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Rettung im Gedicht

Marion Tauschwitz über Hilde Domin

  • Von Friedrich Albrecht
  • Lesedauer: 3 Min.

Jahre lang hat Marion Tauschwitz mit Hilde Domin in engem Kontakt gestanden, war ihr zur Freundin geworden und hat nach dem Tode der berühmten Lyrikerin in langwieriger Arbeit die ganze Fülle der hinterlassenen Dokumente ausgewertet. Erstes Ergebnis war die 580 Seiten starke Biografie »Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin«, die von der Kritik als Standardwerk gewürdigt wurde. Das neue Buch von Marion Tauschwitz nun baut auf diesem enormen Wissen auf, fügt ihm aber eine weitere Dimension hinzu.

Zwanzig Gedichte Hilde Domins aus vier Jahrzehnten werden zum Angelpunkt ausführlicher biografischer Erkundungen. Welche Szenarien sich da vor dem Leser öffnen! Da sind die Lebensstationen, die die 1909 in Köln geborene jüdische Emigrantin durchschreiten musste: das Italien Mussolinis und zwölf Jahre in der Dominikanischen Republik unter Diktator Trujillo, Aufenthalte in Haiti, den USA und in Spanien - eine lange Zeit der Heimatlosigkeit also. Da sind die dramatischen Konflikte in ihrer Ehe mit dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, den sie bis zu seinem Tode liebte, obwohl er sie immer wieder tief demütigte, mit einer reichen Kubanerin hinterging und, in seinen eigenen literarischen Versuchen ein epigonaler Dilettant, ihre Poesie nicht zu schätzen wusste.

Und da ist die Geschichte ihres Schreibens. Über zwei Jahrzehnte war sie ja kaum mehr als eine gefügige Angestellte Palms, zu dichten begann sie erst als über Vierzigjährige. Auslösende Momente waren eine tiefe Krise nach dem Tod ihrer Mutter und die Zerrüttung ihrer Ehe. »Dem Tod näher als dem Leben fand sie Rettung im Schreiben«, meint Marion Tauschwitz. Es »war die Rettung vor Selbstmord oder Irrenhaus«, so Hilde Domin selbst. Das war 1951/52, die schmerzlichen Erlebnisse färbten ihre Lyrik, an der sie beharrlich weiterarbeitete. Aber die Gedichte zeigen auch eine Frau, deren Lebenszuversicht trotz allem nicht zu erschüttern war.

Erst 1959, fünf Jahre nach ihrer Heimkehr, erschien der Gedichtband »Nur eine Rose als Stütze«, publiziert im S.Fischer-Verlag, von keinem Geringeren als Walter Jens zu seinem »Buch des Monats« gewählt. Die Sammlung begründete mit einem Schlag Hilde Domins Ruf als eine der namhaftesten deutschen Lyrikerinnen. Ansonsten war die Heimkehr in das Land, das sie und ihr Mann 21 Jahre zuvor verlassen mussten, in mehr als einer Hinsicht schwer. Sie stießen immer wieder auf latenten Antisemitismus, die Bemühungen ihres Mannes um eine Universitätsstellung scheiterten lange an bürokratischen Hürden, die Auseinandersetzung um die ihnen zustehende Wiedergutmachung zog sich über sieben Jahre hin.

Hilde Domin verlor den Mut nicht. Sie suchte den Kontakt zu Lesern, trug ihre Lyrik in Schulen, Gefängnissen und Kirchen vor. Auch das kann man aus den von Marion Tauschwitz ausgewählten Gedichten lernen: Niemals aufzugeben.

Marion Tauschwitz: Hilde Domin. Das heikle Leben meiner Worte. Zwanzig Gedichte Hilde Domins und ihre Geschichte. VAT Verlag. 220 S., br., 18,90 €

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