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Eine Chance in der Altenpflege

Sozialministerium unterstützt Ausbildung von Arbeitslosen zu Pflegehelfern

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Etwa 96 000 Pflegebedürftige leben im Land Brandenburg. Das sind bereits 10 000 mehr als noch vor drei Jahren. Im Jahr 2030 wird es rund 160 000 Pflegebedürftige geben, erwartet das Sozialministerium. Deshalb ist ein enormer Personalbedarf absehbar. Insgesamt knapp 29 000 Menschen arbeiten gegenwärtig in den 400 Altenheimen oder bei den 600 Pflegediensten im Bundesland. 2030 werde man 54 000 Beschäftigte benötigen, sagt Sozialminister Günter Baaske (SPD). Dabei spiele eine Rolle, dass heute noch etliche arbeitslose Töchter ihre betagten Eltern pflegen. In Zukunft werde das oft nicht mehr möglich sein, weil beispielsweise die Kinder weit entfernt im Westen leben und arbeiten.

Allein mit Altenpflegern sind die Stellen nicht zu besetzen. Es gibt einfach nicht genug davon. Deshalb fördert Baaskes Ressort jetzt mit 3,82 Millionen Euro aus EU-Mitteln die Qualifizierung von bis zu 240 Arbeitslosen zu Altenpflegehelfern. Ein Jahr lang dauert die staatlich anerkannte Ausbildung. Die ersten Arbeitslosen haben Anfang November damit begonnen. Der Minister besuchte gestern die Sozialwirtschaftliche Fortbildungsgesellschaft (SOWI) in Strausberg und redete dort mit künftigen Altenpflegehelfern.

Es sind junge und ältere Frauen, auch einige Männer, einer davon mit bereits ergrauten Haaren. Auch Paul Dähn büffelt hier an der Garzauer Chaussee. Der 20-Jährige hat mal eine Lehre angefangen, sie aber abgebrochen. Nun ist er überzeugt, dass die Altenpflege das Richtige für ihn ist. Das hat er bei einem sozialen Jahr herausgefunden. Den praktischen Teil der Ausbildung absolviert Paul Dähn beim Pflegedienst von Jana Tschakert in Rüdersdorf. Tschakert muss ihn nach der Ausbildung übernehmen und mindestens zwei Jahre lang beschäftigen. Dazu ist sie aufgrund der Förderbedingungen verpflichtet. Die Frau denkt aber gar nicht daran, Paul Dähn anschließend herauszuwerfen. Sie braucht ihn und ihren zweiten Teilnehmer des Lehrgangs. »Ich bin sehr daran interessiert, dass sie bis zur Rente bei mir arbeiten«, versichert Tschakert.

Im Moment läuft das Arbeitslosengeld der Leute weiter. Die spätere Bezahlung richtet sich nach dem jeweiligen Arbeitgeber, und die möchten über den Stundenlohn nichts verraten. Märkisch-Oderlands Sozialdezernent Lutz Amsel (LINKE) kennt sich jedoch aus. Die Altenpflegehelfer bekommen zwar weniger als richtige Altenpfleger, aber immerhin mehr als ungelernte Kräfte. Sie werden nicht auf zusätzliche staatliche Stütze angewiesen sein, was bei den Ungelernten nicht immer der Fall sei, erklärt Amsel.

Der kirchliche Landesausschuss für innere Mission betreibt 32 Seniorenheime in Brandenburg; so viele wie niemand anders. Über die Altenpflegehelfer heißt es von dieser Seite: »Das ist eine sehr sichere Berufsperspektive mit Aufstiegsmöglichkeiten.« Wer möchte und dazu fähig ist, kann nach der einjährigen Schule draufsatteln und dazu ins zweite Lehrjahr der richtigen Altenpfleger wechseln.

Dass 50 Prozent der Beschäftigten in Seniorenheimen Fachkräfte sein müssen, gilt nicht mehr. Vorgeschrieben ist nur noch eine Fachkraft pro Schicht und Station. Es gibt inzwischen Häuser mit lediglich 25 Prozent Facharbeitern.

Die Gefahr einer Verdrängung der Facharbeiter durch die Pflegehelfer sieht Minister Baaske nicht. In Zukunft werde jede Hand dringend gebraucht, meint er. Die Landtagsabgeordnete Kerstin Kaiser (LINKE) erinnert sich, dass ihre Fraktion anfangs skeptisch war wegen der Qualität der Pflege. »Aber die Qualität von Pflege hängt ja auch davon ab, dass überhaupt genug Mitarbeiter da sind«, begründet sie das Umdenken in dieser Frage. Baaske betont, die Senioren wecken, sie waschen und rasieren, das könne ein Helfer genauso gut. Der Minister weiß, wovon er spricht. Er machte das selbst einmal bei einem Praktikum.

Wer mit EU-Förderung Altenpflegehelfer werden möchte, muss in der Regel arbeitslos und schwer vermittelbar, aber körperlich fit sein - und er muss Herzenswärme und Interesse für diese Tätigkeit mitbringen. Nicht jeder eignet sich. Das ist SOWI-Chefin Gisela Weiß bewusst. Mancher verkraftet den täglichen Umgang mit Hinfälligkeit und die Begegnung mit dem Tod nicht, obwohl die Arbeit auch Freude bereiten kann. Deshalb werde niemand vom Jobcenter gezwungen, diese Ausbildung zu machen, versichert Gisela Weiß. Die Männer und Frauen, die nebenan Unterricht haben, wollten alle in die Altenpflege.

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