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Ein Ehrenbürger in Unehren

Wie Schneeberg die NS-Vorwürfe gegen einen honorigen Sohn der Stadt aussitzt

Tradition zählt viel im Erzgebirge. Für Forschungen zur Bergmannskultur hat Schneeberg daher 1991 einen Volkskundler zum Ehrenbürger ernannt. Dann tauchten NS-Vorwürfe auf. Doch die Stadt spielt auf Zeit.
Der Termin ist Zufall, sagt Frieder Stimpel. Eine halbe Stunde zuvor hat der Bürgermeister von Schneeberg die Sitzung des Stadtrates mit einer Gedenkminute eröffnet. Es ist der 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, ein »denkwürdiger Tag«, sagt der CDU-Politiker und äußert die Hoffnung, dass sich »so etwas nicht wiederholt«. Jetzt, drei Tagesordnungspunkte später, versucht der Rathauschef, jeden Anklang an das besondere Datum zu vermeiden - was schwer fällt. Schließlich geht es ausgerechnet darum, einem berühmten Sohn der Stadt seine Verwicklung in das Nazi-Regime zur Last zu legen.
Auf den Tischen der Räte, die unter goldenen Kronleuchtern und vor getäfelten Wänden sitzen, liegt die Vorlage R 05-03/01, der »formale Antrag auf Aberkennung der Ehrenbürgerrechte für Herrn em.o. Professor Dr. Dr. h.c. Gerhard Heilfurth«. Es ist ein heikles Papier, nicht nur, weil dem 1909 im nahen Neustädtel geborenen Volkskundler die Würde eines Ehrenbürgers erst vor 14 Jahren verliehen worden ist. Die akribische Auflistung der akademischen Würden lässt ahnen, welche Achtung dem Wissenschaftler entgegen gebracht wird, der in seinen Büchern die Kultur der Bergleute des Erzgebirges weltweit bekannt gemacht hat.

Heilfurth war »braun
bis in die Haarspitzen«
Das Erzgebirge und seine Kultur sind ohne den Bergbau nicht zu denken. Er hat einer armen Region zumindest zeitweise zu ungeahntem Reichtum und später zu viel Glanz verholfen, und er ist auch heute eine der wenigen Quellen, aus der sich nicht nur Stolz ableiten, sondern auch klingende Münze schlagen lässt. Das Lichterfest im Advent, das Schneeberg zur heimlichen Hauptstadt des Erzgebirges werden lässt, lockt Tausende Touristen an. Die Bücher von Heilfurth, sagen seine Verehrer, haben dazu beigetragen.
Günther Eckardt gehörte einst zu diesen Verehrern. Der Kulturwissenschaftler hatte Heilfurth daher im Namen des Erzgebirgsvereins dem Stadtrat als Ehrenbürger vorgeschlagen. Das war 1991. Heute betont Ratsmitglied Eckardt zwar, er wolle die Verdienste des Wissenschaftlers Heilfurth nicht anzweifeln. Trotzdem hat er den Antrag gestellt, die einst auf sein Betreiben hin gefasste Entscheidung zu revidieren. Es gebe »Ergänzungen zum Lebenslauf« des Forschers, die erst 50 Jahre nach Ende des II. Weltkrieges zugänglich geworden seien - und für ein böses Erwachen sorgten. Von »Nähe zum System« spricht Eckardt.
Der Heimatforscher Erich Mehlhorn, der während der Ratssitzung nervös auf einem Besucherstuhl herumrutscht und von Bürgermeister Stimpel deshalb zur Ruhe ermahnt werden muss, wird deutlicher: Heilfurth war, sagt er, »braun bis in die Haarspitzen«.
Mehlhorn hat sich in den Jahren seit 1995 ähnlich intensiv mit der Biografie Heilfurths beschäftigt wie zuvor mit dessen Publikationen über das Bergmannslied. Die musikalische Tradition hat der Inhaber einer Zwönitzer Kulturagentur einst als Ausrichter von »Bergmännischen Musiktagen« hochgehalten. Mehlhorn ist jedoch nicht nur künstlerisch interessiert, sondern auch politisch. Merkwürdigkeiten
in Schriften und Lebenslauf von Heilfurth, der 1959 mit dem »Großen Bundesverdienstkreuz« ausgezeichnet und 1960 zum Honorarprofessor in Marburg ernannt worden war, bewogen ihn daher zu Nachforschungen.
Mehlhorn suchte im Bundesarchiv in Aachen und in der »Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht«. Was er dort über den Schneeberger Ehrenbürger herausfand, ließ Mehlhorn erschrecken: »Wir haben damals Mist gebaut.« Heilfurth stand, so ergaben die Nachforschungen, dem NS-Regime offenbar ausgesprochen nahe. Sein Eintritt in die NSDAP erfolgte am 1. Mai 1933. Dass das nicht der Anfang war, bekannte er als Mitarbeiter im »Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung« 1938 per Ergänzungen im Lebenslauf. Anlass war die Überführung des Archivs in das »Ahnenerbe«, das vom Reichsführer SS Heinrich Himmler geleitete wurde und Belege für die rassistische NS-Ideologie sammeln sollte. Schon im Sommer 1932, teilte Heilfurth bei dieser Gelegenheit mit, sei er Kommandant in einem der ersten Arbeitslager des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes in seiner Heimatregion gewesen. Ab 1931 habe er an der »Kampfsportausbildung der G.S.-Gruppe F 14 teilgenommen, die dann in SA fortgesetzt wurde«. Danach wurde er in die »Schulungsarbeit der HJ berufen, in der ich noch tätig bin«.
Der augenscheinlich eifrige Parteigänger des Regimes, dessen Forschungszweig im Dritten Reich zudem sehr gefragt war, machte weiter flott Karriere - auch, als er 1940 eingezogen wurde. Seine Promotion verteidigte er im Mai 1943 während eines Fronturlaubs. Zuvor war der Regimentsadjutant einer Kroatischen Infanteriedivision am 1. März zum Leutnant ernannt worden. Die Beförderung, fand Mehlhorn aus Kriegstagebüchern der Einheit heraus, erfolgte, während sich die Truppe in Operationen namens »Weiß I« und »Weiß II« befand. Dabei wurden von Januar bis Mitte März 1943 insgesamt 2506 Partisanen gefangen genommen und 616 standrechtlich erschossen.
Eine Beteiligung Heilfurths an Kriegsverbrechen ist, das weiß auch Mehlhorn, nicht nachgewiesen. Eigene Auskünfte dazu sind ebenso wenig zu erwarten wie zu den Hintergründen der NS-Karriere: Der Wissenschaftler lebt zwar hochbetagt, aber nach zwei Schlaganfällen schwer krank in Marburg. Mehlhorn staunt aber, dass man in Schneeberg ein genaueres Studium der von ihm vorgelegten Materialien ablehnt - selbst wenn man im Ergebnis zu dem Schluss komme, die Vorwürfe seien nicht schwerwiegend. Doch schon die bloße Vorstellung, Heilfurth sei womöglich gründlich in das NS-Regime verstrickt gewesen, findet offenbar nicht nur Bürgermeister Stimpel abwegig: Er spricht von einem »Konstrukt«, dessen »Beweisbarkeit« anzuzweifeln sei.
Dabei misst Mehlhorn den Wissenschaftler nicht nur an biografischen Details, sondern auch an seinen Worten. Er verweist auf Lob der »großzügigen nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungspolitik« von 1938; er zitiert einen Text unter der Überschrift »Die Fahne hoch!« Dort heißt es: »Deutschland reicht weit über die Enge des Reiches hinaus«, was »gerade wir Erzgebirgler« spürten, verlaufe doch auf den Bergen eine »Grenze, die Deutsche von Deutschen sinnlos trennt«. Der Autor scheint indes Hoffnung zu schöpfen. »In allen Orten des Reiches weht sieghaft die gleiche Fahne des Volkes«, heißt es, »in allen deutschen Herzen lebt unauslöschlich das gleiche Bild des Retters und Führers unseres Volkes, Adolf Hitler«.
Deutliche Worte - in denen jedoch nicht nur der Sohn des Volkskundlers wenig Anstößiges entdecken kann. Was seinem Vater vorgeworfen werde, seien »damals ganz übliche Geschichten« gewesen, sagte der heute 64-Jährige auf Anfrage eines Journalisten und fügt hinzu: »Damals hat man einfach andere Worte als heute benutzt.« Die Schneeberger Kommunalpolitiker sehen das ähnlich. Unterm Strich, resümiert CDU-Stadtrat Mathias Preißler, »reichen uns die Fakten nicht aus, um die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen«. »Viele Menschen waren verstrickt«, sagt Steffen Herrmann, Chef der PDS-Stadtfraktion. Heilfurth sei Publizist gewesen, fügt ein anderer Genosse hinzu: »Ohne Ideologie ging da gar nichts.« Eckardt, früher selbst PDS-Politiker, hat die Partei aus Enttäuschung über fehlenden Rückhalt bei Parteifreunden verlassen.

