Arbeitslosen und denen, die noch Arbeit haben. Nur die Socken an den Füßen, recken und strecken sich die Damen vom Teppichboden der Zimmerdecke entgegen. »Coaching 50+« nennt sich das Bewegungsangebot für ältere Junggebliebene, zu dem sich in Berlin inzwischen 35 Gruppen mit 350 Teilnehmern zusammengefunden haben. Das Training für Leute über 50 ist ein Modellprojekt des Landessportbundes (LSB) in Zusammenarbeit mit externen Partnern. So stellen zum Beispiel kirchliche und gewerbliche Einrichtungen die erforderlichen Räume zur Verfügung. Im Fall der vier Gruppen, die im Hochhaus am Helene-Weigel-Platz 6 trainieren, hilft die Wohnungsbaugesellschaft Marzahn. Sie überlässt den sportbegeisterten Frauen kostenlos sanierte 80 Quadratmeter. »Kostenlos und unbefristet«, wie Vermieterin Renate Schulze sagt. Ihr Unternehmen kommt zudem für die entstehenden Betriebskosten auf.Rund ein Jahr lang hat der Raum mangels Nachfrage leer gestanden. Nun soll Wohnen wieder "interessanter" werden, verspricht sich Frau Schulze. Reinfried Kugel vom Berliner LSB legt den Finger in dieser Angelegenheit in die Wunde: »Bis jetzt wurde im Kiezbereich wenig bis gar nichts geboten.« Um das zu ändern, bringt der LSB in Berlin bis September 2005 Geld für den Kauf von Matten, Bällen, Hanteln etc. auf und bezuschusst zudem das Übungsleiter-Salär. Insgesamt trägt er ein Drittel der Kosten von »Coaching 50+«. Das Bundessozialministerium übernimmt den großen Rest, denn das Projekt wurde in immerhin fünf Bundesländern gestartet. Die Resonanz in Berlin nennt Kugel »sensationell«. 35 Gruppen im ersten Dreivierteljahr! Dabei hielt der LSB diese Zahl erst nach zwei Jahren für möglich. Momentan verteilen sich die Berliner »Coaching 50+«-Gruppen auf acht bis neun Standorte. Hinzu kommen sollen ebenso viele neue Gruppen, unter anderem in Hellersdorf, Britz und Dahlem. Wenn die Anschubfinanzierungen von LSB und Bund auslaufen - in Marzahn passierte das Ende Mai -, muss sich das Angebot selbst tragen können. Dann endgültig unter dem Dach der Vereine. Vor die Marzahner Gruppen hat sich der Gymnastik- und Stepptanzverein Fortuna Biesdorf geklemmt. Und zwar in Gestalt von Geschäftsführerin Monika Schmidt, die als lizenzierte Übungsleiterin am Weigel-Platz den Takt angibt. Nach einigen Wochen kostenlosen Probeturnens werden für jeden sieben Euro Mitgliedsbeitrag fällig. Dafür hat das Dutzend Frauen, das sich an diesem Dienstagvormittag um Monika Schmidt scharrt, viel zu lachen. Schmidts »Nun frisch und munter zur nächsten Übung« quittiert eine Dame jenseits der Sechzig mit »wie witzig!« Eben hat sie noch gestöhnt. Es galt die Rückenmuskulatur zu stärken - rücklings auf dem Boden liegend, mit den Beinen auf dem großen Gymnastikball. Als die Übungsleiterin ihre Schützlinge anschließend zur Fußreflexzonenmassage mit einem faustgroßen Igel-Ball bittet, entspannen sich die Gesichtszüge. Nun urteilen die Frauen unisono: "Oh, tut das gut!" Monika Schmidt, 56 und wie so viele in ihrem Alter arbeitslos, ist beileibe nicht ohne Arbeit. Als Geschäftsführerin von Fortuna Biesdorf führt sie einen ganzen Verein und betreut überdies die Marzahner »Coaching 50+«-Gruppen. Anfangs seien es nur zwei Gruppen gewesen, doch angesichts der großen Nachfrage habe das nicht ausgereicht. Die Frau mit dem Stirnband kennt den sportlichen Nachholebedarf derer, die zu ihr kommen. Sie weiß: »Viele haben jahrelang nichts gemacht.« Nun ist Schluss damit - ganz im Interesse von Ingrid Krause. Die 63-Jährige, früher selbst Übungsleiterin für Gymnastik, will "bloß nicht einrosten". Die fidele Rentnerin braucht nicht einmal aus dem Haus zu gehen, um zu der ungewöhnlichen Sportstätte im Neubau zu gelangen. Schließlich wohnt sie in dem Wolkenkratzer! Etwa die Hälfte der Projektteilnehmer stammt aus der unmittelbaren Umgebung des Weigel-Platzes. Die Schaffung ortsnaher Angebote ist erklärtes Anliegen von »Coaching 50+«. Als sich die Übungsstunde dem Ende entgegen neigt, werfen sich die Frauen zu entspannender Instrumental-Musik Ringe zu. Danach setzen sie sich noch einmal auf die blauen und roten Gymnastikbälle. Auf denen halten sie - Seiltänzern gleich - mit ausgestreckten Armen die Balance. Heidi Schwarze hofft, dass sie schon bald in die Montagabend-Gruppe wechseln kann. Denn die 52-Jährige hat ab Juni einen Job als Sachbearbeiterin in einem Dienstleistungsunternehmen in Aussicht. Bei »Coaching 50+« macht die motivierte Arbeitslose seit Februar mit. »Ich will un...

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