Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Keine Krise in der Lehre?

Dominic Egger, Wirtschaftsstudent, kämpft für mehr Vielfalt in der Lehre. Simon Poelchau hat ihn für das nd befragt.

nd: In einem offenen Brief setzt sich Ihre Initiative für Heterodoxie in der Volkswirtschaftslehre (VWL) ein. Heterodoxie, was ist das?
Egger: Heterodoxie ist der Gegenbegriff zur Orthodoxie, die wir in der gegenwärtigen Volkswirtschaftslehre in Deutschland diagnostizieren. In Lehre und Forschung werden immer nur die gleiche Theorie, die gleichen Forschungsmethoden verwendet, um Wirtschaft zu betrachten. Das hat schon fast religiöse Seiten, da es nämlich bestimmte Glaubenssätze gibt, die nicht hinterfragt werden dürfen.

Und das wollen Sie verändern ...
Es braucht eine Vielfalt der Meinungen und auch eine Offenheit bei den Methoden, Wirtschaft zu betrachten. Wir haben selber keine fest gefügten Lehrsätze, die wir der herrschenden Lehre entgegenstellen, sondern wir möchten eine pluralistische Ökonomik.

Und die Gesetzmäßigkeiten?
Hinter dem Begriff der ökonomischen Gesetze, die in der VWL tatsächlich postuliert werden, steckt die Vorstellung, dass die Wirtschaft fast naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegt, die zu aller Zeit und in allen Gesellschaften gelten sollen. Dabei wird vergessen, dass die Ökonomie von Menschen gemacht ist und ihre Gesetzmäßigkeiten zu jeder Zeit wieder geändert werden können.

Welche Gesetze kritisieren Sie?
Zum Beispiel die Vorstellung, dass der Markt die beste Organisation für die Menschen ist und am Ende für die Gesellschaft das beste Ergebnis bringt. Das ist eine Vorstellung mit fast schon Gesetzescharakter, die man hinterfragen muss.

Die aktuelle Wirtschaftskrise kommt da sicherlich zu kurz?
Es ist schon erstaunlich, dass so etwas wie Wirtschaftskrisen und Personen, die über Wirtschaftskrisen nachgedacht haben, zum Beispiel Karl Marx, gar nicht im Studium vorkommen. Unsere Dozenten verweisen uns da manchmal auf eine differenziertere Forschung, die sich vielleicht mit solchen Themen beschäftigt. Im Studium kommen wir aber selten zu dem Punkt, an dem wir sagen können: wir haben verstanden, wie eine Krise funktioniert.

Was müsste geändert werden?
Ich würde mir wünschen, dass es in der VWL eine Vielfalt an Lehrmeinungen gibt, die sich auch im Studium widerspiegelt. Ideen- und Wirtschaftsgeschichte ist dabei ganz wichtig. Meist wird totgeschwiegen, was es vor dem 20. Jahrhundert für ökonomische Denker gab, und auch die Vielfalt an ökonomischen Denkern im letzten Jahrhundert wird nicht thematisiert. Was auch noch ein Punkt ist, der eigentlich erstaunen muss, ist, dass wir keine Wirtschaftsgeschichte lernen. Eine Geschichte der Krisen, die in so einem Fach unterrichtet würde, findet bei uns keinen Raum. Da wundert es nicht, dass Ökonomen die Konzepte zur Krisenlösung fehlen.

Weniger Mathe, mehr Geschichte?
Die Mathematik hat sicher ihre Berechtigung. Allerdings ist sie in den letzten Jahrzehnten zum Selbstzweck verkommen. Das Studium ist voll davon, weil man Mathematik sehr einfach abprüfen kann und die Klausur schnell korrigiert ist. Aber das kritische Denken wird dabei sicher nicht geschult. Was man da berechnet, wird selten reflektiert. Die Grenzen der mathematischen Methode werden nicht hinterfragt, dabei wäre das doch so wichtig.


Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln