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»...um eine Hoffnung ärmer«

Poet und Bürgerschreck Rolf Dieter Brinkmann starb vor 30 Jahren in London

  • Von Hanno Harnisch
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.

Heiner Müller hat ihn einmal »das einzige Genie unter den jüngeren bundesrepublikanischen Literaten« genannt, den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der mit Schlips und Konfirmandenanzug gegen alte Dichter und literarische Konventionen ankämpfte. Es ist schon eigentümlich, einen solchen Autoritätsbeweis als Zitat für diesen schillernden Exponenten antiautoritären Lebens und Schreibens zu lesen. Am Sonnabend ist der 30. Todestag dieses ungewöhnlichen Dichters, dessen Tod so bizarr war wie sein Leben: Ein Auto überfuhr Rolf Dieter Brinkmann im Londoner Stadtteil Bayswater.
Brinkmann hat deutliche Spuren hinterlassen, ist der Generation der heute 30-Jährigen absolut präsent, gilt er doch schlechthin als der erste deutsche, wichtige Pop-Autor. Geboren wurde er fünf Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs am Rande von Ostfriesland. Das Gymnasium verließ er ohne Abschluss, begann bald »mit wütender Vehemenz« zu schreiben, wie damals Peter von Becker in der »Süddeutschen Zeitung« feststellte. Erzählungen, Essays, Hörspiele, Gedichte, alles wild durcheinander, alles zu seinem Thema, dem anstrengenden und verwirrenden Alltag in westdeutschen Städten. 1962 erschien eine erste Erzählung in der von Dieter Wellershoff, damals Lektor im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, herausgegebenen Anthologie »Ein Tag in der Stadt«.
Diese Stadt, die er liebte und hasste, war Köln. Wahrnehmungssüchtig streifte er tags und nachts durch Kölner Straßen. Als hätte er ständig eine Kamera bei sich, hielt er er alles fest, was ihm begegnete. Das ganze Elend der Adenauerzeit. Angeschrieben und angeschrien hat er »gegen den deutschen Muff, gegen den Literaturbetrieb, gegen die Medien, gegen die Kontrolle in den Medien, gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, gegen die Redakteure, gegen die Linke, gegen die Rechte, gegen die Frauen, gegen alles«, wie es Herbert Kapfer, der Herausgeber seines akustischen Nachlasses im »Deutschlandradio Kultur«, treffend formulierte. Zusammen mit der Witwe von Rolf Dieter Brinkmann hat der Hörfunkmann 29 nachgelassene Tonbänder von Brinkmann in der Wohnung von Marleen Brinkmann zwei Tage und zwei Nächte lang komplett durchgehört. Und das, was er auf diesen 29 Bändern gehört hat, das sind sensationelle, spannendste Originaltöne.
Da ist jemand, der mit dem Tonband und dem Mikro alles macht, was man nur damit anstellen kann. Brinkmann geht durch die Straßen und macht Reportagen, improvisiert Monologe, geht in die Küche und befragt seine Frau, was sie gerade kocht, spielt mit seinem Sohn und blödelt mit ihm rum, schabt und kratzt am Mikro, kommt mit provozierenden Fragen in Kneipen und stellt Fragen an Kneipenbesucher: »Wann haben Sie zum letzten Mal gefickt?« Erstaunlicherweise gibt es dann ein Gespräch, dass sich über mehrere Minuten erstreckt.
Brinkmann hat sich auf diesen 29 Bändern in jeder Stimmung und jeder Situation dokumentiert. Und sei es auch nur, dass er den Kontostand seines Kontos bei der Stadtsparkasse in Köln vorliest, was damit endet, dass er nicht wisse, wie er jemals dieses Minus ausgleichen solle. Der früh Vater gewordene, von Zeitgenossen als überaus nervös geschilderte Schriftsteller litt also ständig unter Geldnot und Existenzangst. Nicht zuletzt deshalb suchte er immer wieder das in unmittelbarer Nähe zum Verlag Kiepenheuer & Witsch liegende Funkhaus des Deutschlandfunk auf, um dort mit neuen, noch unveröffentlichten Texten in der Literatur-Redaktion vorstellig zu werden.
Brinkmanns wichtigster Gedichtband »Westwärts 1&2« erschien erst nach seinem Tod. Im Vorwort dieses gerade bei Rowohlt in einer erweiterten Ausgabe neu aufgelegten Bandes schreibt der Autor: »Was für Entzückungen, eine Straße entlangzugehen, während die Sonne scheint... Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier«. Ein Pop-Literat zu einer Zeit, als es den Begriff in Deutschland noch gar nicht gab. Zusammen mit seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla las und übersetzte er amerikanische Underground-Autoren wie Williams S. Burroughs oder Frank O'Hara und veröffentlicht die vielbeachtete Anthologie »Acid - Neue amerikanische Szene«.
»Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen«. Mit so einem Satz provozierte Brinkmann Ende der 60er Jahre auf einer Podiumsdiskussion die etablierten Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Harald Hartung. Extreme zu erfahren, selber extrem zu sein, das hat ihn umgetrieben.
Er ist also eine Art Vorläufer der »Spoken Word Poetry« unserer Tage. Anfang der 70er Jahre hat sich Brinkmann dann aber fast völlig aus dem von ihm verachteten Literaturbetrieb zurückgezogen. 1972 lebt er noch einmal einige Monate als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, wo er die posthum erschienene Tagebuchcollage »Rom, Blicke« notiert hatte.
Marcel Reich Ranicki scheint ihm die beschriebene verbale Maschinengewehrattacke nicht sonderlich übel genommen zu haben. Schrieb er doch in seinem Nachruf vor 30 Jahren: »Die deutsche Literatur ist um eine Hoffnung ärmer.«


