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  • Politik
  • Die Publizistin Hilde Eisler wird heute 85 Jahre alt

Ein Leben-mit so vielen Verlusten...

  • Von Manfred Engelhardt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hi de Eis ei

Foto: Peter Söllner

Hilde,Eisler wurde heute vor 85 Jahren in Farnopol - damals habsburgisch, später polnisch, jetzt ukrainisch - geboren. Den meisten wird sie als Chefredakteurin des »Magazin«, jener vergnüglichen, intelligenten DDR-Presse-Besonderheit mit dem Klemke-Kater, bekannt sein. Immerhin hat sie diese Arbeit ein Vierteljahrhundert geleistet.

Journalistisch tätig gewesen war sie schon im antifaschistischen Exil, so für den Deutschen Freiheitssender 29,8, für den die spanische Republik vom Januar 1937 Anlage und Frequenz zur Verfügung stellte. Nach Paris, wo die kleine Redaktion eine Zeitlang residierte und wo Hilde Rothstein Gerhart Eisler kennenlernte (sie heirateten am 27 August 1942 in Norwalk, Connecticut, USA), war sie aus Polen über die Tschechoslowakei gekommen. Und nach Polen? Durch Hitlers »Volksgerichtshof«, der die gelernte Buchhändlerin nach einjähriger Haft wegen antifaschistischen Widerstands und wegen ihrer zurückliegenden Arbeit im Marx-Engels-Verlag zur Deportation aus Deutschland verurteilte.

Dieser Rauswurf aus Hitlerdeutschland hat ihr Leben gerettet, aber ein Leben voll tiefer Schmerzen. Sie verlor ihre Mutter, ihre kleine Schwester, ihre Familie in Auschwitz. »Wie überleben die Menschen diese schrecklichen Verluste?«, hat sie vor Jahren in einem öffentlichen Gespräch gefragt. »Wie ertragen sie das schlechte Gewissen, daß sie noch leben?« Menschen wie sie haben es den Deut-

schen nachkommender Generationen ermöglicht, die Augen aufzuheben: Ihnen haben Hilde Eisler und ihresgleichen die selbstverständliche Achtung anderer vorgelebt, gleich ob sie Russen oder Amerikaner, Juden, Christen oder Atheisten sind.

Der Mut der jungen Hilde war größer, als sie selber damals empfand. Im Marx-Engels-Verlag, mit dem sie aus Frankfurt/Main nach Berlin übersiedelte, ist Hilde eine bilanzsichere Buchhalterin geworden, dort war sie Lektorin. Von den wenigen Mitarbeitern blieb sie schließlich übrig. Sie ging zur Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße und verlangte, daß man die versiegelten Verlagsräume öffnete und daß man ihr, der kleinen Person, zwei Helfer für die schwere Aufräumarbeit mitgäbe. So rettete sie Manuskripte, Dokumente, Unterlagen und Arbeitsgeräte für das Marx-Engels-Institut in Moskau.

Was immer sie im Leben erreichte, diese Qual der schrecklichen Verluste hat sie bis in die jüngste Zeit nicht verloren. Kann man dies wirklich mit allen Fasern nachfühlen? Als Hilde Eisler im Jahr

1949 im Gefängnis von Ellis Island vor New York einsaß, weil ihr Mann Gerhart - nachdem er seit 1946 als Galionsfigur einer erbarmungslosen antikommunistischen Kampagne wiederholten Gefängnisaufenthalten und abgewiesenen Revisionsgerichtsverfahren ausgesetzt gewesen war und vergebens seine Rückkehr nach Deutschland gefordert hatte (er sollte sowjetischer Atomspion gewesen sein und konnte doch nach eigenen Worten eine solche Bombe nicht von einer Gurke unterscheiden) - weil also Gerhart Eisler aus den USA geflohen war, überlegte Frau Eisler auf Ellis Island, was die bessere Entscheidung wäre: nach Deutschland zurückzugehen oder sich in den Hudson zu werfen. »Der Zaun hat mich davor bewahrt. Vielleicht auch meine Liebe zu Gerhart, dem ich das nicht antun wollte.«

Hilde Eisler hat bis heute ihre vertraute Empfindung für die Stadt New York behalten. Sie wäre gern dort geblieben. Darum hat sie, als sie schließlich nach ihrer Haft deportiert wurde, ihren amerikanischen Freunden und den Amerikanern überhaupt warmherzig gedankt, der Regierung jedoch passende Worte gesagt. Übrigens von der Treppe zum Flugzeug aus, zu dem die Polizei sie hatte heimlich bringen wollen. Es waren eine Menge Leute dort versammelt.

Aus den Jahren 1946 bis 1949 liegen Briefe zwischen den Eheleuten Eisler vor, die man gern in einen Band von Liebesbriefen aufnehmen könnte. Sie dokumentieren auch, zu welchen persönlichen Verzichten Hilde Eisler genötigt war

Jahre nach Gerharts Tod, im März 1968, hatte sie ein zweites großes Liebesglück. Mit 68 Jahren traf sie ihre Jugendliebe wieder - für vierzehn schöne Jahre.

Sie trägt am Kreuz, daß die DDR zugrunde ging, weil sie nicht hielt, was sie versprochen hatte. Ihre Kritik an Stalinismus und DDR-Führung ist in Publikationen nachzulesen. Und ihre Hoffnung auf eine Alternative zu Krieg und Ausbeuterei.

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