Gespendete Arbeit

Ein Berliner Unternehmen sammelt Bücher und beschäftigt Menschen mit Behinderung

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Kampf ohne Machtbekenntnis

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Sie sind wertvolle Arbeitskräfte, allemal. Aber anspruchsvoll, weil ihre Körper nur gewisse Arbeiten aushalten. Menschen mit Behinderung brauchen Rücksicht, aber kein Mitleid. Sie können etwas leisten, viele wollen das auch. Allein, man muss sie nur lassen. Das Berliner Unternehmen »SinneWerk« integriert Menschen mit Handicap.

Viel braucht Ingrid G. nicht für ihren Job. Wichtigstes Instrument ist der Computer. Die 61-Jährige sitzt in einer kleinen Halle an einer Fensterfront. Sie trägt schwarze Jeans, ein grünes T-Shirt und eine schwarze Weste. Neben ihr surren drei weitere Rechner, ihre Kollegen wälzen Berge von Büchern, kontrollieren den Zustand der Seiten, prüfen Verkaufspreise im Internet. Ingrid greift sich ein Taschenbuch aus der blauen Kiste, die neben ihr auf dem Tisch steht. Ein Roman von Priscilla Cogan: »Der Pfad der Medizinfrau«. Sie scannt den ISBN-Code und nickt zufrieden. Amazon kennt den Titel. Nun prüft sie die Preise der Konkurrenz und tippt 12,99 Euro ein. 500 bis 600 Bücher wandern täglich durch ihre Hände.

»Der Pfad der Medizinfrau« ist eine Spende. So wie alle Bücher, die sich neben und vor Ingrid stapeln. Vom Erlös finanziert das gemeinnützige Unternehmen SinneWerk Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Ingrid hat eine Behinderung. Sie möchte ihren Nachnamen deswegen nicht in der Zeitung lesen. Ihr Behinderungsgrad (GdB): 100. Ab 50 GdB spricht das deutsche Recht von »schwerbehindert«. Im Gespräch mit ihr fällt nicht auf, dass sie beeinträchtigt ist. »Es gibt Tage, an denen fühle ich mich ganz normal.«

SinneWerk beschäftigt zur Hälfte Menschen, die unter anderem HIV-positiv sind, schweren Diabetes, eine künstliche Niere, multiple Sklerose, psychische Probleme oder Schwierigkeiten mit dem Herzen haben. Viele Menschen in Deutschland können mit diesen Einschränkungen gut leben, auch arbeiten. Und werden trotzdem vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Die kleine Halle ist kaum größer als ein S-Bahn-Waggon. Rote Tonfliesen am Boden, die Wände weiß getüncht, es riecht nach Pappe. Jens Kapp schaut auf eine Wand aus Bananenkisten, es mögen hundert sein oder mehr. Hinter ihm sortiert Ingrid ihre Bücher. »Täglich kommen 30 bis 40 neue Kisten rein«, erklärt der Assistent der Geschäftsführung. »Wenn wir zwei Wochen keinen Nachschub kriegen, wird es eng für uns.« Die Halle war früher Produktionsstätte für Eierlikör von »Verpoorten«. Davor standen hier Pferde, die in den Pionierjahren des öffentlichen Nahverkehrs Trams schleppten. Heute sortieren in dem Gemäuer rund zehn Angestellte Bücher. Für Amazon oder die Cafés Morgenstern und Tasso, die beide von SinneWerk betrieben werden.

Kein Mitleidbonus

In dem Hinterhofgebäude in der Liegnitzer Straße wird alles angeschwemmt, was der Büchermarkt in den vergangenen 300 Jahren produziert hat. Auch Ungewöhnliches. »Ich hatte mal Bahnaktien aus Kasachstan aus den 1870er Jahren in der Hand«, erinnert sich Jens Kapp. Das teuerste Buch hat das Unternehmen auf einen Schlag um 2.300 Euro bereichert. In dem Band waren Kirchengemälde des Künstlers Marc Chagall abgebildet. Das Paket ging nach Übersee. Der Großteil der Bücher landet aber im Café Tasso an der Frankfurter Allee in Friedrichshain. »Wir kombinieren dort Antiquariat mit wechselndem Abendprogramm und ökologischer Küche. Mittlerweile stehen wir damit in den Reiseführern«, erzählt der 30-Jährige stolz. 25 Kisten fahren die Mitarbeiter täglich ins Tasso.

Das Café an der Frankfurter Allee ist anders. Für gewöhnlich türmen sich in den Cafés der Stadt Kuchen und Torten in großen, gläsernen Theken. Die belebte Geräuschkulisse der Lokale wird von Zeit zu Zeit unsanft durch lautes Zischen chromglänzender Espressomaschinen gestört. Im Café Tasso hingegen dominiert das Buch. Aufsteller vor dem Laden werben mit »1 Buch = 1 Euro, 6 Bücher = 5 Euro.« Vor dem Schaufenster steht ein Karree aus roten Fleischerkisten und Pappkartons, in denen Bücher aller Genres lagern. Bis zuletzt nutzen die Gäste des Cafés die Herbstsonne, um draußen vor dem Café zu lesen, nun wird vorwiegend drinnen geschmökert. Dazu gibt es Tee, Kakao und Kaffee - alles biozertifiziert. Sie werden auch von Menschen mit Behinderungen bedient. Offensichtlich ist das nicht. Erst der Blick in die Karte, letzte Seite, offenbart die Integrationsidee, die hier gelebt wird. »Wir wollen damit ja auch nicht werben«, erklärt Katja Koslowski. Auf einen Mitleidsbonus könne man getrost verzichten, erklärt die junge Frau, die sich um die Pressearbeit im Unternehmen kümmert. Seit über fünf Jahren ist sie mit SinneWerk verbunden, eine Zeit lang stand sie selbst hinter der Theke des Tasso. »Die meisten Besucher bekommen überhaupt nicht mit, dass sie von Menschen mit Handicap bedient werden.« Hier funktioniert die Integration.

