»Die Taten werden nicht vergessen«

Der Historiker Matthias Durchfeld über die Bedeutung von Prozessen gegen NS-Kriegsverbrecher

Matthias Durchfeld arbeitet im Geschichtsinstitut Istoreco in der norditalienischen Kleinstadt Reggio Emilia. Er hat den wohl letzten großen Prozess zu NS-Kriegsverbrechen in Italien im Zweiten Weltkrieg verfolgt, der im Juli 2011 zu Ende ging. Das Militärgericht in Verona verurteilte sechs Wehrmachtssoldaten der Division Hermann Göring wegen ihrer Beteiligung an Massakern in italienischen Bergdörfern im März 1944. Dabei wurden auch 24 Männer in Cervarolo getötet. Über den Prozess hat Durchfeld mit Nico Guidetti den Film »Die Geige aus Cervarolo« gedreht. Er wird ab Sonntag in Deutschland gezeigt. Vor dem Start sprach Katja Herzberg mit dem Historiker.
Matthias Durchfeld
Matthias Durchfeld

nd: Worum geht es in »Die Geige aus Cervarolo«?
DurchfeldIch möchte nicht alles vorwegnehmen, nur so viel: Der Dokumentarfilm erzählt zum einen vom Leben der Angehörigen der Opfer des NS-Massakers in dem norditalienischen Dorf Cervarolo und er zeigt die Gerichtsverhandlung dazu, die 2011 vor dem Militärgericht Verona zu Ende ging. Dabei lässt der Film eine Geige diese Geschichte erzählen.

Was ist in Cervarolo passiert?
In Cervarolo wurde eines von vielen Hunderten von Massakern im Zweiten Weltkrieg verübt. Dazu sind nach Jahrzehnten der Verschleierung Akten im sogenannten »Schrank der Schande« gefunden worden, so dass die Fälle vor Gericht behandelt werden konnten. Aber nur fünf Prozent aller Akten sind bis vor den Kadi gekommen. Das heißt, nur eine ganz geringe Zahl von Hinterbliebenen und Überlebenden erfährt Gerechtigkeit dadurch, dass ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird, es zu einem Hauptverfahren und einer Verurteilung kommt. Cervarolo steht für uns als Filmemacher deshalb stellvertretend auch für alle anderen Fälle, die es nicht vor Gericht geschafft haben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in dem Film eine Geige ins Zentrum zu stellen?
Wir als Geschichtsinstitut Istoreco haben alle 41 Verhandlungstage gefilmt, um den Prozess für unser Archiv zu dokumentieren. Im Film wollten wir die Geschichte aber nicht rein chronologisch erzählen. Noch haben wir Zeitzeugen aus der Gegend und aus den Jahren, aber das wird bald nicht mehr so sein. Daher ist es wichtig, dass wir lernen, anderen Zeugen zuzuhören. Das können Orte, aber auch Gegenstände sein, wie zum Beispiel eine Geige. Gleichzeitig gab sie uns die Möglichkeit zu zeigen, dass die Geschichtserzählung weitergeht, dass nichts vergessen wird.

Sie haben den Film in den vergangenen Monaten bereits in Italien gezeigt. Wie haben die Menschen reagiert?
Wir sind sehr froh, dass der Film in unserem kleinen Rahmen gut ankommt. Zu den Vorführungen kamen 100 bis 200 Menschen, je nach Kapazität des Kinos. Und die Resonanz ist positiv. Die Leute sprechen uns an und sagen: Danke, dass ihr das gemacht habt.

War es schwer, Opfer und Hinterbliebene für die Dreharbeiten zu gewinnen?
Wir haben ja nicht nur gedreht, sondern wir haben sie während des gesamten Prozesses begleitet. Dadurch hat sich geradezu ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und sie waren bereit, uns an sich heranzulassen. Sie waren erfreut, dass sich endlich jemand um ihre Geschichte kümmert. Und auch im Gericht hat die Tatsache, dass sie wussten, dass das, was sie sagen, aufgezeichnet und für die Zukunft in einem Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, sie bestärkt.

Was ist nun Ihre Motivation, den Film in Deutschland zu zeigen?
Der Film erzählt auch indirekt über die Nachkriegsgesellschaft. Die sechs Männer, die letztes Jahr in Verona verurteilt wurden, können nach wie vor in Ruhe in Deutschland leben. Deshalb zeigen wir den Film überall dort, wo sie wohnen.

Was bedeutet in dem Zusammenhang, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart erst Anfang Oktober das Verfahren zum Massaker in Sant'Anna di Stazzema eingestellt hat?
Das war ein Tiefschlag. Mit solchen Einstellungen wird es natürlich auch für andere Fälle schwieriger, die Bestrafung von verurteilten Soldaten durchzusetzen. Im Unterschied zu Sant'Anna di Stazzema sind die Urteile für Cervarolo aber noch nicht rechtskräftig. Am Mittwoch begann die Berufungsverhandlung.

Warum ist es den Menschen in Italien so wichtig, dass die Geschichte aufgearbeitet wird?
In den Regionen Emilia Romagna und Toskana hat dieses Thema eine sehr große Bedeutung. Hier verlief die Front, entsprechend haben die Deutschen hier gewütet, und so gibt es innerhalb der Familien auch die Erinnerung an die Verbrechen und an den Widerstand gegen diese Verbrechen. Es geht aber nicht nur um die Kriege der Vergangenheit, es geht auch um die aktuellen und die der Zukunft. Es ist wichtig, dass festgeschrieben ist, dass gewisse Verhaltensweisen von Soldaten Verbrechen sind und dass sie Sorge tragen müssen, bestraft zu werden. Sie nicht zu bestrafen, suggeriert, dass die Tat nicht schwerwiegend ist.

Sie zeigen den Film in Deutschland mit Hilfe mehrerer Partner. Wie groß war das Interesse in den einzelnen Städten?
Durch die Bildungsurlaube, die Istoreco in Reggio Emilia durchführt, waren in den letzten Jahren Menschen aus vielen Städten schon einmal hier, kennen teilweise den Ort und die Zeitzeugen. Dadurch ist ein großes Netzwerk entstanden, an das wir uns wenden konnten.

Siehe auch: Fotostrecke


Die Geige aus Cervarolo

28.10. HAMBURG: Metropolis, Theaterstr. 10, 17 Uhr
29.10. OSNABRÜCK: Filmtheater Hasetor, Hasestr. 71, 20 Uhr
31.10. KIEL: Kommunales Kino, Haßstr. 22, 20.30 Uhr
19.11. MÜNCHEN: EineWeltHaus, Schwanthalerstr. 80, 19.30 Uhr
20.11. NÜRNBERG: Filmhaus, Königstrasse 93, 19 Uhr
21.11. BERLIN: Moviemento, Kottbusser Damm 22, 19 Uhr

Mehr Informationen unter:
www.maipiufascismo.blogsport.de
www.popcultdocs.com
www.nd-online.de/roteemilia

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