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Maurer oder Manager

Trotz aller Reformbemühungen bleibt das deutsche Schulsystem eine große Sortiermaschine

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Wechsel zur weiterführenden Schule ist das wichtigste Selektionskriterium im deutschen Bildungssystem. Experten kritisieren das in den meisten Bundesländern übliche Prinzip der frühen Auslese nach der vierten Klasse: Schon im Grundschulalter werden Zukunftschancen ungleich verteilt.

Ein Gymnasium hat zum Tag der offenen Tür geladen. Hunderte von Eltern durchstreifen zusammen mit ihren neun- oder zehnjährigen Kindern das Gebäude. In der Aula lernen sie den Schulleiter und das Lehrerkollegium kennen, sie besichtigen Sporthalle, Computerraum und Chemielabor. Die jungen Gäste sind am Nachmittag zu Probestunden in Englisch, Mathematik, Physik oder Französisch eingeladen. Doch nur ein Teil von ihnen kann sich berechtigte Hoffnung machen, hier demnächst unterrichtet zu werden. Den anderen bleibt der Zugang verwehrt - weil ihr Notendurchschnitt nicht reicht oder sie keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen.

Der Wechsel zur weiterführenden Schule wird für immer mehr Grundschüler zu einer enormen psychischen Belastung. Lehrer beobachten einen wachsenden Ehrgeiz der Eltern, ihr Kind unbedingt Abitur machen zu lassen. Sonst habe der Nachwuchs später keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, lautet ein häufig angeführtes Argument. »Die hohen familiären Ansprüche werden dem Leistungsniveau nicht immer gerecht«, warnt dagegen ein Schulpsychologe. Für viele Kinder sei es frustrierender, sitzen zu bleiben und das Gymnasium nach wenigen Jahren wegen zu schlechter Leistungen verlassen zu müssen, als von vorne herein etwa die Mittlere Reife anzustreben.

Das Bemühen der Eltern, zunächst die höhere Schule zu testen, ist verständlich. Viele Erwachsene wissen aus eigener Lebenserfahrung, dass der Besuch einer Haupt- oder Realschule die beruflichen Möglichkeiten einschränken kann und ein späterer Wechsel zum Gymnasium auf große Hindernisse stößt. »Es gibt sie, die Mobilität im deutschen Bildungssystem - aber meist nur nach unten«, kommentiert Klaus Klemm. Der Forscher an der Universität Duisburg-Essen hat für eine Studie über hundert Verordnungen zusammengetragen, die je nach Bundesland den Übergang von einer Schulform in die andere unterschiedlich regeln. Ein »gigantischer bürokratischer Aufwand« werde da getrieben - ohne dass sich viel bewegt.

Klemm zufolge wechseln derzeit 14 Prozent der Kinder zwischen der fünften und zehnten Klasse den Schultyp. Doch nur jedes Fünfte steigt auf »nach oben«, 80 Prozent dagegen werden heruntergestuft. Die Realschulen sind entsprechend voll von gescheiterten und demotivierten Ex-Gymnasiasten. Zwar behaupten Schulämter und Ministerien, jede Schullaufbahn sei korrigierbar. In der Praxis aber ist das dreigliedrige System in Deutschland wenig durchlässig und enthält, wie die PISA-Ergebnisse bestätigt haben, auch soziale Sprengkraft. Zum einen werden die Schüler früher als in den meisten anderen Staaten getrennt. Bildungsexperten glauben zudem, dass nicht nur Begabung oder Können, sondern auch die familiären Rahmenbedingungen entscheiden. »Die Lehrer werden vom sozialen Hintergrund beeinflusst«, sagt Wilfried Bos, Leiter des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung. Es spiele durchaus eine Rolle, ob die Eltern eines Kindes Ärzte sind oder Hartz IV-Empfänger.

Der Mainzer Soziologe Alexander Schulze hat in einer Untersuchung festgestellt, dass vier von fünf Schülern aus der Ober- und Mittelschicht, aber nur jedem sechsten Kind aus Arbeiter- oder Migrantenfamilien geraten wurde, auf die höhere Schule zu wechseln. Hier »spielen Faktoren hinein, die nicht direkt mit der Leistung zu tun haben«, betont Schulze. »Der Lehrer kennt die Eltern, er kann abschätzen, welche Hilfe ein Kind zu Hause bekommt.« Schulentwicklungsforscher Bos hält »Korrekturen der Weichenstellung« nach der vierten Klasse für »ausgesprochen selten«. »Maurer oder Manager, das zeichnet sich bereits mit dem Ende der Grundschulzeit ab«, kommentiert er trocken. Bildungsabschlüsse, so überspitzen die Wissenschaftler, seien in Deutschland vererbbar: Nach Erhebungen des Deutschen Studentenwerks werden aus Akademikerkindern in 83 von 100 Fällen selbst Akademiker. Umgekehrt sind Kinder von Sozialhilfeempfängern besonders häufig gefährdet, später selbst staatliche Gelder beanspruchen zu müssen.

Jeder zehnte deutsche Jugendliche verlässt die Schule ohne Abschluss. Manche von ihnen sind am Ende ihrer Schulzeit kaum in der Lage, richtig zu lesen, zu schreiben und zu rechnen. Eingezwängt zwischen elterlichen Ansprüchen, kindlichen Bedürfnissen und bildungspolitischen Vorgaben fühlen sich auch die Lehrkräfte überfordert. »Sie müssen im Grunde etwas Unmögliches leisten«, kommentiert Frank Nonnenmacher, der an der Universität Frankfurt am Main Didaktik unterrichtet. Schule sollte eigentlich ein Ort der gegenseitigen Anerkennung sein, »während die Lehrer qua System die Kinder in Konkurrenz zueinander treiben«. Die soziale Gliederung werde »in Kauf genommen«, glaubt auch Jürgen Baumert, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Mitverfasser der PISA-Vergleichsstudien. Je früher Schüler auf verschiedene Schultypen verteilt werden, desto geringer sei »das Zeitfenster, um Unterschiede auszugleichen«.

Die Kinder stehen früh »intensiv unter Druck«, weiß Experte Nonnenmacher. Schon Acht- oder Neunjährige berichten, dass sie nachts nicht mehr gut schlafen, weil sie fürchten, »die Aufgaben nicht zu verstehen«. Eltern suchen immer häufiger Hilfe beim schulpsychologischen Dienst - wegen der Angst ihrer Kinder zu versagen. An diesen quälenden Gefühlen sind die Erwachsenen manchmal nicht ganz unbeteiligt. Manche von ihnen versuchen schon in der Kindergartenzeit, ihren Nachwuchs auf Leistung zu trimmen. »Übermäßiger Druck fördert das Lernen nicht«, warnen dagegen Pädagogen.

Grundschullehrerinnen berichten von besorgten Eltern, die schon in der zweiten Klasse nachfragen, »ob der Sohn oder die Tochter denn auch die Statuspassage nach dem vierten Schuljahr bestehen wird«. Jede Lernkontrolle, jede Klassenarbeit werde so zu einer Quelle von Hoffnungen - oder von Ängsten. Die Schule, so spitzt Bildungsforscher Nonnenmacher zu, sei »eine ausgeklügelte Sortierungsmaschine, die den Menschen auf einen bestimmten Platz stellt«. Es gehe nicht um Gleichheit, sondern »um Selektionsprozesse« in einem System, »das die Gesellschaft sich leistet, um Statuszuweisungen formal zu begründen«.

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