Werbung

Der Chronist von Berlin

Der Fotograf Willy Römer (1887-1979) im DHM Berlin

Willy Römer, so scheint es, ist überall dabei gewesen. Er hatte das Berliner Stadtzentrum fotografiert, als dessen Keimzelle noch zu sehen war: der Molkenmarkt und das enge Gassengewirr des Krögel. Als revolutionäre Arbeiter und Matrosen 1918/19 die Straßen eroberten, war Römer mittenmang. Er schoss sogar ein Foto von jenen Aufständischen, die ihn einen Moment später gefangen nehmen sollten. Römer kam nach Stunden frei und rettete das Glasnegativ. Umgehend setzte er seine Chronistenpflicht bei den Kämpfen um das Zeitungsviertel fort. Er fotografierte Karl Liebknecht beim Reden und den Trauerzug nach dessen Ermordung. Als 1923 Freikorpssoldaten beim Kapp-Putsch in Berlin in Stellung gingen, baute auch Römer sein Stativ auf. Er war am Bahnhof, als Außenminister Walter Rathenau zur Konferenz von Cannes fuhr. Römer drückte auf den Auslöser, als in der Inflationszeit das entwertete Geld waschkörbeweise weggetragen wurde. Seine Glasnegative zeigen einen gelandeten Zeppelin in Staaken und den futuristischen Propellerwagen, der in den 20er Jahren die Strecke Berlin-Hamburg auf Schienen in 1:38 h zurücklegte. Römer-Fotos zeigen die echten Silberpfeile, aber auch Dutzende ausgemusterte und dann auf die Nase gestellte Kampfflugzeuge des früheren kaiserlichen Heeres. Römer war bei Demonstrationen und Kundgebungen anwesend, er besuchte Lunapark und Schneepalast. Er porträtierte den Faustarbeiter Max Schmeling und den Kopfarbeiter Maximilian Harden. Er war bei Gustav Stresemann und bei Berliner Fischhändlern. Er fing den Verkehr am Potsdamer Platz ein und Badegäste an der Spree (kurz vor der Parochialkirche). Ebenso war er auf der Straße, als SA-Leute zum Boykott von Geschäften jüdischer Inhaber aufriefen. Immer hatte er seine Kamera dabei. Es war nicht so ein kleiner Apparat, den man in der Tasche verschwinden lassen kann, sondern ein klobiges Gerät, das auf 18x13 Zentimeter große Glasplatten belichtete. Meist wird er zudem ein Stativ benutzt haben. Gut eine halbe Sekunde lang brauchte die Kamera, um aus der Ziehharmonikastellung zur vollen Länge von 13 Zentimetern auszufahren. Schnappschüsse waren damit kaum zu machen. Der Bildausschnitt musste vielmehr inszeniert werden. Römer half dabei eine dem Militär abgeguckte Zieleinrichtung aus Kimme und Korn, wobei die vordere Visiermarke ein Rahmen war. Zu seiner Zeit »schoss« man Fotos tatsächlich. Römer war beileibe nicht der einzige Fotograf in Berlin, aber doch ein wichtiger. 1920 gründete er mit seinem Kompagnon Walter Bernstein die Photothek »Römer & Bernstein«, die zu einer der zehn wichtigsten Pressebildfirmen der Weimarer Republik wurde. Sie belieferte alle zwei bis vier Tage 250 Redaktionen in Deutschland, aber auch bis nach Paris, London, New York und Tokio. Wegen dieser großen Verbreitung hat wohl schon jeder, ohne es zu wissen, Römer-Fotos gesehen. 60000 Fotos und 50000 Glasnegative umfasst der Nachlass von Willy Römer. Aus diesem reichhaltigen Schatz bestückte der Kunsthistoriker Diethart Kerbs die Ausstellung »Der Fotograf Willy Römer. Auf den Straßen von Berlin«. Auf zwei Etagen des Pei-Baus des Deutschen Historischen Museums breitet sich daher jetzt ein begehbares Bilderbuch des Berlins der Jahre 1910 bis 1946 aus. Schwerpunkt sind jedoch die Revolutionsjahre und die »Goldenen 20er«. In 17 Themenkomplexe hat Kerbs das uvre aufgeteilt. Von Arbeit und Handwerk über Straßenhandel, Geschäftsleben, Verkehr und Technologie bis hin zu Freizeitvergnügungen ist alles dabei, was den Alltag der Menschen ausmachte. Krieg und Revolution sind selbstredend Themen, ebenso die Zerstörung der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg.Porträts von Zeitgenossen, u.a. Hannah Höch, Kurt Weill, Friedrich Ebert, Max Liebermann und Hans Poelzig, bilden eine Extra-Sektion. Zusätzlich liegen Themenmappen aus. Darin enthalten Kuriosa wie eine Damenradsportmannschaft, die auf im Kaffeehaus aufgebockten Rädern Rennen austrug. Trotz der Menge an Fotos ist die Ausstellung luftig gehalten. Viele Aufnahmen wurden extra vergrößert, aber auch das originale Format 13x18 ist optisch attraktiv. Ein mit der Zeitgeschichte verknüpfter Foto-Lebenslauf stellt die Person Willy Römer kurz vor. Wenige Prints nur zeigen ihn bei der Arbeit oder im Kreise seiner Familie. Das ist jedoch kein Manko. Diese Bildnisse sind nur Zusatz; sie können nicht konkurrieren mit der Fülle von Bildern, die der Chronist über seine Stadt schuf. Die Ausstellung ist einzigartig, weil sie eine verklärte, aber aus dem Stadtbild weitgehend getilgte Epoche sichtbar macht. Man ist zu einer Entdeckungsreise eingeladen und merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Ein gutes Zeichen. Deutsches Historisches Museum: Der Fotograf Willy Römer. Auf den Straßen von Berlin. Bis 27.2.2005, täglich 10-18Uhr.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!