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Das Schuhläuferkommando

Gedenkstätte lädt zu Vortrag über die mörderische Teststrecke im KZ Sachsenhausen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

»Bleib aufrecht, bleib gerade! Das geht zu Ende.« Der 23-jährige KZ-Häftling Peter Heilbut versuchte, sich Mut zu machen. Erst wenige Tage war er im Lager Sachsenhausen, da wurde er dem berüchtigten Schuläuferkommando zugeteilt. Die SS trieb die Läufer von früh bis spät über eine Teststrecke, die rund um dem Appellplatz verlief. Manche Häftlinge erhielten mit Absicht zu kleine Schuhe, um sie zusätzlich zu quälen. Als ob die Prügel unterwegs nicht ausgereicht hätte. Nach knapp 14 Tagen hält Heilbut die Torturen nicht mehr aus. Er bricht zusammen. Doch anders als viele seiner Kameraden überlebt er.

Morgen hält Anne Sudrow in der Gedenkstätte Sachsenhausen einen Vortrag über die Schuhprüfstrecke. Die Wissenschaftlerin hat sich mit der Geschichte des Schuhs im Faschismus befasst. Der Verband der Historiker hat ihre Doktorarbeit zu diesem Thema vor zwei Jahren mit dem Hedwig-Hintze-Preis ausgezeichnet. Sudrow ging auch der Frage nach, welchen Zusammenhang es zwischen der Schuhprüfstrecke in Sachsenhausen und der Verwendung erster Kunststoffe in Schuhen gibt, erklärt die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in der Ankündigung der Veranstaltung.

Das Reichsamt für Wirtschaftsausbau ließ die zirka 700 Meter lange Bahn im Frühjahr 1940 anlegen. Es gab Abschnitte mit verschiedenen Straßenbelägen. Mehr als die Hälfte der Strecke war eine Betonpiste, dazu kamen Wegstücke mit Sand, Schlacke, Lehm, Splitt, Schotter und Pflastersteinen. Die Absicht bestand darin, neuartiges Schuhwerk für die Wehrmacht zu erproben. Geforscht wurde damals, ob sich Lederfasern, imprägnierte Strohgeflechte, Gummi, Holz oder Sohlen aus Polyvinylchlorid als Ersatzstoffe für das knappe Naturleder eignen. Beteiligt waren beispielsweise die Versuchsanstalt der Lederindustrie in Freiberg, das Dresdner Kaiser-Wilhelm-Institut für Lederforschung und das Staatliche Materialprüfungsamt in Berlin-Dahlem, schreibt Hermann Kaienburg in einem Buch über den Militär- und Wirtschaftskomplex der SS am KZ-Standort Sachsenhausen. Demnach wurden bis 1943 etwa 80 bis 120 Häftlinge dem Schuhläuferkommando zugeteilt. Ab November 1943 mussten die Häftlinge bei ihrem straffen Marsch um den Appellplatz mit Sand gefüllte Rucksäcke tragen.

Das Oberkommando der Wehrmacht bat darum, vor Beginn der Massenfertigung von Schuhen mit Ersatzstoffen, Tests zu absolvieren. Das sagte das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS zu und ordnete an, das Schuhläuferkommando um 50 Mann aufzustocken. Die SS erhielt pro Tag und Häftling sechs Reichsmark vom Wirtschaftsministerium. Ihr ging es allerdings nicht allein ums Geld. Sie benutzte das Kommando, um Häftlinge zu bestrafen oder Geständnisse zu erpressen. Wie die Teststrecke aussah, ist in der Gedenkstätte zu besichtigen.

»Die Schuhprüfstrecke im KZ-Sachsenhausen«, Vortrag von Dr. Anne Sudrow, morgen, 18.30 Uhr, Gedenkstätte Sachsenhausen, Straße der Nationen 22 in Oranienburg, Eintritt frei

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