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Kein stumpfsinniges Rein und Raus

In Kreuzberg werden bis zum Sonntag unabhängige und ästhetisch avancierte Pornofilme im Kino gezeigt

Man kennt die gängigen Erzeugnisse der hiesigen Pornoindustrie. Selten war ein Massenkulturerzeugnis öder und armseliger als der Porno der Gegenwart, der uns anhand seiner durchgenormten und komplett standardisierten Szenenfolgen so viel über die Tristesse des Kapitalismus verrät: die Frau als jederzeit dem Manne dienstbare Bereitstellerin von Körperöffnungen; glänzende Geschlechtswerkzeuge in Großaufnahme, an denen mechanisch hantiert und im Akkord gearbeitet wird; die immergleichen traurigen akrobatischen Verrenkungen der Darsteller, die ebenso routiniert wie gelangweilt ihre Arbeit verrichten. Dann noch ein bisschen standardisierte Kaufhausmusik dazu, fertig ist der zum Sofortgebrauch bestimmte Durchschnittsporno aus Fertigbauteilen. Kein Gedanke, keine Bildidee, kein Spurenelement von Geist, nirgends. Als würden die Herstellerfirmen Duschvorhangringe produzieren und nicht Filme.

Für den Liebhaber und die Liebhaberin guter Pornografie ist das schwer zu ertragen. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als würde man einem Gourmet jeden Tag dieselben kalten Würstchen mit Kartoffelsalat aus der Dose servieren.

Die Macher des Pornfilmfestivals, das im Berliner Kino Moviemento veranstaltet wird und noch bis Sonntagnacht dauert, verstehen ihre Filmauswahl dagegen als Angebot für all jene Freundinnen und Freunde des Genres, die von der meist erbärmlichen industriellen Massenware gelangweilt sind. »Das meiste auf dem Markt ist schlecht, niveaulos, frauenfeindlich, eigentlich über 99 Prozent der kommerziellen Pornoproduktionen. Unser Publikum ist darüber hinaus und möchte anderes sehen. Wir sind auch keine Branchen- und Reklameveranstaltung. Bei uns gibt es keine Produktpräsentation. Wir sind ein nach ästhetischen Gesichtspunkten kuratiertes Filmfestival«, sagt Jochen Werner, einer der Kuratoren.

Pornografie solle »vielfältiger, moderner, origineller« sein, wünscht er sich. »Unser Festival betrachten wie auch als dezidiert feministisches, aber in der Tradition eines sexpositiven Feminismus, der davon ausgeht, dass die Antwort auf zu viel schlechte Pornografie nicht ein Verbot sein darf, sondern lauten muss: bessere und vielfältigere Pornografie machen.«

Es geht den Programmmacherinnen und -machern also darum, altbackene Stereotype nach Möglichkeit zu meiden und sich stattdessen gemeinsam mit dem Publikum auf die Suche nach zeitgemäßeren, ambitionierteren Formen der filmischen Darstellung von Sexualität zu begeben, die bestenfalls aufregender oder formal fortschrittlicher sind als der stumpfsinnige Rein-Raus-Porno. Daher beinhaltet das Programm wie schon in vergangenen Jahren nur wenig herkömmliche, kommerzielle Mainstream-Pornofilme, doch selbst diese, so betont Werner, seien »nach künstlerischen Gesichtspunkten ausgewählt«. Andererseits habe man schon immer »den Fokus auf dokumentarische und experimentelle Arbeiten gelegt«. Zu diesen gehört etwa auch der Schwarz-Weiß-Schocker »The Bunny Game«, dessen Hauptdarstellerin »zugestimmt hat, sich für diesen Film schlagen, brandmarken und halbnackt durch die Wüste schleifen zu lassen«, wie die Produzenten stolz auf einem Flyer werben.

Die Veranstalter sind jedenfalls erfolgreich mit ihrem Konzept. Mehr als 6000 Menschen besuchen Jahr für Jahr im Oktober das kleine Filmfestival. Nicht wenige Interessierte kommen von weit her, um Filme im Kino zu erleben, die es sonst fast nirgendwo oder nicht mehr zu sehen gibt. So werden dieses Jahr beispielsweise in einer Retrospektive Porno-Klassiker aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gezeigt, dem »goldenen Zeitalter« des Genres, einer Zeit, in der der Hardcore-Sexfilm, wie es im Programmheft heißt, »nicht bloß Industrieprodukt« gewesen sei, »sondern in seinen größten Momenten Kunstwerk und Sozialutopie gleichermaßen«.

Das Festival wird von anderen Veranstaltungen zu den Themen Sexualität und Pornografie begleitet, www.pornfilmfestival.de

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