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Wer liest noch Lenin?

Carolin Amlinger, Jg. 1984, studierte in Trier Philosophie, Soziologie und Germanistik

nd: Sie geben im Laika Verlag »marxist pocket books« heraus. In knallrotem Einband. Den Auftakt machte das »Manifest« von Marx und Engels, quasi die Geburtsurkunde des Kommunismus, das zweite Bändchen bietet Lenins Schrift »Staat und Revolution«, geschrieben in den Monaten vor der Oktoberrevolution, die heute vor 95 Jahren begann. Sind solche Texte überhaupt noch aktuell?
Amlinger: »Die Antwort gibt ironischerweise der Kapitalismus selbst«, schreibt Terry Eagleton, Professor an der University of Lancaster, in seinem Geleitwort zur »Manifest«-Ausgabe. »Das Kommunistische Manifest sagte voraus, dass der Kapitalismus global werden und dass seine Ungleichheiten sich verschärfen würden.« Und Dietmar Dath kommt in seinem Vorwort zu »Staat und Revolution« zu ähnlicher Schlussfolgerung: Lenins Erfahrungen, seine begrifflichen und praktischen Leistungen seien nicht abgegolten: »Sie sind aktuell.«

Wer will all das aber noch lesen, nach der schmählichen Niederlage des Realsozialismus und den Verbrechen des Stalinismus?
Ich zitiere nochmals Eagleton: »Die Wahrheit ist, dass Marx für die monströse Unterdrückung in der kommunistischen Welt nicht mehr Verantwortung trägt als Jesus für die Inquisition.« Ebenso kann man die Moskauer Prozesse und die Mauer nicht Lenin anlasten.

Wie kamen Sie dazu, diese neue Reihe zu verantworten?
Wir sind ein junger Herausgeberkreis. Während unseres Studiums an der Karl-Marx-Universität Trier - wie wir unsere Uni nennen - haben wir sozialistische Klassiker gelesen und diskutiert. Da viele Texte nicht mehr verfügbar sind, kam uns die Idee zu dieser Edition mit jeweils aktueller Einführung. Wir wollen bei jungen Menschen Lust auf die Klassiker wecken.

Was sind die Auswahlkriterien?
Wir wollen mit dieser Reihe keinen festen Kanon etablieren. Uns war es wichtig, dass neben bekannten Texten auch in Vergessenheit geratene Schriften unserer Generation zugänglich gemacht werden. Deshalb wird als dritter Band Alexanda Kollontais »Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin« von 1926 erscheinen, eingeführt von Barbara Kirchner. Die Bolschewikin wusste, wie die Unterdrückung der Frau im Kapitalismus funktioniert und auch, dass die Liebe im Kapitalismus nicht frei sein kann.

Meinen Sie, dass die Frauenemanzipation heute wieder zurückgedreht ist, in die Zeit vor der Kollontai und Clara Zetkin?
Man kann gewisse Emanzipationserfolge nicht abstreiten. Aber bereits Kollontai kritisierte einen Feminismus, der auf halber Strecke stehen bleibt. Der Kampf um die volle Emanzipation der Frau muss eingebettet werden in die gesamtgesellschaftlichen Kämpfe.

Welche Marxisten folgen noch?
Im nächsten Jahr erscheint »Das Recht auf Faulheit« von Paul Lafargue, Marxens Schwiegersohn. Eine sehr interessante Streitschrift wider den Beschleunigungszwang des modernen Kapitalismus. Faulheit kann auch eine Praxis des Widerstandes sein. Die nächste Frau in unserer Reihe wird Zetkin sein. Uns ist es wichtig, deutlich zu machen, dass nicht nur Männer sozialistische Theoriegeschichte geschrieben haben. In ihre »Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands« wird die Rapperin Lady Bitch Ray einführen.

Fragen: Karlen Vesper

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