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Divina Commedia

Niklas Radström über Mozarts Librettisten

Was wissen wir schon über den italienischen Operndichter Lorenzo Da Ponte (1749-1838)? Nicht viel mehr, als dass er am Wiener Hof Kaiser Josephs II. der Librettist Salieris und vor allem Mozarts gewesen ist und dieser glücklichen Zusammenarbeit drei der bekanntesten Mozart-Opern zu verdanken sind: »Figaros Hochzeit«, »Cosi fan tutte« und »Don Giovanni«. Dabei hat er - ähnlich seinem älteren Freund Giacomo Casanova - ein sehr wechselvolles Leben geführt, das ihn von dem venezianischen Provinznest Ceneda über die großen europäischen Städte Venedig, Dresden, Triest, Wien und London bis nach New York, Philadelphia und wieder nach New York trieb, wo er mit fast neunzig Jahren starb. Er hat darüber eine vierbändige Vita »Memorie« hinterlassen. Aber wer, außer Fachleuten, liest das heute noch?

Der schwedische Schriftsteller Niklas Radström hat den außergewöhnlichen Lebensweg des Lorenzo Da Ponte in einem zauberhaften kleinen Roman nachgezeichnet, und siehe da, der gebildete Poet, ursprünglich im Priestergewand, entpuppt sich als ein vielseitiges und abenteuerfreudiges Genie, in Liebeshändel verwickelt und in zahlreiche geschäftliche Unternehmungen. Gewinne und Verluste, Freundschaften, Ränke und Intrigen, Großzügigkeit und Neid, freiheitliches Denken und eine gute Portion Scharlatanerie, »ungebrochener Enthusiasmus und Zukunftsglauben« führen ihn immer wieder in Höhen und Tiefen.

Ja, sein Leben gleicht beinahe der von ihm so gern zitierten »Göttlichen Komödie« Dantes. Es hat Licht und Schatten, Paradies und Inferno. Einmal sagt der Schwager Lorenzos im Buch mit schelmischer Schadenfreude, »es gebe kein Vermögen auf der Welt«, das dieser »nicht im Handumdrehen in Luft verwandeln könne«. Ein andermal retten ihn weder Kredite noch der Verkauf seiner goldenen Uhr und des Pianofortes vor dem Ruin.

Lorenzo Da Ponte, als Sohn eines jüdischen Gerbers im Ghetto von Ceneda geboren und nach dem Tod der Mutter getauft, war geweihter Priester, Lehrer und Hofpoet. Als Operndichter am King's Theatre in London betätigte er sich auch als Buchhändler und Buchdrucker. In New York und Philadelphia war er Kolonialwarenhändler und Weinbauer. Nach einer zehnjährigen »pastoralen Idylle« mit seiner geliebten Frau Nancy und einer großen Kinderschar in Sunbury nahe Philadelphia wurde er erster Professor für Italienisch an der Columbia Universität in New York, wo er auch eine italienische Oper gründete.

Niklas Radström erzählt in der Rückschau vom Lebensende her bis zu den Anfängen. Dem Tod schon nahe, erinnert sich der alte Da Ponte an die verschiedenen Lebensstationen. Zeit und Orte werden in Kontrasten lebendig: die Weltstadt London, immer rastlos, immer in Aktion, Wien, verknüpft mit Musik und Stille, oder das vergnügungssüchtige Venedig, »eine auf einem grünblauen Diwan ausgestreckte Bajadere«. Geschickt hat der Autor die Begegnungen mit den beiden Freunden eingefügt, Erinnerungen an die erotischen Fantasien des eitlen Giacomo und an die Freuden und Leiden des »armen Amadeo«. Dessen Lachen und dessen Todesklänge, wie wir sie aus dem Requiem oder dem »Don Giovanni« kennen, klingen durch den ganzen Roman.

Niklas Radström: Der Librettist. Roman. Aus dem Schwedischen von Maike Dörries und Frank Zuber. Osburg Verlag. 327 S., geb., 19,95 €.

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