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Genossenschaften liegen im Trend

Fachtagung der Linksfraktion zeigt Potenzial dieser Wirtschaftsform

In der Krise haben Genossenschaften Konjunktur. Eine Fachkonferenz der Linkspartei beschäftigte sich deshalb auch mit den Zukunftsaussichten dieser Unternehmensform.

Sind Genossenschaften im Trend? Auf jeden Fall habe das UN-Jahr der Genossenschaften der Unternehmensform einen Schub verpasst, resümierte die Bundestagsabgeordnete Kirsten Tackmann auf der Linkspartei-Fachkonferenz »Genossenschaften - Gegenspieler zur Macht der Märkte und Finanzen« am Donnerstag in Berlin.

Genossenschaften sind besondere Unternehmensformen. Alle Mitglieder können mit dem gleichen Stimmrecht über die Tätigkeiten ihres Unternehmens entscheiden. Sie sind gleichzeitig Anteilseigner und Nutzer. Damit unterliegen sie nicht vorrangig dem Gewinnstreben. »Genossenschaften werden in diesen Zeiten wieder interessanter, gerade weil es nicht nur um hohe Rendite geht«, sagt Heinz Bierbaum, Linkspartei-Abgeordneter im saarländischen Landtag. Er erklärt die Renaissance auch mit der wachsenden Kritik an der kapitalistischen Organisation der Wirtschaft.

Der Trend zeigt sich an der steigenden Zahl der Neugründungen. Die Hälfte davon gibt es im Bereich der Energiewirtschaft, erklärt Mathias Fiedler vom Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften; er kündigte aber auch an, dass das nicht so bleiben werde. Durch die Einspeisevergütung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hätten Energiegenossenschaften einen Aufschwung erlebt. Durch die garantierte Abnahme ihrer Energie für 20 Jahre hätten sie enorme Planungssicherheit gehabt, so Fiedler. Dieser Aufschwung werde mit den geplanten Gesetzesänderungen abebben.

Ebenfalls einen Aufschwung erleben genossenschaftliche Dorfläden. Gerade in ländlichen Strukturen können sie die Versorgung mit Lebensmitteln ohne lange Anfahrtswege gewährleisten. Doch hier ist viel Engagement gefragt. »Es kommt darauf an, dass die Bewohner auch tatsächlich so gut wie alle Einkäufe hier erledigen und nicht nur den Liter Milch, den sie beim Großeinkauf vergessen haben«, warnt Fiedler. Sonst sei es mit der Anfangseuphorie bald wieder vorbei, denn rechnen müssen sich Genossenschaften auch jenseits des sozialen Mehrwerts, den ein gemeinschaftlich organisierter Dorfladen hat. Schließlich seine sie den gleichen Marktkriterien unterworfen wie andere Firmen.

Stutzig am Genossenschaftstrend macht aber, dass selbst Wirtschaftsminister Philipp Rösler, als FDP-Mitglied ein Fan des Marktliberalismus, sich begeistert zeigt von der Idee. Bei der Auftaktveranstaltung zum Internationalen Jahr der Genossenschaften in Berlin lobte er die Genossenschaft als »gelebte soziale Marktwirtschaft«. Was Rösler begeistert, sorgt an anderer Stelle für Unmut. Denn der Trend zur Genossenschaft, die trotz allem privatwirtschaftlich organisiert ist, unterstützt den Rückzug des Staates aus der öffentlichen Daseinsvorsorge. »Sozialstaat, sozialer Wohnungsbau, öffentliche Energienetze - all das können und sollen Genossenschaften nicht ersetzen«, kritisiert die Publizistin Elisabeth Voß.

Gleichzeitig sind Genossenschaften nur so demokratisch, wie ihre Mitglieder engagiert sind. Besonders in Großgenossenschaften sei den Mitglieder oftmals gar nicht klar, welche Rechte sie haben. Das kritisiert auch die Initiative »Genossenschaften von Unten«. Sie fordert mehr Mitbestimmung, gerade bei den großen Wohnungsbaugenossenschaften.

Doch trotz der Kritik, die in erster Linie darauf zielt, die grundsätzlich solidarische Unternehmensform zu verbessern: Genossenschaften haben in Deutschland derzeit rund 21 Millionen Mitglieder. Und die Diskussionen um die Zukunft der Wirtschaft zeigen, dass der Trend wohl anhalten wird.

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