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SB-Volksvertreter

Flattersatz von Ernst Röhl

Politik, sagt ein kluger Mann, ist die Leitung öffentlicher Angelegenheiten in freier Selbstbedienung. Darum geh deinen Weg, mein Freund, lass dich von den Bochumer Stadtwerken einladen und verkünde in einem Schwurbelvortrag geistreiche Redensarten: Mehr Brutto vom Netto! Sozial ist, was Arbeit schafft! Runter mit den Niedriglöhnen! Es kann nicht schaden, wenn dabei ein sieghaftes Lächeln deine Lippen umspielt - wie beim Genossen Steinbrück, dem Nebenverdienstmillionär von der Partei der sozialen Gerechtigkeit. Steinbrück empfing für eine einzige Rede in Bochum 25 000 Euro und ist heute Kanzlerkandidat. Auch Joachim Gauck empfing, gleichfalls in Bochum, 25 000 Euro für eine einzige Rede und ist heute Bundespräsident.

Michael Glos, der Ex-Wirtschaftsminister von der CSU, ist ein spezielles Kapitel. Kaum einer ahnt, dass eine Flitzpiepe wie er in der aktuellen Nebenverdienstrangliste mit - mindestens - 546 000 Euro auf dem Silberrang platziert ist, gleich hinter Steinbrück, der demnächst mit dem Bundesnebenverdienstkreuz geehrt werden soll. Michael Glos erreicht seine Ziele vor allem mit guter Laune. Bei ihm auf dem Klosett hängen, wie er der »Welt« in einem Interview verriet, Porträts von Karl Marx und W. I. Lenin. Aber nicht, weil er, Gott behüte, Kommunist geworden wäre. Er habe die Bilder, sagt er, in den 80er Jahren als Schnäppchen im Moskauer Kaufhaus GUM abgestaubt.

Glos ist nicht nur ein Aufstocker de luxe, sondern auch ein berüchtigter Spaßvogel, der sein Publikum entschieden besser unterhält, als Markus Lanz es je könnte. Über sein einstiges Ministerium sagte er in aller Bescheidenheit: »Ich wusste nicht mal, wo genau dieses Wirtschaftsministerium stand, es hat mich auch nie interessiert. Und ich hatte kaum eine Ahnung davon, welches die Aufgaben des Ministeriums waren.« Dieses Geständnis könnte der aktuelle »Wirtschaftsminister« gleich mit unterschreiben. Als auskömmlich honorierter Lobbyist der Consultum Communications GmbH ist Glos auf dem wolkigen Gebiet des »Country Branding« tätig. Vor dem »Euro Vision Song Contest« im Mai 2012 mühte er sich, das Image des Gastgeberlands Aserbaidshan aufzubessern, das darum ringt, sich mit Folter und Korruption international beliebt zu machen. An der Seite von Bettina Wulff nahm er leibhaftig an den Unabhängigkeitsfeiern in Baku teil, auf Kosten der Werktätigen Aserbaidshans, versteht sich.

Sogar Steinbrück, der sich für die allergrößte Stimmungskanone hält, muss zähneknirschend anerkennen, dass Glos im Mandatsträger-Showbiz die Pole Position gebührt. Neider geißeln ihn als »Trauerglos« und »Schlaftablette auf zwei Beinen« und halten ihm seine - mindestens - 546 000 nebenbei eingenommenen Euro vor. Doch Glos kontert mit bajuwarischen Scherzen: »Das Schöne ist ja, dass ich für die Steuerzahler der billigste Abgeordnete des Bundestags bin. Wenn es stimmt, was Abgeordnetenwatch festgestellt hat, dann hätte ich soviel verdient, dass meine Diäten aus meiner Einkommensteuer gezahlt werden können. Das ist doch wunderbar, oder? Das ist doch fast ein Perpetuum mobile.«

Aus diesem Holz sind Abgeordnete geschnitzt, die die Herdprämie durchboxen, die Marotte einer Regionalpartei, eine Adenauer-Gedächtnisreform: Die ist zwar Mumpitz, aber genau darum wird sie kommen! Michael Glos wollen wir das nicht anlasten. Er war so fair, uns vor sich selbst zu warnen: »Ich wünsche meinem Land, dass es ihm nie so schlecht geht, dass man auf einen wie mich zurückgreifen muss!«

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