Die CDs mit Aufnahmen von Rolf Dieter Brinkmann sind in zwei Teilen erschienen: »The Last One« enthält Autorenlesungen vom Cambridge Poetry Festival 1975. Eine CD kostet 19,90 Euro. Die Box mit fünf CDs heißt »Wörter, Sex, Schnitt«, enthält Originaltonaufnahmen von 1973, kostet 49,90 Euro, erschienen bei Intermedium Records.

Heiner Müller hat ihn einmal »das einzige Genie unter den jüngeren bundesrepublikanischen Literaten« genannt, den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der mit Schlips und Konfirmandenanzug gegen alte Dichter und literarische Konventionen ankämpfte. Es ist schon eigentümlich, einen solchen Autoritätsbeweis als Zitat für diesen schillernden Exponenten antiautoritären Lebens und Schreibens zu lesen. Am Sonnabend ist der 30. Todestag dieses ungewöhnlichen Dichters, dessen Tod so bizarr war wie sein Leben: Ein Auto überfuhr Rolf Dieter Brinkmann im Londoner Stadtteil Bayswater.
Brinkmann hat deutliche Spuren hinterlassen, ist der Generation der heute 30-Jährigen absolut präsent, gilt er doch schlechthin als der erste deutsche, wichtige Pop-Autor. Geboren wurde er fünf Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs am Rande von Ostfriesland. Das Gymnasium verließ er ohne Abschluss, begann bald »mit wütender Vehemenz« zu schreiben, wie damals Peter von Becker in der »Süddeutschen Zeitung« feststellte. Erzählungen, Essays, Hörspiele, Gedichte, alles wild durcheinander, alles zu seinem Thema, dem anstrengenden und verwirrenden Alltag in westdeutschen Städten. 1962 erschien eine erste Erzählung in der von Dieter Wellershoff, damals Lektor im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, herausgegebenen Anthologie »Ein Tag in der Stadt«.
Diese Stadt, die er liebte und hasste, war Köln. Wahrnehmungssüchtig streifte er tags und nachts durch Kölner Straßen. Als hätte er ständig eine Kamera bei sich, hielt er er alles fest, was ihm begegnete. Das ganze Elend der Adenauerzeit. Angeschrieben und angeschrien hat er »gegen den deutschen Muff, gegen den Literaturbetrieb, gegen die Medien, gegen die Kontrolle in den Medien, gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, gegen die Redakteure, gegen die Linke, gegen die Rechte, gegen die Frauen, gegen alles«, wie es Herbert Kapfer, der Herausgeber seines akustischen Nachlasses im »Deutschlandradio Kultur«, treffend formulierte. Zusammen mit der Witwe von Rolf Dieter Brinkmann hat der Hörfunkmann 29 nachgelassene Tonbänder von Brinkmann in der Wohnung von Marleen Brinkmann zwei Tage und zwei Nächte lang komplett durchgehört. Und das, was er auf diesen 29 Bändern gehört hat, das sind sensationelle, spannendste Originaltöne.
