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Damals, in Berlin

Günter Kunert über Grunderlebnisse, die Zukunft des Buches und darüber, wo er begraben werden möchte

In regelmäßigen Abständen führen der Physiker und Lyriker Ingolf Brökel und der Schriftsteller Günter Kunert Gespräche über Dichtung - vor allem über die von Günter Kunert

nd: Herr Kunert, eigentlich haben Sie alles geschrieben bzw. beschrieben: in Gedichten, Essays, Prosastücken, Erzählungen, Geschichten, in einem Roman, einer Autobiografie, in Hörspielen, Hörbüchern, Drehbüchern und in einem Stück - eigentlich ist nichts mehr zu sagen! Also, warum schreiben Sie noch?
Ich könnte jetzt einmal seriös und einmal unseriös antworten. Unseriös wäre: Ich bekämpfe damit die Langeweile. Und seriös: Weil mich die Welt, in der ich lebe, in vieler Hinsicht in ihrem Entwicklungsgang betrübt und auch verstört, und um nicht an ihr so zu verzweifeln, dass ich mich von ihr verabschiede, schreibe ich eben.

Unser Gespräch heute findet an einem Nachmittag statt. Was treiben Sie sonst an Nachmittagen?
Das ist ganz unterschiedlich. Heute ist ein wunderbarer Tag. Bei diesem Wetter und wenn das Gras hoch genug ist, setze ich mich auf meinen Traktor und mähe. Ist das Wetter nicht entsprechend, lese ich oder zeichne ich. Es haben sich sehr viele Bilder angesammelt, da könnte ich mich auch so genieren wie über die Masse meiner Texte, und diese Bilder, es sind an die 700, gehen nach Hannover ans Museum für Karikatur und Zeichenkunst als ständige Leihgabe. Und damit die Wände nicht völlig kahl werden, muss ich natürlich hin und wieder was zeichnen oder malen. Und dazu ist der Nachmittag ganz gut.

Was lesen Sie ?
Das, was man obenhin Sach- und Fachbücher nennt, wenig Belle- tristik. Ich bin ein verhinderter Archäologe und Historiker, auch Abonnent der Zeitschrift »damals«, die übrigens sehr gut ist. Dann Zeitgeschichtliches, wie Philipp Blom mit seinem »taumelnden Kontinent« - die Geschichte Europas bzw. Deutschlands von 1900 bis 1914, also bis zur Urkatastrophe. Das ist in der Hauptsache meine Lektüre.

Belletristik nun nicht mehr so viel?
Belletristik nicht mehr so.

Haben Sie Enttäuschungen mit Autoren erlebt, oder lesen Sie die Autoren jetzt anders als früher?
Nein, ich habe das meiste nicht noch mal gelesen. Ich erinnere mich aber gut an die Bücher, die mich sehr beeindruckt und in meinem Leben beeinflusst haben. Für mich war Proust ganz wesentlich. Das war etwas, was mir lange nachgegangen ist, eigentlich bis heute!

Kafka sicherlich auch.
Ja, Kafka sowieso. Und Hebbel, die Tagebücher. Grandios.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Ich wache immer sehr früh auf, so halb sechs, sechs Uhr. Um die Rotationen im Bett zu vermeiden, stehe ich dann auf. Entweder ich mache mir Notizen oder lese etwas, was ich den Tag vorher noch nicht beendet habe, oder ich schreibe einen Brief oder klebe eine Postkarte zusammen. Ich habe nämlich einen Freund, mit dem ich etwas ausgefallene, selbst gestaltete Postkarten wechsele. Dann decke ich den Frühstückstisch, meine Frau wird später wach. Und wenn ich dann lustig bin, etwas zu tun, arbeite ich am Vormittag. Vormittag ist die beste Arbeitszeit.

Manchmal kommt so am frühen Abend ein Gedicht zu mir. Aber, wie schon gesagt, dann zeichne ich ein wenig oder lese oder gehe mal bei schönem Wetter durch den Garten und treibe irgendeinen Unfug mit mir.

Haben Sie eine gewisse Norm beim Schreiben, zum Beispiel zwei Seiten am Vormittag?
Nein. Also ich arbeite fast jeden Vormittag an dem, was ich mein Big Book nenne. Es sind Reflexionen unterschiedlichster Art: zur Zeitgeschichte, zu Ereignissen, zu ganz merkwürdigen Vorgängen. Ich schneide mir aus Zeitungen obskure Meldungen aus, die ich dann einklebe und als Reflexionsgegenstand benutze, oder ich schreibe Erinnerungen auf oder was ich in der Nacht geträumt habe. Ein buntes Buch also. Es wird auch im nächsten Jahr wieder eine Auswahl daraus bei Hanser erscheinen, »Tröstliche Katastrophen« der Titel. Herausgeber ist wie schon beim ersten Buch Hubert Witt, weil ich vor diesem Gauri Sanka, vor diesem Berg von Texten kapituliere. Es sind ja an die 6000 Texte. Aber einer muss die Auswahl treffen. Und das macht Hubert Witt.

In diesem Jahr erscheint im Aufbau-Verlag ein Büchlein, das heißt »Kunerts Katzen«. Darin sind Zeichnungen, Bilder, Radierungen - alles, was ich mit Katzen bildnerisch angestellt habe. Dazu Texte, die meist schon veröffentlicht waren, also ein buntes Bilderbuch.

Aber Gedichte, die schreiben Sie noch?
Es tröpfelt. Es ist nicht mehr aus der Fülle geschöpft. Doch hin und wieder entsteht ein Gedicht.

