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Liebling Huberta

Wie ein Flußpferd vor Jahrzehnten berühmt wurde Südafrika Von Hanna Ndlovu

Huberta, ausgestopft im Museum Foto: Ndlovu

Südafrikas nationales Lieblingstier lebt nicht in freier Natur und nicht in einem Zoo. Es lebt überhaupt nicht mehr, sondern ist Ausstellungsstück im naturhistorischen Museum von King William's Town in der Provinz Ostkap.

Huberta, die Hippodame, eigentlich ein kleines Hippomädchen, kam Ende der 20er Jahre zu diesem Ansehen, als sie völlig allein eine fast 2000 Kilometer lange Wanderung entlang der Küste des Indischen Ozeans unternahm. Das Hippopotamus kam wahrscheinlich aus dem St. Lucia-See im Dreiländereck Südafrika-Swasiland-Mocambique, in dem es heute noch von Flußpferden und Krokodilen wimmelt. Die Eltern waren womöglich Wilderern zum Opfer gefallen, das Waisenkind jedenfalls muß auf der Suche nach ihnen die heimatliche Gegend verlassen haben.

Erstmals wurde das streunende Jungtier im Jahre 1928 gesichtet. Es war sehr zutraulich, aber fangen ließ es sich nicht. So sahen es die Wildhüter schon dem Tod geweiht, als es plötzlich einige hundert Kilometer weiter in der Richards Bay wieder auftauchte. Jetzt wurde die Presse

alarmiert, und fortan war Huberta die Aufmerksamkeit des ganzen Landes in Wort und Bild gewiß.

Scharen von Reportern kamen. Auch Naturfreunde und Neugierige ließen sie nicht mehr aus den Augen. Zuerst nahm man an, es handele sich um einen jungen Flußpferdbullen und nannte das Tier »Billy«. Erst als Billy die Bucht verließ und nachts auf den Weiden der Farmer das Gras abfraß, wurde seine Weiblichkeit entdeckt. Aus Billy wurde Huberta.

Drei Jahre lang wanderte sie durch die Küstenlandschaft. In der Gegend um Durban wurde sie Lieblingstier der indischen Gemeinschaft, danach freundete sie sich mit den Farmern meist britischer Herkunft in den Karoo-Bergen an, und auch in den Reservaten der Zulu- und später der Xhosa-Bevölkerung war sie gern gesehen. Die Stadt Durban besichtigte sie im Frühjahr 1929, im Hafen von St. Jones nahm sie zu Beginn des Jahres 1930 ihr Bad, und im Buffalo Fluß bei East London vergnügte sie sich um die Jahreswende 1930/31.

Die Hindu-Bevölkerung in Natal erklärte Huberta zur Gottheit und verehrte sie in ihren Tempeln als »Beschützerin der Armen«. Die Zulu-Bevölkerung sah sie als ein Medium, in dem ein »mächtiger Geist« wohnt. Einige meinten sogar, sie sei die Wiedergeburt des großen Zulu-Kö-

nigs Shaka. Als Huberta bei den Xhosas am Ostkap heimisch wurde, glaubten die, der Geist großer Häuptlinge wie Sandile und Hintsa sei zurückgekehrt. Beide waren von den britischen Kolonisatoren hundert Jahre zuvor nach Robben Island verbannt worden. Es hieß, Huberta sei das von Gott gegebene Zeichen, gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung durch die weißen Siedler aufzubegehren. Ob diese Legenden daran schuld sind, daß Huberta bald darauf in der Nähe von King William's Town einen gewaltsamen Tod fand, ist nicht belegt. Das Tier wurde

am 23. April 1931 von einem Burenfarmer und dessen Sohn erschossen, zwei andere Farmer aus der Nachbarschaft halfen, den Kadaver in den Keiskamma-Fluß zu werfen.

Als der leblose Körper am nächsten Vormittag von anderen als Huberta identifiziert wurde, ging ein Aufschrei durchs Land. Die Empörung von Farmern, Wildhütern und Naturschützern veranlaßte die Polizei, die Fahndung nach den Tätern einzuleiten. Der Fall beschäftigte sogar das Kapstädter Parlament.

Die Huberta-Mörder kamen vor Gericht und wurden zu einer Geldstrafe verurteilt. Vater und Sohn konnten weder lesen noch schreiben und hatten auf ihrer abgeschiedenen Farm in der Karoo-Wüste nicht mitbekommen, daß das Hippo, das sich am kargen Weidegras ihrer Schafe verging, kein gefährliches Wildtier war. Erst die Nachbarn, die von Huberta wußten, brachten sie auf die Idee, das tote Tier in den Keiskamma zu werfen. Da der Fluß vor der Mündung ins Meer voller Krokodile war, hoffte man, der Kadaver würde gefressen und die Tat bliebe unentdeckt.

Daß Huberta präpariert und der Nation erhalten blieb, ist dem ehemaligen britisch-kolonialen Armeehauptmann Guy Shortridge zu danken, der auf seine alten Pensionstage zum Direktor des Museums von King William's Town avanciert war. Gleich nachdem er die Nachricht von Hubertas Tod gehört hatte, fuhr er mit seinem Assistenten Nicholas Arends zum Flußufer und bat örtliche Farmer um Hilfe bei Konservierung von Kopf und Haut. Spender ermöglichten die Überführung

dieser Reste nach London, wo sich Tierpräparatoren an die Arbeit machten. Sie stellten Huberta naturgetreu wieder her.

Als die Hippopotamus-Dame am 12. Januar 1932 mit dem Frachtdampfer »City of Hong Kong« aus London zurückkehrte, kam sie zunächst ins Museum von Durban, wo sie von gut 20 000 Menschen besichtigt wurde. Anschließend ging es ins Museum von East London - der Besucherstrom war ungebrochen. Danach meldete die Johannesburger Witwatersrand Agricultural Society ihren Anspruch an, und Huberta wurde die Sensation auf einer Landwirtschaftsausstellung. Endlich gelang es Museumsdirektor Guy Shortridge, den Anspruch von King William's Town durchzusetzen.

Die Bürger der Stadt errichteten für Huberta einen Schrein gleich am Eingang des Museums, das zwar schon seit 1884 bestand, aber erst durch das neue berühmte Ausstellungsstück gebührende Aufmerksamkeit fand. Die Sammlung, inzwischen auf rund 19 000 südafrikanische Säugetierarten angewachsen, war das Lebenswerk von Shortridge. Mit Unterstützung des British Museum London war er auf etliche Expeditionsreisen gegangen, auch in die heutigen Nachbarstaaten Namibia, Botswana und Malawi. Noch heute wird die Kollektion von Wissenschaftlern der ganzen Welt für Forschungszwecke genutzt.

Zu Apartheid-Zeiten waren das Museum und Huberta allerdings nur weißen Südafrikanern zugänglich. Tunlichst wurde verschwiegen, daß das Flußpferd zu Lebzeiten der Liebling aller Ethnien war.

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