Da ist jemand, der mit dem Tonband und dem Mikro alles macht, was man nur damit anstellen kann. Brinkmann geht durch die Straßen und macht Reportagen, improvisiert Monologe, geht in die Küche und befragt seine Frau, was sie gerade kocht, spielt mit seinem Sohn und blödelt mit ihm rum, schabt und kratzt am Mikro, kommt mit provozierenden Fragen in Kneipen und stellt Fragen an Kneipenbesucher: »Wann haben Sie zum letzten Mal gefickt?« Erstaunlicherweise gibt es dann ein Gespräch, dass sich über mehrere Minuten erstreckt.
Brinkmann hat sich auf diesen 29 Bändern in jeder Stimmung und jeder Situation dokumentiert. Und sei es auch nur, dass er den Kontostand seines Kontos bei der Stadtsparkasse in Köln vorliest, was damit endet, dass er nicht wisse, wie er jemals dieses Minus ausgleichen solle. Der früh Vater gewordene, von Zeitgenossen als überaus nervös geschilderte Schriftsteller litt also ständig unter Geldnot und Existenzangst. Nicht zuletzt deshalb suchte er immer wieder das in unmittelbarer Nähe zum Verlag Kiepenheuer & Witsch liegende Funkhaus des Deutschlandfunk auf, um dort mit neuen, noch unveröffentlichten Texten in der Literatur-Redaktion vorstellig zu werden.
Brinkmanns wichtigster Gedichtband »Westwärts 1&2« erschien erst nach seinem Tod. Im Vorwort dieses gerade bei Rowohlt in einer erweiterten Ausgabe neu aufgelegten Bandes schreibt der Autor: »Was für Entzückungen, eine Straße entlangzugehen, während die Sonne scheint... Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier«. Ein Pop-Literat zu einer Zeit, als es den Begriff in Deutschland noch gar nicht gab. Zusammen mit seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla las und übersetzte er amerikanische Underground-Autoren wie Williams S. Burroughs oder Frank O'Hara und veröffentlicht die vielbeachtete Anthologie »Acid - Neue amerikanische Szene«.
»Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen«. Mit so einem Satz provozierte Brinkmann Ende der 60er Jahre auf einer Podiumsdiskussion die etablierten Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Harald Hartung. Extreme zu erfahren, selber extrem zu sein, das hat ihn umgetrieben.
Er ist also eine Art Vorläufer der »Spoken Word Poetry« unserer Tage. Anfang der 70er Jahre hat sich Brinkmann dann aber fast völlig aus dem von ihm verachteten Literaturbetrieb zurückgezogen. 1972 lebt er noch einmal einige Monate als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, wo er die posthum erschienene Tagebuchcollage »Rom, Blicke« notiert hatte.
Marcel Reich Ranicki scheint ihm die beschriebene verbale Maschinengewehrattacke nicht sonderlich übel genommen zu haben. Schrieb er doch in seinem Nachruf vor 30 Jahren: »Die deutsche Literatur ist um eine Hoffnung ärmer.«


Die CDs mit Aufnahmen von Rolf Dieter Brinkmann sind in zwei Teilen erschienen: »The Last One« enthält Autorenlesungen vom Cambridge Poetry Festival 1975. Eine CD kostet 19,90 Euro. Die Box mit fünf CDs heißt »Wörter, Sex, Schnitt«, enthält Originaltonaufnahmen von 1973, kostet 49,90 Euro, erschienen bei Intermedium Records.


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