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  • Politik
  • Ein unzeitgemäßes Traktat: Ist es möglich, Menschen moralisch zu machen?

Die Gefahr des Denkens

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Foto: Andreas Kämper

Von Helmut F. Kaplan

Welche Werte und Regeln sind »richtig«? Wie können wir das erkennen oder begründen? Wie bringt man Menschen dazu, diese Werte und Regeln zu verwirklichen? Bei all dem geht es um nichts Geringeres als um die Kernfrage des handelnden Menschen überhaupt: Was in moralischer Hinsicht soll ich tun?

Das größte Problem in dem Zusammenhang ist freilich der Mensch selbst - der den Sinn der Frage »Was soll ich tun?« oft gar nicht begreifen kann, weil für ihn in Wirklichkeit (und vielfach aus Zwängen heraus) nur die Frage »Was möchte ich tun?« existiert. Das Problem sind auch jene Menschen, die die Frage »Was soll, was muss ich tun?« nicht verstehen können, weil es ihnen von vornherein, immer und ausschließlich um den eigenen Vorteil geht. »Nicht die Atombombe ist das Problem«, sagte Albert Einstein, »sondern das Herz des Menschen.« Die Hauptschwierigkeit humaner Existenz ist der Mangel an moralischer Motivation, der Mangel an Ehrgeiz, moralisch, gut zu sein.

Kann man aber Menschen zur Moral, zum Gut-Sein oder wenigstens zum Gutsein-Wollen überhaupt erziehen? Ist das nicht anmaßend, hybrid? Einen Hoffnungsschimmer gibt es immerhin, wenngleich einen paradoxen: Beeinflussbar ist sie, die Motivation zur Moral, denn eine Erziehung zum Unfrieden ist ja schließlich auch möglich. Wenn aber eine negative moralische Formung des Menschen zweifellos nachweisbar ist, dann könnten doch auch positive Beeinflussungsversuche Chancen auf Erfolg haben.

Wie uns unsere bluttriefende Geschichte mit schauerlicher Deutlichkeit vor Augen führt, bereitet es kaum Schwierigkeiten, Menschen unter bestimmten Umständen zu Schuldigen, gar Mördern zu machen. Es müssen lediglich die Rahmenbedihgungen »stimmen« - Gläubigkeit, Autoritätshörigkeit und Gruppendruck zum Beispiel. Das Erstaunliche und zugleich Erschreckende dabei ist, dass sich diese Wandlung zum Bösen auch an ganz normalen Menschen vollzieht. Es bedarf dazu keineswegs besonders »primitiver« oder gar »sadistischer« Personen. Vielmehr, so lehrt der Blick in die Geschichte, sind es »Menschen wie du und ich«, die sich binnen kürzester Zeit, unter bestimmten Bedingungen, in hemmungslose Henker verwandeln.

So groß die negative Formbarkeit des Menschen auch immer sein mag - die für Folter, Mord und Totschlag Zuständigen wollten sich auf die mehr oder weniger spontane Verrohung ihrer menschlichen Werkzeuge alleine nie verlassen. Vielmehr erschien ihnen eine systematische Erziehung zur Unmenschlichkeit unabdingbar - zum Beispiel mittels Militärdienst unter

der Ideologie der Verteidigungspflichten. Von Wissenschaftlern wird zu Recht auf die unleugbare, aber kaum beachtete Tatsache verwiesen, dass die »charakterlichen Zielvorstellungen« des Militärdienstes den »zivilen Erziehungszielen« diametral zuwiderlaufen. Da ist zunächst einmal der unbedingte Gehorsam, eine unerlässliche Voraussetzung für das reibungslose Funktionieren eines Heeres: Befehle müssen verlässlich und unverzüglich ausgeführt werden. Da bleibt für moralische und sonstige Überlegungen kein Raum. Typische Aussage eines Söldners: »Gefährlich ist es, wenn du nachdenkst. Dass die Gegner auch Kinder haben, dass hier nicht die Guten und dort die Bösen sind ...«

Wohin »soldatische Tugenden« führen, ist ebenfalls kein Geheimnis: Neben den

»normalen« und gewollten Verbrechen, die jeder Krieg mit sich bringt bzw. aus denen er besteht, kommt es immer wieder auch zu dem, was man irreführenderweise als »Kriegsverbrechen« bezeichnet. Als Beispiel sei das Massaker genannt, das im Vietnam-Krieg der US-amerikanische Leutnant Calley im südvietnamesischen Dorf My-Lai veranstaltete. Calley über das, was ihm während seines Militärdienstes beigebracht wurde: »Wir lernten auch etwas, was wir 20 Jahre lang für verabscheuungswürdig gehalten hatten: töten. Ein Feldwebel in Turnhosen und Turnhemd brachte es uns bei ... ich mache das, was mir gesagt wird.«

Die Erfolge bei der negativen Formung des Menschen geben aber auch, wie gesagt, Anlass zur Hoffnung: Wenn die Erziehung zum Unmenschen so effizient betrieben werden kann, dann müsste doch auch die Erziehung zum moralisch den-

kenden und handelnden Menschen möglich sein. Wie könnte eine solche Erziehung aussehen. Die Antwort auf diese Frage ist alles andere als einfach. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns mit der Erziehung zum Frieden erst zu beschäftigen begannen, als uns die Erziehung zum Krieg bereits an den Rand des Abgrundes geführt hat. Aufgrund eigener bescheidenster Kenntnisse in Bezug auf das weite und vielschichtige Gebiet der Friedensforschung halte ich die Aggressionsforschung für einen Ansatz, der möglicherweise imstande wäre, die Moralisierung des Menschen methodisch in den Griff zu bekommen.

Mag die folgende Betrachtung Bertrand Russells als »Programm für die Menschheit« auch unrealistisch sein - vielleicht macht sie manchem Mut, selbst gut zu sein: »Mag ich mir auch den Weg in eine Welt freier und glücklicher menschlicher

Wesen kürzer vorgestellt haben, als er in Wirklichkeit ist, war es doch kein Irrtum, zu glauben, dass eine solche Welt möglich wäre und dass es dafürsteht, mit der Absicht zu leben, sie näher zu bringen. Ich lebte in der Verfolgung einer Vision, persönlich wie sozial: Sich um das zu sorgen, was edel, schön und gütig ist ... - das war die persönliche Vision. Die soziale Vision: sich vorzustellen, welche Gesellschaft zu schaffen wäre, eine Gesellschaft nämlich, in der Individuen in Freiheit heranwachsen und wo Hass, Gier und Neid aussterben, weil man ihnen keine Nahrung gibt. Das ist es, woran ich glaube, und trotz all ihrer Greuel ließ mich die Welt unerschüttert.«

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