Jens Kapp wirbelt inzwischen durch die kleine Halle, pendelt zwischen Büro und Empfang, wechselt hier und da ein kurzes Wort mit den Kollegen. Er ist einer von 33 Mitarbeitern, die das Geschäft am Laufen halten. Spenden, Zuschüsse vom Berliner Integrationsamt und vor allem der Buchverkauf tragen den Betrieb. Die eingeschränkten Mitarbeiter werden in allen Bereichen eingesetzt, als Koch, Fahrer, Buchhalter, Kellner oder in der Pressearbeit. »Wir haben mehr Ausfall durch Krankheit und müssen mehr Urlaub gewähren. Die meisten sind körperlich weniger belastbar«, zählt Jens Kapp die Nachteile des Integrationsmodells auf. Dafür bekommen Menschen mit Behinderung eine Perspektive jenseits von Arbeitslosigkeit. »Die Leute haben ja Lust zu arbeiten. Sie kriegen das Gefühl, gebraucht zu werden«, ergänzt Katja Koslowski.

Integrationshandel

Für einen Arbeitsplatz wie den von Ingrid bekommt SinneWerk monatlich 200 Euro Zuschuss vom Integrationsamt. Das Geld stammt aus einem großen Topf mit »Strafzahlungen«. Eigentlich müssen Betriebe ab 20 Beschäftigten fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung vergeben. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, zahlen sie eine »Ausgleichsabgabe« zwischen 150 und 290 Euro monatlich. Es erinnert an den Emissionshandel. »Emissionshandel ist der Handel mit Rechten zum Ausstoß von Treibhausgasen«, erklärte das Bundesumweltministerium im Internet. Das Pendent des Integrationsamtes könnte lauten: »Integrationshandel ist der Handel mit Pflichten, Menschen mit Handicap zu beschäftigen.« Unternehmen kaufen sich von ihrer gesellschaftlichen Aufgabe schlicht frei.

Menschen müssen funktionieren. In Deutschland werden selbst Kinder zur Behinderung, wenn Mütter aus Angst vor häufigeren Fehlzeiten nicht eingestellt werden. Klaus Siebitz*, der seinen wahren Namen nicht preisgeben möchte, kennt das. Er hat etliche Bewerbungen geschrieben, saß vor vielen Chefs im Vorstellungsgespräch. »Ich konnte das genau beobachten: Sobald die Chefs in meinem Lebenslauf von meinem Unfall gelesen hatten, war die Sache gelaufen.« Standardausreden, wie »Die Stelle ist kurzfristig anderweitig vergeben«, kenne er zur genüge. »Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden«, schreibt indes das Grundgesetz vor.

Klaus Siebitz ist 58 Jahre alt, gelernter Werkzeugmacher. In der DDR arbeitete er als Fernfahrer. Irgendwann hatte er einen schweren Unfall, der ihn fast sein Leben kostete. Er wurde Invalide und bekam eine Rente. »Nach der Wende war ich dann nicht mehr krank genug«, erzählt Klaus Siebitz. Sein GdB wurde auf 50 zurückgestuft, er musste sich wieder einen Job suchen. Er hatte Glück, konnte mit seiner Erfahrung als Fernfahrer Disponent in einem Transportunternehmen werden. Als der Betrieb pleite ging, saß Klaus Siebitz wieder zu Hause. Das wäre so geblieben, ist sich der 58-Jährige sicher, hätte SinneWerk nicht nach einem Disponenten gesucht. Heute ist er der Experte für die Planung der Bücher-Touren, er stellt die Abholteams zusammen und kümmert sich um die Transporter.

Das Geschäftsmodell von SinneWerk scheint zu funktionieren. »Wir kommen ganz gut über die Runden, irgendwann wollen wir uns selbst tragen«, sagt Jens Kapp. Schwierig sei das vergangene Jahr gewesen, als bei Amazon die Preise für gebrauchte Bücher um rund 20 Prozent absackten. Schuld daran waren Bücheraufkäufer wie die Onlineplattform »Momox«. SinneWerk schickt inzwischen nur noch vier Prozent in die Großlager von Amazon. Das wichtige Geschäft ist analog. Doch Bücher sind ein Auslaufmodell. Angst vor der digitalen Wende, dem E-Reader, haben Jens Kapp und sein Kollege Maximilian Festerling trotzdem nicht. »30 bis 40 Jahre lang werden wir noch genügend Bücher bekommen«, hofft Kapp. Kollege Festerling sieht in der neuen Technik sogar einen ganz eigenen Nutzen: »Wenn junge Leute nur noch E-Books lesen, brauchen sie ja ihr Bücherregal nicht mehr. Über die ausgesonderten Bücher freuen wir uns natürlich.«

*Name geändert

www.buchspende.org

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