11 Prozent wählen in
Schneeberg die NPD
Efraim Zuroff wird sich durch diese Haltung bestätigt fühlen. Der Leiter des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem hat den Stadträten 2004 schwere Vorwürfe gemacht. Zuroff hatte die Stadt aufgerufen, die Ehrenbürgerschaft des »ehemaligen Nationalsozialisten« Heilfurth zurückzunehmen. Als er keine erkennbare Resonanz erhielt und stattdessen nur Zweifel geäußert wurden, betonte er in einer Erklärung, es »fehle nicht an Beweisen, sondern die Ratsmitglieder ignorieren sie«. Eine überregionale deutsche Tageszeitung kam zu ähnlichen Schlüssen und vergaß nicht hinzuzufügen, dass die NPD bei der Landtagswahl in der Stadt elf Prozent der Stimmen gewann.
Günther Eckardt hatte solche Äußerungen gefürchtet. Er habe mit dem Aberkennungsantrag lange gezögert, weil er »keinen Schaden für Schneeberg« verursachen wollte. Jetzt aber gebe es genügend Anlass für eine differenzierte Auseinandersetzung. Dass Eckardts Antrag ausgerechnet am 27. Januar mit großer Mehrheit abgelehnt wurde, nennt er einen Skandal.
Im gediegenen Ratssaal der Stadt, die es vor ein paar Jahren ablehnte, den renommierten DDR-Regisseur und gebürtigen Schneeberger Egon Günther zu ihrem Ehrenbürger zu machen, sieht man das freilich ganz anders. Die ganze Diskussion, sagt ein SPD-Ratsmitglied, sei doch »nur der Öffentlichkeit geschuldet«. Wenn es »etwas Ernsthaftes geben würde«, fügt er hinzu, hätte »das Wiesenthal-Center das sicherlich nicht allein herausgefunden«. Die Räte scheinen weiter entschlossen, das zu tun, wovon ihnen der Kommentator der Lokalzeitung schon vor Wochen abriet: »die Sache auszusitzen, bis mit dem Tod Heilfurths die Ehrenbürgerwürde erlischt und die Debatte ein Ende hat«.

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