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Wechselbad im Wembley

Im Elfmeterkrimi 6:5 für nervenstärkere Deutsche / Beim Finale hat Vogts Besetzungssorgen, während Tschechien die stärkste Elf aufbieten kann

Soeben hat Möller getroffen. Ziege, Kuntz, Häßler, Reuter und Strunz im Jubel Telefoto: dpa

Von Jim Wright

Elfmeterschießen ist Nervenkitzel, und am Ende ist immer einer, dem die Nerven versagen. Vor sechs Jahren war's im WM-Halbfinale Englands Verteidiger Pearce, der die Deutschen jubeln ließ, diesmal traf er, dafür scheiterte Southgate an Köpke. Und die anderen? Möllers letzter Schuß bringt ihm mehr Ruhm ein als seinen fünf Mannschaftskameraden, die vorher vollendet hatten. Er schlug den Ball unter die Latte, ganz anders als Panenka, der im. EM-Finale am 20. Juni 1976 in Belgrad gegen die BRD mit einem Kunststoß den Titel für die CSSR sicherte. Seine Erben mußten nun bei dieser EM das erste Mal den schweren Weg vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt schreiten. Und sie beförderten mit ihrer Zielgenauigkeit den bis dahin so überzeugenden kommenden WM-Gastgeber Frankreich aus dem Rennen.

Der Wembley-Rasen gehört am Sonntag abend Deutschland und Tschechien. Sage keiner, daß dies ein flaues Finale wird. Wer von 16 Ländern übriggeblieben ist, dem gebührt Respekt. Englands Verdienst ist es, im Mekka des Fußballs von Spiel zu Spiel besser geworden zu sein. Dieser Hit gegen die Deutschen wird, wie jenes 4.2 mit dem Tor oder Nichttor im WM-Finale 1966, noch nach Jahren die Gemüter bewegen.

Das Elfmeterschießen war die Krönung eines Wechselbades der Gefühle: nach drei Minuten englische Glückseligkeit mit dem Führungstor durch eine Lehrbuch-Ecke. Der baldige Ausgleich nach Deutschlands am präzisesten vorgetragenen Angriff. Und eine zweite Halbzeit, die England gehörte, durch deutsche Spieldisziplin aber nichts Zählbares

brachte. Fußball ist nicht nur Angriff. Fußball ist auch Verteidigung. Die Deutschen hatten da schon immer ihre Stärken. Endlich aber eine Verlängerung mit dem totalen Verzicht beider Mannschaften, das Remis bis zum Elfmeterschießen zu bringen. Wie nahe war das Golden Goal! Es fiel trotzdem nicht. Weil

Deutschland Glück hatte, als Andertons Ball nur den Pfosten traf. Weil England Glück hatte, als der Kopfballtreffer von Kuntz durch den ungarischen Schiedsrichter Puhl nicht anerkannt wurde. Weil Deutschland wiederum im Glück war, als Gascoigne an einer Eingabe knapp vorbeirutschte, auf der anderen Seite Ziege

den Ball am Pfosten vorbei schob. Wie dürftig waren zuvor die »extra times« bei dieser EM. Wie immer auch das Elfmeterschießen enden würde, keiner konnte hinterher dem Verlierer den Vorwurf machen, in der Spielzeit nicht alles versucht zu haben. Vielleicht ist das auch der Grund, wenn später das Wehklagen-bei den Engländern ausblieb. Wembley erlebte nicht nur ein Fußballspiel, es erlebte ein Fußb'allfest.

Der von manchen herbeigeredete Krieg fiel aus. Allerdings gab es über 20 Verletzte, als 2000 englische Hooligans am Trafalgar Square ihren Frust über den Nichteinzug ins Finale abreagierten. Die Bobbies, die sich bisher zurückhalten konnten, mußten zahlreiche dieser »Fans« in Gewahrsam nehmen.

Nicht unerwartet stehen die Deutschen im Finale und erhärten ihren Ruf als eine sich steigernde Turniermannschaft. Denn: Wer auf Dauer oben mitspielt, kann nicht so schwach sein, wie viele hier den Deutschen andichten wollten. Sie kommen sogar sympathischer daher, weil ihr Steuermann Berti Vogts mit den leisen Tönen und seinem Respekt vor jedem Gegner einfach Achtung verdient. Am Sonntag muß er nun elf einsatzfähige Spieler auf den Rasen zaubern. Momentan sind nur noch neun Feldspieler fit. Helmer, Ziege, .Freund und Kuntz laborieren an Verletzungen, Möller und Reuter sind gesperrt. Und für Klinsmanns Rückkehr gibt es kaum Chancen. Doch diese Nöte haben auch ihr Gutes. Sie werden die Mannschaft noch mehr zusammenschweißen.

Der Tschechen Vorteil ist die Favoritenrolle der Deutschen. Außenseiter sind sie für mich nicht, zumal sie wieder fast alle Spieler bereit haben. Trainer Uhrin erinnert mich an den listigen Herberger. Da hat er im Halbfinale die Franzosen laufen und laufen lassen und am Ende mit seiner Ersatztruppe sogar die reiferen Chancen gehabt. Jedenfalls sollten die Vogts-Männer aus dem 2:0 in der Vorrunde keine falschen Schlüsse ziehen. Erst als die Tschechen warm waren, schlugen sie zu: Italien 2:1, Rußland 3:3, Portugal 1:0 und dann 6:5 im Elfmeterschießen gegen Frankreich.

Vor vier Jahren feierte Dänemark den Titel. Folgt mit Tschechien wieder ein Au-ßenseiter?

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