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Schwimmerinnen im Zeugenstand

Andrea Pollack-Pinske und Christiane Knacke-Sommer sollen heute gehört werden Von Jürgen Holz

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Ich will mich jetzt nicht streiten, man muß seine Kräfte einteilen.« Mit dieser Bemerkung hatte der Vorsitzende Richter Hansgeorg Bräutigam im Doping-Pilotprozeß vor der 34. Großen Kammer des Berliner Landgerichts dem Streit mit einem der Verteidiger über die Verlesung der Akten zu den Personalien des angeklagten Sportmediziners Dr Bernd Pansold zunächst die Spitze abbrechen wollen, zugleich aber auch die schärfere Gangart für die nächsten Verhandlungstage signalisiert. Richter Bräutigam kündigte denn auch für den heutigen siebenten Verhandlungstag die erste Anhörung von ehemaligen Schwimmerinnen, der dreifachen Olympiasiegerin Andrea Pollack-Pinske und der Olympiadritten Christiane Knacke-Sommer, an. In der Anklageschrift werden ihre Namen im Zusammenhang mit den wegen Körperverletzung durch Verabreichung von Anabolika angeklagten Trainern Rolf Gläser und Volker Frischke aufgeführt.

Nicht ohne Brisanz dürfte der Auftritt von Christiane Knacke-Sommer sein, die selbst Strafantrag gestellt hat. Die Frage ist, ob sie überhaupt als Zeugin vor Gericht erscheint. Die frühere Weltrekordschwimmerin vom SC Dynamo Berlin lebt seit Ende der 80er Jahren mit Mann und Tochter Jennifer in Österreich und braucht als ausländische Zeugin nicht vor Gericht zu erscheinen. Nach ihrer aktiven Laufbahn arbeitete sie als Empfangschefin unter anderem im Berliner Hotel »Newa« und durfte nach ihrer Heirat mit dem Österreicher Gottfried Sommer 1988 legal aus der DDR ausreisen.

In einer Interviewserie 1989 im österreichischen Boulevardblatt »Neue Kronen Zeitung« Wien hatte sie geäußert, daß sie im Herbst 1977, als sie in den Olympiakader der DDR aufgenommen wurde, erstmals Anabolika einnahm. »Durch die vielen Tabletten«, so wurde sie mit Hinweis auf die schweren Fieberkrämpfe ihrer Tochter fünf Monate nach der Geburt zitiert, »wurde nicht nur mein Hormonhaushalt, sondern auch der meines Kindes völlig durcheinandergebracht. Vor allem der Adrenalinhaushalt meiner Tochter war gestört.«

An anderer Stelle äußerte Knacke-Sommer: »Barbara Krause, die mit mir geschwommen ist, bekam zwei Kinder Beide kamen mißgebildet zur Welt - mit Klumpfüßen. Und Andrea Pollack hatte eine Fehlgeburt.« Genau wie sie hätten Pollack und Krause Anabolika schlucken müssen. Knacke-Sommer beschuldigte vehement vor allem ihren früheren Trainer und nunmehrigen oberösterreichischen Landestrainer Rolf Gläser, der psychischen Druck auf seine Schwimmerinnen ausgeübt haben soll.

Was »mißgebildete Kinder« angeht, so sind sich die Sportmediziner sicher, daß derartige Mißbildungen nicht durch Anabolika-Einnahme verursacht werden, sondern genetische Ursachen haben. Auch der Freiburger Sportmediziner und langjährige Arzt der bundesdeutschen Olympiamannschaften, Prof. Josef Keul, bestätigte, daß »nicht bekannt« ist, ob Doping bei Sportlerinnen zu körperlichen Schäden ihrer Kinder führt, und daß es für Mißbildungen nach Doping keinerlei Literaturhinweise gibt. »Ich kann es nicht ausschließen«, sagte er 1989 gegenüber der »Frankfurter Rundschau« auf die Äu-ßerungen von Christiane Knacke-Som-

mer angesprochen, »aber ein solcher Zusammenhang erstaunt mich sehr «

In einem dem ND vorliegenden Brief vom 14. Dezember 1990 wandten sich fünf frühere Schwimmerinnen gegen die Vorwürfe von Knacke-Sommer, nahmen ihren Trainer Rolf Gläser in Schutz und sahen in den öffentlichen Attacken gegen ihn einen »persönlichen Rachefeldzug«. In dem Brief heißt es: »Nach langer Überlegung haben wir uns jetzt entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen, da unser ehemaliger Trainer nicht das Opfer eines persönlichen Rachefeldzuges von Frau Christiane Sommer werden darf. Die Anschuldigungen und Äußerungen von Frau Sommer-Knacke gegen Rolf Gläser und Sportlerinnen unserer Trainingsgruppe sind mit Unwahrheiten durchsetzt und zeugen von medizinischer Unkenntnis. Zu keiner Zeit wurden wir durch unseren Trainer unter psychischen Druck gesetzt. Jeder von uns hat heute seinen beruflichen und familiären Platz gefunden. Inzwischen sind wir alle verheiratet und Mütter gesunder Kinder Jetzt mit Dreck nach Frau Sommer zu werfen, liegt unter unserem Niveau. Es sei nur soviel gesagt, daß sie schon damals durch ihre psychische Instabilität das Sorgenkind war «

Unterschrieben ist dieser Brief von Andrea Pinske-Pollack, Barbara Wanja-Krause, Rosemarie Gabriel-Kother, Heike Meyer-Witt und Birgit Heukrodt-Meineke.

Die heute 36jährige Christiane Knakke-Sommer fand nach ihrer Ausreise aus der DDR als Jugendtrainerin im Leistungszentrum Wien-Südstadt eine Anstellung. Die mußte sie inzwischen aufgeben, weil - wie hinter vorgehaltener Hand erzählt wird - zwei ihrer Schützlinge des Dopings überführt wurden.

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