Vom Verrat zum anerkannten Widerstand

  • Von Merith Niehuss
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Claus Graf Schenk von Stauffenberg war nicht der einzige hochrangige Offizier, der sein Leben aufs Spiel setzte, um Hitler mit Gewalt zu beseitigen. Schon etliche vor ihm hatten versucht, ihn durch ein Sprengstoffattentat zu töten, unter Einsatz ihres Lebens mit Mänteln voller Sprengstoff, durch Sprengstoffladungen im Flugzeug, das den Führer transportieren sollte. Immer - und im Nachhinein betrachtet war es wie ein Wunder - war Hitler allen diesen Begegnungen ausgewichen, bis auf dieser einen im Bunker der Wolfsschanze am 20. Juli 1944. Aber auch hier entkam der Diktator unbeschadet der Explosion, und das Regime bäumte sich noch einmal auf im Rausch seiner Macht und vernichtete alle seine Gegner aus den Reihen des Militärs rasch und brutal am Vorabend eines schon lange verlorenen Krieges. Übrig blieben nach dem 8. Mai 1945 die Frauen und die Kinder der Verschwörer, einige Verwandte und wenige Freunde. Zaghaft bemühten sie sich um die Erinnerung: die Erinnerung an ein »anderes Deutschland«, eines, in dem nicht nur Täter, Mitläufer und Profiteure gelebt hatten, sondern ein Deutschland, in dem sich Widerstand gegen das Regime formiert hatte. Ein Deutschland, das in der Erinnerung zunächst Sozialdemokraten, Kommunisten, den kirchlichen wie den militärischen Widerstand vereinte, bis der Kalte Krieg und die Gründung zweier deutscher Staaten das Gedenken abrupt auseinander dividierten. So gedachte man noch bis Mitte der 1980er Jahre des kommunistischen Widerstands nur in der DDR, und des militärischen Widerstands ausschließlich in der Bundesrepublik. Die oftmals aus der Erinnerung und noch ohne profunde Kenntnisse der Aktenlage geschriebene Literatur musste in den ersten Nachkriegsjahren im Ausland verlegt werden, weil keiner der vier Alliierten sie dulden mochte. Vor allem der militärische Widerstand war Amerikanern wie Sowjets ein Dorn im Auge, kam er doch von Männern, die dem nationalsozialistischen Terrorregime lange und erfolgreich gedient hatten, an prominenter Stelle zumal, und die, so die Sicht der Besatzungsmächte, lediglich im Angesicht eines unleugbar verlorenen Krieges das Ruder für Deutschland noch herumreißen wollten, um einen passablen Friedensschluss zu ermöglichen. Das war die Ausgangslage für die Suche nach geeigneten Männern und einer Traditionslinie für die Gründung der westdeutschen Bundeswehr Anfang der 1950er Jahre. Auf die besorgte Frage von Journalisten, ob denn Hitlers Generäle nun auch Adenauers Generäle würden, antwortete der Kanzler 1954: »Ich fürchte, meine Damen und Herren, die NATO wird mir 18-Jährige nicht abnehmen.« Man machte es sich deshalb nicht leicht im »Amt Blank«, dem Vorläufer des Verteidigungsministeriums, als es darum ging, aus den ehemaligen Wehrmachtsgenerälen und Obersten diejenigen auszuwählen, die für die Werte der Bundesrepublik Deutschland eintreten sollten. Oberst Wolf Graf von Baudissin entwickelte hierfür sein Konzept der »Inneren Führung«, das dem Neuaufbau der Bundeswehr zugrunde gelegt wurde. Dieser Ansatz beruht auf einer umfassenden ethisch fundierten gesellschafts- und militärpolitischen Konzeption, die den »Staatsbürger in Uniform« als radikalen Gegenbegriff zum »Soldaten sui generis« zum Zielbild erhob. So wie die Streitkräfte die Freiheit und Integrität des Staates gewährleisten sollen, so sollen alle Angehörigen dieser Streitkräfte selbst einen Anspruch auf größtmögliche Freiheit haben. Diese Freiheit besteht immer aus einem Mehr an Verantwortung und einem Gehorchen aus Einsicht, wie es auch in der Auftragstaktik verankert ist (hier steht das Ziel des militärischen Auftrags, nicht das blinde Befolgen eines Befehls im Vordergrund), die seit dem 18. Jahrhundert zu einem wesentlichen Bestandteil deutscher militärischer Tradition gehört. Damit sollte in der Bundeswehr die Spannung, die in jeder Armee der Welt zwischen Ordnung und Freiheit herrscht, erstmals und eindeutig in ein Übergewicht und eine Dominanz der Freiheit gegenüber der Ordnung münden. Diese Freiheit ist im Konzept der Inneren Führung untrennbar mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 verbunden. Die Männer des 20. Juli haben sich gegen die Tyrannei, damit gegen den Eid und den Gehorsam und letztlich für die Freiheit entschieden. Sie haben damit auch die Grenzen soldatischen Gehorsams aufgezeigt. In der neu gegründeten Bundeswehr brauchen »seit dem 20 Juli«, so kann man sagen, Befehle, die keinen dienstlichen Zweck verfolgen oder die gegen die Menschenwürde des Befehlsempfängers verstoßen, nicht mehr befolgt zu werden. Befehle, die mit einer Straftat oder mit einem Verbot gegen das Kriegsvölkerrecht verbunden sind, dürfen nicht ausgeführt werden. Ein Soldat macht sich heute selbst strafbar, wenn er einen Befehl ausführt, der einen strafbaren Inhalt hat. Dem einzelnen Unteroffizier und vor allem Offizier kommt hierbei große Freiheit und Verantwortung zu, gilt es doch, unter anderem in belastenden Situationen im Einsatz, Entscheidungen über Rechtmäßigkeit und Unrechtmäßigkeit von Befehlen zu fällen. Dennoch bleibt das Gedenken an den 20. Juli schwierig; mit der Verpflichtung der Bundeswehr auf diese Traditionslinie aus der Geschichte der Wehrmacht und des Dritten Reiches haben die Verantwortlichen keinen leichten Weg gewählt. Die Biographien der Beteiligten haben Ecken und Kanten, die immer wieder ein differenziertes Urteil verlangen, genau wie die politischen Ziele der Verschwörer, die eine Parteiendemokratie in Anlehnung an das Weimarer Modell nicht mehr vorsahen. Die angestrebte Freiheit des Bürgers in Uniform ist eine Bürde, wie auch jüngst wieder ein Urteil de...

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