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Armutsstatistik

Neueste Untersuchungen verstecken wahres Ausmaß Von Katia Davis, New York

Den bislang umfassendsten Bericht über Einkommen und Armut in den USA hat dieser Tage das Statistikamt des Handelsministeriums veröffentlicht.

Das Leben ist ein rosiger Jubelschrei. Zumindest für die Mitarbeiter des U. S. Census Bureau. In ihrem aktuellen Bericht vermelden sie stolz den Umstand, daß das Einkommen, besonders unter den Minderheiten, gestiegen, die Zahl der Armen gesunken sei.

Laut offizieller Statistik sind seit drei Jahren stetige Verbesserungen zu vermerken. Von 1996 bis 1997 etwa stieg das durchschnittliche Jahreseinkommen der US-Haushalte um 1,9 Prozent auf 37 005 Dollar (ein Dollar ist derzeit gut 1,60 Mark). Weiße Haushalte verzeichneten einen Anstieg um 2,5 Prozent, schwarze bzw Latino-Haushalte gar um 4,3 bzw 4,5 Prozent. Sowohl Durchschnittseinkommen als auch Armutsrate (13,3 Prozent) erreichten den Stand des glorreichen Jahres 1989 Die absolute Zahl der Armen fiel laut Statistikamt seit 1993 um 3,7 Millionen auf »nur noch« 35,6 Millionen. Besonders hoch ist die Quote unter Schwarzen (26,5 Prozent oder 9,1 Millionen) und unter Latinos (27,1 Prozent oder 8,3 Millionen). Besonders weit verbreitet ist Armut zudem in großen Städten (Quote: 18,8 Prozent), unter Bürgern über 65 Jahren, alleinstehenden Müttern und im Süden und Mittleren Westen der USA.

Ein besonderer Schandfleck. Die Armutsquote der US-Amerikaner unter 18 Jahren war 1997 mit 19,9 Prozent fast doppelt so hoch wie die der Erwachsenen. Fast 40 Prozent der Armen waren damit Kinder oder Jugendliche, obgleich sie nur ein Viertel der Gesamtbevölkerung stellen, und Kinder unter sechs Jahren machen alleine 21,6 Prozent der Verelendeten aus. Besonders dramatisch ist die Lage der Kindern alleinerziehender Mütter, von denen mehr als jedes zweite (59,1 Prozent) 1997 in Armut lebte.

Auch wenn diese Zahlen schon erschreckend genug sind, gibt es erhebliche Zweifel daran, daß die offiziellen Statistiker die Lage in den USA realistisch zeichnen. Die Armutsgrenze wird seit 1955 festgelegt. Die durchschnittliche Familie gab damals ein Drittel ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, Familien mit niedrigem Einkommen über die Hälfte. Die Regierung schätzte die minimal nötige Summe für Ernährung, multiplizierte sie mit drei und errechnete so die Armutsgrenze von 2700 Dollar pro Jahr. 1964 wurde die Summe aufgrund von gestiegenen Lebensmittelpreisen auf 3200 Dollar erhöht und seitdem der Inflationsrate angeglichen. 1994 lag die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie bei einem jährlichen Einkommen von 15 100 Dollar Die Summe reicht, wie Kritiker meinen, jedoch nicht als Maßstab. Heute machen die Ausgaben einer durchschnittlichen Familie für Ernährung nur ein Sechstel ihres Einkommens aus. Die Ausgaben müßte man demnach mit sechs multiplizieren und käme auf eine Armutsgrenze von rund 27 000 Dollar

Der Statistikexperte John E. Schwarz hält selbst diese Summe für zu niedrig angesetzt. Nach seinen Berechnungen müßten 512 Dollar für die Monatsmiete, 250 Dollar pro Familienmitglied für Kleidung, jährlich 2000 Dollar für Arzt- und Medikamentenkosten, 3900 Dollar für allgemeine Haushaltsausgaben, 3270 Dollar für Steuern und 3700 Dollar für die Haltung eines gebrauchten Autos sowie Nahverkehrsmittel als absolutes Minimum veranschlagt werden. Hinzu kommen Ausgaben für Urlaub, Kultur, Kindergarten, Notfälle und fürs Sparen. Bei der jetzigen offiziellen Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie von 15 100 Dollar blieben völlig unrealistische 300 Dollar für Miete und 63 Cents pro Familienmitglied Und Mahlzeit. Schwarz beziffert die Zahl der Armen auf 65 Millionen Menschen (1994). Seit 1972 sei ihre Quote von 17 auf 25 Prozent gestiegen.

Die einmal für die Armen gedachte Armutsgrenze ist heute offenbar eine Grenze für die ganz ganz Armen. Es lebe die Statistik als politischer Ausgleichssport!

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