Phänomen NS-Gesellschaft

Antwort auf die Frage: Brauchen wir die Soziologie noch? II

  • Von Michaela Christ und Maja Suderland
  • Lesedauer: 2 Min.

Wie kein anderer Zeitabschnitt der jüngeren Geschichte haben die Jahre des Nationalsozialismus die deutsche Gesellschaft geprägt. Der rasche Aufstieg der NSDAP, die gewaltige Binnenmobilisierung der NS-Organisationen, der Krieg, der Holocaust, massenhafte Gewalt und schließlich die militärische Niederlage mit allen ihren Folgen - kaum eine Biografie und kaum ein Lebensbereich blieben in Deutschland vom Nationalsozialismus und seinen Auswirkungen unberührt. Zentrale gesellschaftliche Transformationsprozesse der Nachkriegsgesellschaft und wichtige gesellschaftspolitische Debatten entstanden erst durch die spätere Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und sind bis in die Gegenwart wirkmächtig. Gemessen an dieser unbestrittenen gesellschaftlichen Bedeutung wurde in der Soziologie das »Dritte Reich« bisher wenig erforscht.

In der Podiumsdiskussion diskutierten die Soziologieprofessoren Renate Mayntz (Zeitzeugin), Carsten Klingemann (Fachgeschichte), Maurizio Bach (Faschismusforschung) und Peter Imbusch (Gewaltforschung) sowie der Nachwuchswissenschenschaftler Michael Becker (soziologische NS-Rezeption) die Notwendigkeit einer soziologischen Beforschung des Themas und die Gründe dafür, warum dies bisher nur am Rande geschehen ist. In der kontroversen Debatte vertraten Mayntz und Bach den Standpunkt, dass die Soziologie neben der soziologischen Erklärung von Herrschaft eigentlich nur recht begrenzt zur Klärung des Themenfeldes beitragen könne. Klingenmann, Imbusch und Becker hingegen plädierten vehement für die Notwendigkeit einer soziologischen Beleuchtung des Themas, denn wenn die gesellschaftlichen Prozesse der Vergangenheit - beispielsweise Phänomene kollektiver Gewalt - nicht verstanden würden, ließe sich auch die Gegenwart nicht begreifen. Auch die Auseinandersetzung mit den personellen und inhaltlichen Kontinuitäten in der soziologischen Fachgeschichte war jahrzehntelang Tabu - unter anderem deshalb, weil viele glaubten, allein mit der Fächerwahl ihren Antifaschismus bewiesen zu haben und nicht wahrhaben wollten, dass es auch in der eigenen Disziplin Unterstützer für das NS-Regime gegeben hatte.

Auch aus dem Publikum wurde sowohl eine gewisse Geschichtsvergessenheit der Soziologie als auch die zum Teil normative Verwendung des soziologischen Begriffsinstrumentariums moniert; beides verhindere eine ergebnisoffene Erforschung der Entstehung derjenigen Phänomene, die schließlich zu Ausgrenzung, Gewalt und Vernichtung führen konnten und überall und jederzeit wieder führen können.

Michaela Christ forscht am Center for Interdisciplinary Memory Research der Universität Flensburg. Maja Suderland ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Gießen.

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