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Schirme retten vor dem Regen

Steglitzer Geschäft trotz 800 Modellen auf der Roten Liste

  • Von Jutta Schütz, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Je schlechter das Wetter, desto besser. Regen macht Jacqueline Brückner gute Laune. »Dann läuft das Geschäft bestens«, sagt die 48-Jährige in ihrem winzigen Schirmladen in Steglitz. Das Geschäft ist ein Raritätenkabinett: Seit mehr als 100 Jahren werden hier Schirme für die Ewigkeit verkauft - gegen Regen und Sonne, aus zarter Spitze oder mit stabilem Stahlgestell. Hier hat die Kasse noch eine Kurbel, hier werden ramponierte Exemplare noch repariert.

Mit rauem Charme und lockeren Sprüchen trotzt Chefin Brückner der Übermacht der großen Ketten und der medialen Allmacht des Rettungsschirms. »Bei mir retten Schirme vor dem Nasswerden«, sagt lapidar »Brücki«, wie sie von der Nachbarschaft in der Kieler Straße schon mal genannt wird.

Ihre Schirmherrschaft erstreckt sich auf bis zu 800 Modelle, sie ordert in Österreich und Frankreich. »Deutsche Schirm-Hersteller gibt es nicht mehr.« Auch Gehstöcke warten auf Käufer. Den Regenschutz gibt es in Pagodenform, mit Brandenburger Tor, Wölkchen oder Tulpen samt passender Tasche. »Da warte ich noch auf die reiche Russin«, sagt Brückner und zeigt auf den Schirm, dessen Knauf mit Swarovski-Steinchen glitzert.

»So ein spezialisierter Laden steht in Berlin schon auf der Roten Liste«, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. »Das Verhalten der Verbraucher hat sich verändert.« Schirme würden einem als Werbegeschenke ja fast hinterhergeworfen. Wer kauft noch einen Schirm, der mehr als eine Windböe aushält? Auch Reparaturen seien nicht mehr so stark gefragt.

»Es gibt klare Konzentrationsprozesse im Handel«, so der Fachmann. Es lasse ihn aber nicht kalt, wenn altgediente Kaufleute aufhören müssten und deren Lebenswerk den Bach runtergehe. Manche müssten dann von Grundsicherung leben. »Der Markt ist gnadenlos.« Insgesamt etwa 15 000 selbstständige Einzelhändler gebe es derzeit in der Hauptstadt.

Die gelernte Uhrmacherin Brückner, die jeden Tag in den Laden nahe der Einkaufsmeile Schloßstraße aus ihrer Heimatstadt Potsdam anreist, macht sich keine Illusionen. »Die Stammkundschaft hat sich halbiert.« Ein Chinese habe ihr schon ein Kaufangebot gemacht. Doch sie steht allein unbeirrt im Laden und setzt auf Qualität und Beratung, kümmert sich um Extrawünsche. »Ich habe auch junge Kundschaft. Die sagt, es reicht jetzt mit dem billigen Zeug, das nicht hält.« Und repariert werde auch fast nirgendwo anders mehr. Da Ersatzteile nur noch schwer zu haben sind, schlachtet Brückner mit ihrem Mann auch abgelegte Exemplare aus. Der Ingenieur hilft im Reparatur-Hinterzimmer, wenn er frei hat.

Wie zum Beweis betritt ein Berliner mit einem defekten Erbstück das Geschäft, das nach der ersten Besitzerin Schirm-Schirmer heißt. »Der Schirm ist von meinem Vater und 30 Jahre alt - ein neuer kommt nicht in Frage. Da hängen Erinnerungen dran«, sagt Marcus Eichberger. Den Laden hat er zufällig beim Bratwurstessen entdeckt.

Die Frau mit den wild gelockten Haaren kommt aus einer Familie, die über Jahrzehnte im Schirm-Geschäft war, so auch der Onkel. Der Mann aus dem Osten war nach dem Mauerfall nach Brückners Erzählung im Westteil Berlins einkaufen. Zufällig sei er an dem Geschäft mit den Schirmen vorbeigekommen. Wenig später übergab die alte Besitzerin den Laden aus dem Jahre 1908 und war froh über den Nachfolger.

Und Jacqueline Brückner ist nun schon seit 1995 die Nachfolgerin vom Nachfolger. Ihre Leidenschaft fürs Geschäft ist nicht abgeebbt. »Bei den Schirmen, die ick hier hab - ick könnt glatt 'nen Kaufrausch kriegen.«

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