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Das unliebsame Kapitel Kollaboration

Ein Memorial für das Deportationslager Drancy - Frankreichs Schwierigkeiten mit dem Eingeständnis von Schuld

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Das neue Memorial in Drancy
Das neue Memorial in Drancy

Das Lager Drancy bei Paris, von dem aus 1942 bis 1944 über 63 000 Juden nach Auschwitz deportiert worden sind, hat seit kurzem ein würdiges Memorial. Insgesamt 63 Bahntransporte waren hier zusammengestellt worden, der letzte am 17. August 1944, kaum eine Woche vor der Befreiung von Paris. Nur knapp 2500 Deportierte kehrten nach der Befreiung vom Faschismus zurück. Hunderte in Drancy Internierte waren als Geiseln zur Vergeltung für Anschläge der Résistance auf dem Mont Valerien nördlich von Paris füsiliert worden.

An die Gefangenschaft, an Hunger, Krankheiten und brutale Behandlung durch die französischen Gendarmen, die unter der Leitung deutscher Offiziere das Lager bewachten und verwalteten, vor allem an die Ermordeten erinnerten bisher nur ein erst 1976 errichtetes Denkmal und ein 1988 aufgestellter Eisenbahnwaggon. Dies empfand der seit 2001 amtierende bürgerliche Bürgermeister von Drancy wie schon sein kommunistischer Amtsvorgänger als empörend und beschämend. Vor zehn Jahren ergriff die Stadt die Initiative und erwarb ein Grundstück gegenüber dem ehemaligen Lager, auf dem sich heute Sozialwohnungen befinden. Das Grundstück wurde der Stiftung zum Gedenken an die Schoah kostenlos zur Verfügung gestellt, und diese beschaffte nun das Geld für den Bau des Memorials.

Der schlichte vierstöckige Neubau des Schweizer Architekten Robert Diener ist zum ehemaligen Lager hin voll verglast. Im ersten Stock ist ein Dokumentationszentrum eingerichtet, in zweiten gibt es Räume für Veranstaltungen, im dritten ist eine ständige Ausstellung zu sehen; das Untergeschoss beherbergt einen Konferenzsaal. In der Ausstellung sind die wenigen erhalten gebliebenen Gebrauchsgegenstände, Briefe und Fotos von Häftlingen aus Drancy zu sehen, ergänzt durch Tafeln mit Texten über die Geschichte des Lagers sowie über das Schicksal der Gefangenen und Deportierten. Aus Archivmaterial und Interviews der Shoah-Stiftung mit Zeitzeugen erstellte Filme des renommierten Dokumentaristen Patrick Rotman ergänzen die Exposition.

Zur Eröffnung des Memorials waren Präsident François Hollande, sein Premier Jean-Marc Ayrault sowie mehrere Minister nach Drancy gereist. Bezeichnenderweise haben sich damit das erste Mal überhaupt ein französischer Staats- und Regierungschef an diesen historischen Ort begeben, der mit einem lange verschwiegenen Kapital der Geschichte Frankreichs verbunden ist. Darauf ging Hollande in seiner Rede ein. Er betonte, dass es französische Polizisten und Gendarmen waren, die seinerzeit Juden verhaftet, eingekerkert, geschunden, schließlich in Viehwagen verladen und in den sicheren Tod geschickt haben. Zwar waren die Verhaftung und Deportation von dem deutschen Besatzungsregime angeordnet worden, doch ausgeführt haben die Order willige Beamte der Regierung von Marschall Pétain in Vichy. Von »dunklen Stunden der Kollaboration« sprach Hollande. »Wir schulden den jüdischen Märtyrern die Wahrheit über das, was vor 70 Jahren passiert ist. Die Wahrheit ist, dass dieses Verbrechen in Frankreich durch Frankreich begangen wurde.«

Hollande erinnerte daran, dass ein Amtsvorgänger, Jacques Chirac, 1995 dies erstmals anerkannt, wenn auch vorsichtig umschrieben habe als »das Ungeheuerliche, dessen Frankreich sich schuldig gemacht hat«. Alle anderen Präsidenten, auch der Sozialist François Mitterrand, hatten sich dazu nicht durchringen können. Und auch Hollande wurde noch wegen seines Bekenntnisses rüde angepöbelt. »Ich bin empört«, wetterte z. B. Sarkozys engster Berater Henri Guaino. »Mein Frankreich war nicht in Vichy, sondern in London. Mein Frankreich hat mit diesen Verbrechen nichts zu tun.« Und Bruno Le Maire, Minister unter Sarkozy, meinte spitzfindig: »Man setzt Frankreich mit dem französischen Staat gleich. Besser wäre es zu sagen, dass die Verhaftungen und Deportationen durch den Staat von Vichy erfolgten und nicht durch Frankreich.« Da war Sarkozy selbst schon mal geradlinieger, als er 2007 äußerte: »Es gibt nur eine Geschichte Frankreichs und nicht zwei, so wie es auch nur ein Frankreich gibt.«

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