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  • Politik
  • Manchmal wünscht ich, es war noch mal viertel vor sieben: »Flaschenpost«, eine CD von Reinhard Mey

Ein Leben birgt viele Lieder

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 3 Min.

Während er unterm Motorrad liegt, viele kleine Engel singen, Sterne funkeln und Petrus kichert, erscheint ihm plötzlich Annabelle, die alte Freundin, die offene Rechnung, die zu begleichen schon lange ansteht. »Diesmal, Annabelle, diesmal treiben wir's bunt! Vergiß meine Wortspiele mit deinem Namen, mach mir noch ein paar Erste-Hilfe-Maßnahmen, dann beatme mich noch etwas Mund-zu-Mund!«

Geschichten, mit dem Abstand der Jahre erzählt. Da ist Irrtum einzugestehen, manche Begegnung neu zu bewerten, ideologischer Sturm und Drang durch Ernüchterung zu ersetzen, und manchmal blitzt Weisheit auf wie ein erstes graues Haar- Es ist immer zu spät.

Ein Leben birgt viele Lieder. Dies das eigentliche Wunder, über das zu staunen uns Reinhard Mey lehrt. Die Entdeckungen liegen nicht dort draußen, irgendwo in der Welt, die wirklichen Entdeckungen

liegen immer in uns selbst. Und wer die Welt verändern will, kann nur bei sich selbst beginnen. So bleibt Mey überall ganz bei sich: Egal, ob in Gottes eigenem Land (»Hat man so was schon gesehn, läßt den Bruder auf dem sonnenglüh'nden Parkplatz stehn!«), oder am letzten Urlaubstag an einem Tisch mit Rotweinflecken, als ein Wildfremder aus Texas ihm im Vorbeigehn die Augen öffnet. What a lucky man you are.

Liebe, Familie, Arbeit, Freunde - wer die Lieder zu hören vermag, ist reicher als der, der dafür taub ist. Es braucht keinen Sonnenuntergang in der Südsee, um das zu fühlen, woraus Poesie gewebt ist. Freude, Schuld, Scham, Schmerz, Trauer, Glück - Jahr für Jahr gibt er Kunde von sich. Schon jetzt schuf er ein Lebenswerk, das in seiner Intimität unverwechselbar ist und in dem wir unsere Sehnsuchst wiedererkennen.

Nach »Leuchtfeuer« nun »Flaschenpost« - prall gefüllt mit den Dingen des Lebens. Mit den Zetteln an Kühlschrank und Klavier, der Duftinvasion, die der Nasenmann wittert, dem Gruß an den Zivi, den Körnerfreak mit Stoffbeutel und Zottelpullover, der Erschöpfung, mit der der Sänger nach einem Jahr Arbeit am neuen Album in den Kreis seiner Lieben zurückkehrt. Gefüllt mit Verhaltenheit, Frechheit, Witz und neuerdings einer Prise Sarkasmus, weil wir grölend-besoffen aufs Riff zusteuern. Und weil einer über 50 weiß: »Das Fell wird dünner und leerer der Becher, der Zaubertrank wirkt nur noch schwer Der Kummer ist tiefer, der Trost scheint schwächer, und es heilt nicht alles mehr.«

»Flaschenpost« - auf den Weg gebracht von einem hinreißenden Musikanten, der sich ab und zu auch mal selbst zitiert, uns aber wie immer mit der Lust, mit der er bei der Sache ist, schon beim ersten Hören ansteckt.

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