Woraus schöpfen Sie Ihre Ideen und Themen? Sie haben schon gesagt, vielfach aus den Zeitungen und Medien ...
Ja, für das Big Book. Aber nicht nur aus den Medien, sondern auch aus dem, was mir das Erinnern und die Träume zutragen. Ich träume des Öfteren von Berlin. Es ist ganz merkwürdig, denn es ist meist das zerstörte Berlin, durch das ich dann gehe. Oder ich gehe durch Bezirke, die es gar nicht mehr gibt, die ich aber als Kind oder junger Mann, bevor sie abgerissen wurden, noch kennen gelernt habe. Zum Beispiel die Gegend um den Alexanderplatz, Keibelstraße, Res- te des alten Scheunenviertels, wo Verwandte lebten.

Gerade diese frühen Eindrücke haben sich verfestigt; werden im Schlaf aus dem Unterbewusstsein in irgendwelche Gehirnzellen gehoben und erscheinen dann vor mir.

Das passiert Ihnen nur mit Berlin?
Ja, merkwürdig. Zum Beispiel träume ich nie von Kaisborstel. Eigenartig, in meinen Träumen taucht die Landschaft von Schleswig-Holstein gar nicht auf.

Sie kennen ja Kafkas »Mütterchen mit Krallen«.
So ist es. Es war die Zeit der starken Eindrücke der Vorkriegszeit, der Kriegszeit und der Nachkriegszeit. Und diese Eindrücke sind nicht mehr zu überlagern von späteren Eindrücken.

Ich dachte, Sie hätten sich Berlin irgendwann von der Seele geschrieben.
Natürlich. Aber im Zustand des Schlafes, wenn das Unterbewusstsein sich öffnet, tritt alles wieder in Erscheinung.

Ich habe ein ähnliches Problem mit meinem Geburtsort und mit dem Ort, in dem ich aufwuchs. Sehr viele Gedichte sind darüber entstanden, kaum etwas über Berlin, obwohl ich vierzig Jahre da lebe. Es ist sicher das Grunderlebnis.
Es ist das Grunderlebnis. Bei mir ist es noch psychisch damit verbunden, was mir angetan wurde, indem es andern auf schlimmere Art und Weise angetan wurde: Das ist so prägend!

Haben das Land Schleswig-Holstein, in dem Sie nun leben, und die Leute hier Einfluss auf Ihr Werk?
Doch. Man schottet sich nicht ab gegen die Umwelt - Proust im Korkzimmer. Das Leben in der Dreiviertel-Natur kann man nicht ignorieren. Solange es kein schlechtes Wetter gibt und man die Jahreszeiten noch miterlebt und mitlebt und sieht, wie alles verfällt und dann irgendwie wiederkommt, schafft das Eindrücke, die der Dichter nicht abschütteln kann. Ich bin ja Realist, wie Sie wissen: Das ist die Umwandlung des Erlebten, Erfahrenen, Gesehenen, Gehörten, Gerochenen ins Geschriebene.

Sie haben über das Erinnern gesprochen. Berlin werden Sie nicht mehr los: Sie werden in Berlin enden?
Na, ich werde nicht in Berlin enden, ich werde in Berlin meine letzte verdiente Ruhe finden. Ich habe das alles schon bezahlt: mein Grab, mein Grabstein, alles sehr teuer!

Wo werden Sie beerdigt?
In Weißensee.

Auf dem Jüdischen Friedhof.
Da liegen auch meine Eltern. Ich kann Ihnen nachher mal ein Foto zeigen, wie das Grab aussieht.

Dann kann ich Sie besuchen …
Fahren Sie vorsichtig zurück …

Dann dürfen Sie mir keinen Wein mehr geben. Auf den Dorotheenstädtischen Friedhof wollen Sie nicht?
Um Gottes Willen. Wissen Sie, nachdem der Brecht da lag, drängelten sich alle Todeskandidaten, dort auch zu liegen. In der Hoffnung: Wer zu Brecht geht, wird auch mein Grab sehen und mich besuchen und eine Zigarre niederlegen.

Nein, diesen Friedhof haben Sie nicht nötig.
Ich finde es auch furchtbar, wenn die Prominenz massiv auftritt.

Wie sehen Sie die Zukunft des Buches?
Schwarz, schwarz, schwarz.

In Polen zum Beispiel sollen demnächst alle Schulen mit e-books ausgestattet werden. Wird das Buch eine Rarität werden?
Es wird eine Elite geben, die weiterhin lesen wird. Dann wird es eine Schicht von Leuten geben, die auch lesen kann, aber den Schund liest. Die große Masse liest dann überhaupt nicht mehr. Es tritt leider, leider eine furchtbare Verblödung ein.

Das kann ich nur bestätigen. Ich arbeite an einer Hochschule. Trotz geringer werdender Anforderungen werden die Leistungen der Studenten schlechter. Der Student ist ja grundsätzlich mit Laptop und Handy ausgestattet, aber in der Prüfung darf er den Laptop nicht benutzen, muss das Handy ausschalten ...
Dann schaltet er sich selbst aus.

Herr Kunert, Sie sind ja in erster Linie Lyriker.
Das ist das Primäre. Alles andere ist das Kreisen um den Kern.

In den Texten Ihres letzten Gedichtbandes habe ich in Art, Inhalt und Form keine wesentlichen Veränderungen zu den Bänden davor bemerkt. Man kann noch nicht von Alterswerk sprechen: Haben Sie sich festgeschrieben?
Glaube ich nicht.

Dann wünsche ich Ihnen, dass das Alterswerk erst sehr spät beginnt und lange andauert.
Danke.

Ingolf Brökel liest am kommenden Donnerstag, dem 22. November, 20 Uhr, aus seinem Band »im abraum«: Berliner Volksbühne, Roter Salon.

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