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Frankie Lehmann

Sven Regener beschreibt eine Jugend in Bremen

  • Von Martin Hatzius
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Sven Regeners »Herr Lehmann« ist der Antiheld der jüngeren deutschen Literatur, in dessen munterer Schlafmützigkeit viele Leser zwischen 20 und 40 ihr eigenes Lebensgefühl wiederzufinden scheinen. Mit seinen lakonischen Sprüchen hat der Wahl-Kreuzberger spätestens seit der Verfilmung des Buches Kultcharakter erlangt. Die Kneipen, in denen der Film gedreht wurde, sind eine Zeit lang zu Wallfahrtsorten von Herrn-Lehmann-Fans geworden. Der Debüt-Roman des Element-of-Crime-Sängers spielte 1989, in jenem Jahr, in dem Herr Lehmann seinen 30. Geburtstag über sich ergehen ließ. Und in dem die Mauer fiel. Niemand hat den historischen Charakter dieses Ereignisses aus Sicht eines West-Berliner Bier-Bohemiens treffender beschrieben als Sven Regener: »"Hast du schon gehört?", fragte der Mann hinter der Bar. "Was denn?" "Die Mauer ist offen." "Was ist?" "Die Mauer ist offen." "Ach du Scheiße." "Hast du gehört?" fragte Herr Lehmann, der jetzt ziemlich betrunken war. "Was denn?" fragte Heiko, der schon Anzeichen machte, wegzunicken. "Die Mauer ist offen." "Ach du Scheiße."« Auch Sven Regeners zweites Buch, das statt einer Fortsetzung eher eine Art Voraussetzung von »Herr Lehmann« ist, lebt von der schlagenden Komik seiner drehbuchtauglichen Dialoge. Mit knapp 600 Seiten doppelt so lang wie sein Vorgänger, langweilt der neue Regener in keinem Moment. Erzählt wird diesmal von der Jugend des späteren Kreuzbergers im tristen Bremer Neubauviertel »Neue Vahr Süd«, das dem Buch den Titel gab. Schon im Sommer 1980, Herr Lehmann wird von allen noch Frankie gerufen und ist 20 Jahre alt, ist das scheinbar willenlose Sich-treiben-Lassen seine hervorstechende Eigenschaft. Während sich in seinem Bekanntenkreis K-Gruppen-Leute, »Ex-Genossen« und Punks tummeln, die auf wilden Partys die letzten Glutfünkchen der 68er Bewegung im Alkoholrausch ertränken, wird Frank Lehmann zur Bundeswehr eingezogen: »"Da verweigert man doch", sagte das Mädchen. "Jaja", sagte Frank, "man verweigert. Jaja! Das tut man wohl." "Ja und?" "Nix na und. Hab's verpennt. Ganz schön blöd. Ich weiß." "Ich verstehe nicht, wie man da hingehen kann", ließ das Mädchen nicht locker. Sie starrte ihn immer noch an. "Verstehe ich auch nicht", sagte er. "Wie, verstehst du auch nicht?" "Naja, du sagst, verstehe ich nicht, wie man da hingehen kann, und ich sage, verstehe ich auch nicht. Das ist doch nicht schwer zu verstehen!" "Das verstehe ich trotzdem nicht", sagte das Mädchen und runzelte die Stirn. "Das ist doch bescheuert." "Ja, das ist bescheuert, und da gibt es auch nichts zu verstehen", sagte Frank. "Ich hab's ja gesagt: Ganz schön blöd!"« Indem er seine Figuren einfach reden lässt, scheinbar über Nichtigkeiten und oft ein paar Seiten lang im Kreis, charakterisiert er Menschen und Situationen prägnant und ohne ins Karikaturistische zu entgleiten. Ob es der besoffene Revoluzzer ist, der gefährliche Schlägertyp aus der Nachbarschaft oder der brüllende Vorgesetzte beim Militär, stets wahrt Regener Respekt gegenüber seinen Protagonisten. Auch wo er sie humorvoll überzeichnet, gibt er sie nicht der Lächerlichkeit preis. Je länger Frankie sich zwischen den ganz normalen Verrückten hin- und herbewegt, die das Buch bewohnen, desto deutlicher wird, wie seine vermeintliche Willenlosigkeit auch verstanden werden kann: als Charakter. Dass er sich im Gegensatz zu den meisten seiner Bekannten nie den »MLern«, den »A-Nullern«, den »MGlern«, den »Revis«, den »Grünen« oder den »christlichen Typen« angeschlossen hat, nie dem BWK, dem KBW oder der SDAJ beigetreten ist, bewahrt ihn davor, nach endlosen, zermürbend ergebnislosen und inhaltsarmen Auseinandersetzungen am Ende als »Ex-Genosse« dazustehen. Frank Lehmann bleibt stets nur Frank Lehmann. Sogar in Uniform. Mit seiner Sturheit gegenüber Vorschriften und Gebrüll bringt er die Militärs zunächst fast zur Verzweiflung. Als er dann, schon längst in der Kaserne, auch noch einen handschriftlichen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung einreicht, nötigt das selbst dem Spieß Respekt ab: »"Ich schick das heute ab und mache eine Kopie, die zeige ich Montag früh gleich dem Hauptmann, und Sie kommen auch am Montag nach dem Frühstück gleich wieder her. Und dann reden Sie mal mit dem Hauptmann drüber." "Okay." "Wie heißt das?" "Jawohl, Herr Hauptfeld." "So, und jetzt hauen Sie ab, gleich ist Antreten. Kernige Sache, Lehmann, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Endlich mal Leben in der Bude." Der Spieß lachte, und er lachte noch, als Frank die Tür hinter sich schloß.« Lehmanns Antrag wird abgelehnt. Dafür stellt sich heraus, dass sein nicht gerade seltener Name bei der Einberufung zu einer Verwechslung geführt hat. Von den Pionieren wird Frankie zur Versorgung versetzt, wo er eine ruhige Kugel schieben kann und sogar zum »Heimschläfer« wird. Die Kaserne ist ganz in der Nähe der Neuen Vahr Süd. Das allerdings bringt nicht nur Vorteile, sondern führt auch zur Zuspitzung des Konflikts, der sich durch das Doppelleben zwischen Bundeswehr und Weltrevolutions-WG schon lange anbahnte: Beim »feierlichen Gelöbnis« im Weser-Stadion wird er trotz schelmischem Widerstand zur Bewachung eingeteilt und gerät in eine Straßenschlacht, in der seine Freunde auf der anderen Seite der Barrikaden stehen Auch ein weiterer Brand, der das ganze Buch hindurch im Hintergrund schwelt, bricht schließlich noch aus: Frank verliebt sich in Sibille, das Mädchen, das nicht verstehen konnte, warum jemand zum Bund geht. Sibille hat allerdings auch noch andere Verehrer: allen voran Lehmanns besten Freund Martin Klapp Probleme lösen sich am besten, indem man sie aussitzt. Das zumindest ist Frankies Art, mit dem Leben umzugehen. Dass er am Ende des Romans seinem Bruder Manfred nach West-Berlin folgt, ist weniger als Flucht zu verstehen denn als Schicksal. Dem ist er treu ergeben. Auch wenn er hier und da ein bisschen nachhilft. Wirklich spannend wäre es nun zu erfahren, was aus Herrn Lehmann nach dem 9. November 1989 geworden ist. Gewiss wird Sven...

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