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Verzweifeltes Singen

»Die Heimarbeiterin« von Lothar Trolle in der Brotfabrik

Wahrscheinlich geschah es nicht zum ersten Mal, dass der Autor solch eine Zeitungsmeldung las. Um eine junge Frau ging es darin, die einsam ein Kind gebiert, es nicht annimmt, den Säugling sterben lässt und wegschafft. Die Wortwahl zum Thema in einem Boulevardblatt, möglicherweise auch die örtliche Nähe des tragischen Ereignisses mögen den Pankower Lothar Trolle zum Schreiben des Stücks »Die Heimarbeiterin« veranlasst haben. 1997 wurde es im Berliner Ensemble uraufgeführt. Nun zeigt es die Brotfabrik-Bühne in der Regie von Holger Müller-Brandes.

Um Raphaela F. geht es darin. Eine 19-Jährige, die in der ihr nach Verlassen des Kinderheims zugewiesenen rekonstruierten Pankower Einraumwohnung in einer Nacht ihre Heimarbeit unterbricht, um zu entbinden. Dann geht sie in den Schloßpark, um ihr Kind dort zu begraben. Gegen Morgen sucht sie diese Stelle erneut auf, gräbt das Kind aus. Auf ihrem Weg mit ihm zur Polizei bricht ihr seelischer Schmerz hervor.

Trolle urteilt nicht. Er seziert die Handlung. Dafür schuf er in seinem Stück die Figur einer Staatsanwältin, die es in der Nacht vor der Verhandlung in ihr Büro treibt. Mit der Akte zum Fall und dem Protokoll auf dem Diktafon sucht sie Klarheit.

In der Wiederholung von Wörtern und Sätzen durch die als Staatsanwältin an ihrem Arbeitstisch sitzende Schauspielerin und Sängerin Christine Jensen wird die Schilderung an die Schmerzgrenze gebracht.Trolle benutzt das Wort Kindsmörderin nicht. Zu einfach ist ihm dieses Stigma. Vielmehr kommt in der Art wie er mit den Wörtern arbeitet die Verzweiflung der Raphaela F. immer drängender hervor. Heim, ein Begriff, der eigentlich Geborgenheit signalisieren sollte, verkehrt sich im Schicksal der jungen Frau ins Gegenteil - Heimkind, Heimarbeiterin. Zur Heimarbeit mit dem Falzen von Rahmen arbeitet er auf »aus dem Rahmen fallen« hin. Bei der Berberitze, unter der die junge Frau ihr Kind vergräbt, kommt er auf die den Blüten nahen Dornen.

Musiktheaterregisseur Müller-Brandes inszenierte das Trolle-Stück ungewöhnlich. Zum einen wird die Sprache durch die Komponistin Susanne Stelzenbach am Piano begleitet. Sie baute harte Percussion-Momente ein. Mit dem Trommelstock schlägt sie zeitweise auf Holz oder fährt damit über die Tasten. Zum anderen arbeitet Thomas Noll am Aerophon. Der Organist entwickelte das Instrument für »Die Heimarbeiterin« aus einer von ihm geschaffenen Skulptur. Zumeist dunkle Töne lässt er dieses mit einem Gebläse verbundene Holzinstrument erzeugen, das er über lange Schläuche und Schieber steuert. Hellere Töne sind hier auch von Traurigkeit gezeichnet. Er holt sie nach Geburt des Kindes hervor. Ein Winseln.

Es heißt, Raphaela F. hätte in dieser Nacht und auch am Morgen darauf ständig gesungen. Die Staatsanwältin versucht, sich das zu erklären. Volkslieder kommen ihr in den Sinn. Lieder für Liebe, für Trennung, Hoffnung und Schmerz. Dieses Klammern an den Gesang vermag Müller-Brandes in seiner Inszenierung als besonders tragisch darzustellen. Hier klaffen Wortinhalte und Situation noch weiter auseinander. Verzweifeltes Singen. Christa Wolf verwandte so etwas ebenfalls in ihrem Roman »Stadt der Engel«. Sich in großer Gefahr fühlend, singt sie darin eine Nacht lang alle Lieder, die sie kennt und hält sich damit am Leben fest.

Auch Tanz von Astrid Langner-Buchholz enthält die 85-minütige Inszenierung in der Brotfabrik. Wort und Musik sind jedoch von solcher Kraft, das er nicht mithalten kann und eher stört.

Mit der »Heimarbeiterin« vollendet sich die »Trolle-Tirade« der Brotfabrik-Bühne nach »Weltuntergang 2« und »Die 81 Min. des Fräulein A.«. Ein couragiertes Unternehmen, einem wegen seiner unbequemen Themen selten gespielten Autor Raum zu geben. Für die Zuschauer ein Gewinn.

5.-7.10., 20 Uhr, Brotfabrik, Caligariplatz 1, Tel.: 471 40 01, www.brotfabrik-berlin.de

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