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Glück - dennoch

Christa Wolf: »August«, eine Erzählung aus dem Nachlass

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Von einem Jungen ist die Rede, der schon in Christa Wolfs großem autobiografischen Buch »Kindheitsmuster« vorkam. Also mag der Leser vermuten, hier ein paar damals gestrichene Seiten vorgesetzt zu bekommen. Aber der Text ist von 2011. Sie hat ihn am 28. Juli ihrem Mann, Gerhard Wolf, geschenkt. »Ein paar beschriebene Blätter« - er wird die Botschaft verstanden haben, wie alles, was von seiner Christa kam.

Da sitzt also ein Mann namens August am Steuer eines großen Reisebusses. Eine seiner letzten Fahrten, bald hat er das Rentenalter erreicht. Hinter ihm eine Gruppe »quietschvergnügter Senioren«, die es sich gerade in Prag haben gut gehen lassen. Warum auch nicht. Singen miteinander im Chor »Auf der Lüneburger Heide«. Und August: Sitzt auf seinem Fahrersitz, und eigene Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Das Schloss im Norden fällt ihm ein, »Mottenburg« genannt, weil dort nach dem Krieg Tbc-Kranke untergebracht waren - in großen, kaum geheizten Sälen, darunter auch er, dem eine Pappkarte mit der Aufschrift »Waise« umgehängt war. Er ist nicht der einzige, der die Eltern verloren hat oder noch verliert.

Es wird mehrfach gestorben im Buch, es wird getrauert, aber große Verzweiflungsausbrüche gibt es nicht. Mit dem Tod waren die Menschen damals enger vertraut als wir heute, denkt man beim Lesen. Auch, was es für einen Unterschied macht, den Krieg erlebt zu haben oder erst später geboren worden zu sein. Solche Fragen hat sich unsereins lange nicht gestellt. Es schien so selbstverständlich, dass die Älteren in der gleichen Wirklichkeit waren wie die Jüngeren. Wie viel haben sie wohl heruntergeschluckt oder überspielt, um diesen Anschein zu erwecken? Auch vor sich selbst.

August am Lenkrad kann es sich doch nicht leisten, den Halt zu verlieren. Also schweifen seine Gedanken sehr ruhig in die Vergangenheit. Wie die Lilo aus dem Frauensaal damals so schön sang und wie ärgerlich er insgeheim war, dass sie sich nicht nur um ihn, sondern auch um die anderen Kinder kümmerte. Wie es an Heizmaterial und vor allem an Fett fehlte, das Tuberkulosekranke so dringend brauchten, wie das kleine »Hannelörchen« starb, wie die Mutter von Klaus und Anneliese im Sarg hinausgetragen wurde. Und schließlich umarmte ihn Lilo zum Abschied. Als geheilt entlassen - er konnte sich nicht freuen.

Aber das Leben ging weiter. Und gleich denkt er an seine Frau Trude, mit der er so gern auf dem Balkon saß. »Man gewöhne sich daran, hatten sie ihm gesagt, als Trude gestorben war.« Aber jedes Mal kostet es August Überwindung, die Tür zur leeren Wohnung aufzustoßen ...

Wie Christa Wolf das alles erzählt, wird es nicht zu etwas Spektakulärem. Alles bleibt in einem lichten Grau. Vielleicht war es die Stimmung, in der sie sich selbst schon so lange befand. Da mochte es sogar tröstlich sein, diesen August vor sich zu sehen, der so gar kein »Held im Schriftlichen« war. »Über sich selbst nachzudenken, ist ihm nie eingefallen«, bemerkt sie. Also konnte der Text nicht dieses Grabende, Ergründende haben, das man mit Christa Wolfs Stil verbindet. Kein Trotz mehr, kein Aufbegehren. Sich-Abfinden nun.

Betrachtung der Welt mit klarem, altersweisen Blick: Wonach jagt ihr? Was glaubt ihr, am Ende zu bekommen? Glück - das steht euch zu. Aber was ist das? Tage im Glanz - genießt sie, aber versteht: So kann nicht das ganze Leben sein.

August kommt nach Hause, in die Wohnung ohne Trude, und kann nicht so recht in Worte fassen, was in ihm ist. »Er fühlt etwas wie Dankbarkeit dafür, daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde.« So hat es Christa Wolf formuliert. Und im Brief an ihren Mann: »Wir sind in Jahrzehnten ineinandergewachsen ... Ohne dich wäre ich ein anderer Mensch. Aber das weißt Du ja. Große Worte sind zwischen uns nicht üblich. Nur soviel: Ich habe Glück gehabt.«

Christa Wolf: August. Erzählung. Suhrkamp. 38 S., br., 14,95 €

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